Prix Laurence - Bettembourg Prix Laurence 2019 - Luxembourg
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Prix Laurence 2019

Gira Tina - Ich hätte etwas tun können...





Blasser Mondenschein belichtete den kleinen Hügel, gedämpft durch die Lichter der nahen Stadt. Ein silbern glänzender Fluss schlängelte sich durch die Landschaft, der immer wieder von schweren Metallbrücken überquert wurde. Die Wiesen waren peinlich genau eingezäunt. Die Straßenlaternen an der viel befahrenen Hauptstraße waren so hell, dass kein einziger Stern zu erkennen war. Nie war es auch nur für ein paar Sekunden still, immer war ein leises Rauschen der Automotoren zu hören. Die ganze Umgebung war deutlich gekennzeichnet von Menschen.

Inmitten des Ganzen, auf dem kleinen Hügel, saß eine schöne, silbern getigerte Kätzin. Den schlanken Kopf hoch erhoben spiegelte sich in ihren blassgrünen Augen der kaum zu erkennende Mond. Sie saß da und wartete. Wartete auf jemanden, von dem sie hoffte, dass er kommen würde. Hoffte, dass es noch nicht zu spät war.

Als endlich ein leises Knacken im Unterholz das Ankommen einer zweiten Katze ankündigte, stand die Silberngetigerte langsam auf. Als ihre Pfoten den vertrockneten Boden berührten, sprossen dort sofort wieder Blumen in die Höhe. Aus einem Gebüsch schlängelte sich eine blassrote Kätzin mit einer weißen Schwanzspitze. Leise fluchend stieß sie mit der Pfote eine Plastikdose zur Seite, die jemand achtlos in die Natur geworfen hatte. „Tja Lenora, sieht so aus, als wären deine Bemühungen als Hüterin der Natur umsonst gewesen…“, stellte der Neuankömmling fest und ließ sich neben ihrer Freundin nieder. „Ich weiß nicht wie du, Flame, es als Hüterin schaffst, dass die Menschen immer noch an wahre Liebe glauben. Aber hier in der Natur ist alle Hoffnung verloren.“ Traurig betrachtete Lenora einen jungen Fuchs, dem die einzige Beute seit Tagen verloren gegangen war, weil das Kaninchen unter einem Elektrozaun durchgelaufen war.

„Früher hatte ich gedacht, ich müsste den Menschen nicht zeigen, dass es eine schlechte Idee ist, die Natur zu verändern und die Umwelt auszubeuten. Dass sie irgendwann von selbst darauf kommen würden, spätestens nach der ersten durch ihr Einwirken entstandene Atomkatastrophe. Doch verstehen sie etwas? Nein. Manche wollen etwas unternehmen, aber das dauert viel zu lange. Manche geben sich nach außen hin, als ob sie ganz viel tun würden und zuhause werfen sie ihre Plastikflasche irgendwo hin. Und dann gibt es noch die, denen alles egal ist. Bis das eine Problem aus der Welt geschaffen wurde, hat der Plastik sie schon lange alle getötet…“ Seufzend nahm sie vor ihrem inneren Auge ein Szenario wahr, bei dem ein Autofahrer eine leere Bierdose aus dem Fenster warf. Sie hatte schon lange aufgehört zu zählen, wie oft das passierte. „Früher hätte ich etwas tun können. Ich hätte dem Ganzen ein Ende setzen können.  Ich hätte ihnen ins Gewissen reden, sie überzeugen können. Ich hätte etwas tun können… Aber nun ist es zu spät. Das Problem ist da und höchstens wieder aus der Welt zu schaffen, wenn jeder mithilft. Aber wird das jemals passieren?“

Nachdenklich ließ sie den Blick in die Ferne schweifen. „Wenn nicht bald etwas passiert, wird die Natur sich aufbäumen. Und dann werden die Menschen sich fragen, warum sie nichts getan haben. Irgendwann werden sie einmal von ihren Kindern gefragt werden, warum sie nichts getan haben. Und wenn sich nicht etwas grundlegend ändert, werden sie nur noch antworten können, dass sie nichts getan haben, obwohl sie doch etwas hätten tun können.“

 

 




ageschéckt den: 18:36 Thu, 31 January 2019 vum: Gira Tina

Zeréck

Prix Laurence 2019

Gira Tina - Die Mutprobe





Endlich, endlich war es so weit. Schon seit Wochen hatte ich mich auf diesen Tag gefreut. Den Tag, an dem die ganze Klasse einen Kletterpark besuchte. Das waren nicht meine Worte. In Wahrheit hatte ich eine Heidenangst vor dem Kletterpark. Aber das durfte ich nicht zeigen, nicht wenn ich dazugehören wollte. Weiter hinten im Bus ertönte Gekicher und Gequieke. Das waren sie, unverkennbar. Ich musste mich nicht einmal umdrehen, um das herauszufinden. Das waren Chiara, Rosalynn und Alicia. Gemeinsam bildeten die drei die beliebteste Clique der Schule. Und vielleicht gehörte ich auch bald dazu. Vor drei Tagen hatte ich meinen ganzen Mut zusammen genommen und ihnen gestanden, dass ich auch gerne zu ihrer Clique gehören wollte, dass ich nicht länger das kleine, unscheinbare Mädchen sein wollte. Erstaunlicherweise hatten sie mich nicht ausgelacht, sondern mir versichert, im Kletterpark würde ich die Möglichkeit dazu bekommen. Meine Angst vor dieser ,,Möglichkeit“ hatte ich bis jetzt gekonnt ignoriert, doch nun, als der Bus mit quietschenden Reifen stehen blieb, beschleunigte sich mein Herzschlag und meine Knie wurden weich. Es war so weit. Der Moment war gekommen.

,,Hey! Amalia! Amalia!“ Beim Klang meines Namens zuckte ich zusammen. Nein. Das war Chiaras Stimme. Dabei hatte ich nach einer geschlagenen Stunde gedacht, sie hätten mich vergessen. Aber nein… Die drei Mädchen hatten sich in einem Gebüsch zusammengekauert und winkten mich heran. Ich fügte mich meinem Schicksal und schlich zu ihnen. „Was ist?“, zischte ich nervös. Wenn unsere Lehrerin uns hier entdecken würde… „Deine Mutprobe!“, flüsterte Rosalynn verheißungsvoll und zauberte einen dicken Schal aus der Tasche ihres Sweatshirts. Wie auf ein geheimes Kommando hin hielt Alicia mich fest, während Rosalynn mir die Augen verband. Die plötzliche Finsternis ließ mich aufkeuchen. „Komm mit!“, sagten die drei wie aus einem Munde und nahmen mich an den Händen. Ich hatte keine Wahl. Ich musste ihnen folgen.

Mit der Augenbinde kam mir jede Sekunde wie eine Stunde vor. Blind stolperte ich durch das Unterholz des Waldes, in dem der Kletterpark stand, bis mit einem Mal der Schal vor meinen Augen verschwand. Wegen des unerwarteten Sonnenlichts musste ich blinzeln und brauchte eine Weile, um mich zu orientieren. Wir standen vor dem allerhöchsten und schwierigsten Parcours. Von da oben bis zum Boden mussten es allermindestens zehn Meter sein. Chiara, Rosalynn und Alicia standen schon bei der Leiter, weshalb auch ich schnell dorthin huschte. „Eigentlich solltest du diesen Parcours absolvieren. Als Mutprobe, versteht sich“, begann Chiara  „Aber wir haben von deiner Höhenangst gehört und deshalb genügt auch der zweithöchste“, erklärte Rosalynn mir gönnerhaft. Ich schluckte. So viel kleiner war der nun auch wieder nicht. Aber das hier war meine einzige Chance. Ich musste meine Angst überspielen. Tief holte ich Luft: „Na, wenn’s weiter nichts ist…“

„Oh doch!“ Zeitgleich fingen die drei an, an meiner Hüfte herumzufummeln und klirrend fiel etwas auf den Boden. Meine Sicherung. Als sie meinen entsetzten Blick bemerkte, grinste Chiara fies. „Sonst wär’s dann aber doch zu leicht“, raunte sie. Meine Atmung beschleunigte sich, mein Magen krampfte sich zusammen. Das konnte doch wohl nicht ihr Ernst? Sie schickten mich in den sicheren Tod! Immer näher kamen sie auf mich zu, drängten mich nach hinten, bis ich mit dem Rücken an der Leiter stand, die zum Parcours hinaufführte. Ich hätte ihr Shampoo riechen können, so nah waren sie mir. „Also?“, grinste Chiara. Sie sah mir genau an, dass ich das nicht machen wollte. „Denk daran, wem wird die Klasse wohl glauben, wenn plötzlich sehr schlimme Dinge geschehen, mit denen du angeblich nichts zu tun hast?“

Meine Augen weiteten sich ungläubig. Nein, das ging zu weit. Ich konnte das hier nicht wirklich machen. Aber wenn nicht… Zögernd drehte ich mich um, berührte mit einer Hand die Leiter. Meine Gedanken wanderten zu meinen Eltern, zu meinem kleinen Bruder Jakob, zu… Nein. Ich wäre verrückt, wenn ich das jetzt wirklich machen würde. Diese Mutprobe war verrückt. Diese Mädchen waren verrückt. Ich wollte nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Mein Wunsch, auch zu ihnen zu gehören, war jetzt meilenweit entfernt. Ich hatte die Menschen erlebt, die unter der beliebten, glänzenden Schale steckten. Und mit denen wollte ich nichts mehr zu tun haben.

„Nein. Schlagt euch das aus dem Kopf“, erwiderte ich mit fester Stimme, schob Rosalynn ein Stück zur Seite und rannte los. Ich wollte nur noch weg. Es gab bessere Wege, um Freunde zu finden. Ich war froh, dass ich mich geweigert hatte. Und nie, nie mehr würde ich mich überhaupt auf so etwas einlassen, das schwor ich mir. Vor Kurzem, als ich die drei Mädchen in der Stadt getroffen hatte, erzählten sie mir, sie hätten das gar nicht ernst gemeint. Ob das stimmt, bezweifele ich. Aber egal. Mit ihrem Rauswurf aus der Schule haben sie ihre rechtmäßige Strafe bekommen. Und meine beste Freundin Sofia ist eh viel besser als sie alle zusammen!


 

 




ageschéckt den: 18:31 Sun, 24 February 2019 vum: Gira Tina

Zeréck

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D'Finallen vum Prix Laurence mat de Live-Liesungen am Café Littéraire:

12 - 17 Joer: 27. Abrëll, 14.30 Auer
18 - 26 Joer: 28. Abrëll, 14.30 Auer

Liesenswäert!
Déi 3 Anthologien vum Prix Laurence 2015/16, 2017 an 2018.
Dir kritt se op der Gemeng Beetebuerg.
 

Books

Kënnt am Abrëll 2019 eraus:
D'Anthologie vum Prix Laurence 2018.
Présentatioun: 23. Abrëll, um 18 Auer, an der Librairie Ernster (Stad).

www.literatour.lu

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Kleng Lecture, déi Iech vläicht weiderbréngt:


HELMUT BÖTTIGER

-  Wir sagen uns Dunkles
Die Liebesgeschichte zwischen
Ingeborg Bachmann und Paul Celan
DVA, 2017


PHILIP ROTH

-  Nemesis
Roman, rororo, 2018


GRACE PALEY

-  A Grace Paley Reader
Stories, essays, poetry

Farrar, Straus and Giroux, 2017

-  Manchmal kommen ...
Gedichte, Schöffling & Co, 2018

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-  Die schönsten Streichhölzer der Welt
Englisch - Deutsch, mit den Gedichten
aus Jim Jarmuschs Film Paterson
Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung, 2017

STEFFEN POPP (Hrsgb.)

-  Spitzen
Gedichte. Fanbook. Hall of Fame.
edition suhrkamp, 2018

JAN WAGNER

-  Die Live Butterfly Show
Gedichte, Hanser Berlin, 2018

ZENO BIANU

-  Infiniment proche
Poésie, Gallimard, 2015

ANTHOLOGIE BEAT ATTITUDE

-  Femmes poètes de la Beat Generation
éditions Bruno Doucey, 2018

CHARLES SIMIC

-  Picknick in der Nacht
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TAHA MUHAMMAD ALI

-  An den Ufern der Dunkelheit
Gedichte aus Palästina
Fischer Taschenbuch, 2013


SERHIJ ZHADAN

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Gedichte und Prosa aus dem Krieg
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HAIKU ANTHOLOGIE

-  Das Buch der klassischen Haiku
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KATE TEMPEST

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Sollen sie doch Chaos fressen
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Gedichte, Suhrkamp, 2016

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Beats, Punchlines, Bitchmoves
édition g. binsfeld, 2017


NICO HELMINGER

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GEORGES HAUSEMER
(1957 - 2018)

-  Fuchs im Aufzug
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-  Déi 20 kleng Bicher am "Schuber"
aus der Collectioun smart
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