Prix Laurence - Bettembourg Prix Laurence 2018 - Luxembourg
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Prix Laurence 2018

Dams Yana - Geruch von Blut und Kaffee






"Als Erstes ist da der Geruch von Blut und Kaffee. Wieso Kaffee? Ich bin doch gerade erst aufgestanden, wie kann dann bereits dieser Geruch das Zimmer erfüllen. Ich liebe den Geruch von Kaffee. Er wärmt auf und löst eine Art tiefste Entspannung in mir aus, so, als würde ich jede einzelne Duftwolke von ihm in mich aufsaugen. Nur diesmal nicht.  Diesmal verwirrt mich sein Geruch, der Duft ist anders als gewohnt, irgendwie schwerer.

Aber dann ist da noch dieses andere Aroma. Es riecht leicht süß, angenehm, nach mehr. Plötzlich gerät eine Welle von Gefühlen in mir Bewegung. Als sei ich süchtig, süchtig nach Blut, nach Macht. Ich bilde mir eine Mörderlust ein, wie ich meine Opfer foltere, quäle und ihnen all das antue, was sie mir auch angetan haben. Nur auf eine etwas andere Art. Wenn sie nach Hilfe schreien, dieses Betteln, Wimmern, Verzweifeln. Während ich mir das alles in meinen Gedanken bildlich vorstelle, bekomme ich vor Gier Gänsehaut.

Ich beschließe, aufzustehen. Langsam schiebe ich die Decke zur Seite, setze mich aufs Sofa und schaue mich um. Alles sieht ordentlich und aufgeräumt auf. So ungewohnt ordentlich. Anders, als es normalerweise ist, obwohl es normalerweise ja auch ordentlich ist. Verwirrung. Ich komme mit meinen Gedanken nicht mehr klar.  Vom Sofa aus werfe ich einen Blick in die nebenliegende Küche. Auch sie ist sauber, ordentlich aufgeräumt. Nur der Kaffee, der in der Kanne auf dem Herd vor sich hin köchelt. Ich stehe auf und gehe Richtung Kanne, als ich am Bad vorbeilaufe. Die Tür steht offen und ich blicke nur flüchtig hinein, geradewegs in den Spiegel, als mir plötzlich die Kinnlade runterklappt. Ich bleibe wie angewurzelt stehen, den Blick auf mein blutverschmiertes Hemd gerichtet. Von da auch dieser Geruch. Aber wieso ist er so angenehm? Was ist passiert letzte Nacht? Ich kann mich an gar nichts mehr erinnern. Ob ich getrunken habe? Ich bezweifle es, denn ich trinke nie. Aber was dann? Dann blicke ich mir geradewegs ins Gesicht. Kratzspuren! Wie kann das möglich sein? Haustiere besitze ich ja auch keine, also muss noch jemand hier gewesen sein. Selbst kann ich mir kaum diese Spuren im Gesicht verpasst haben.

Auf einmal steigt Panik in mir auf. Wieso ist mein graues Hemd auf einmal mehr rot als grau? Woher kommen diese Kratzspuren? Das ergibt alles keinen Sinn. Ich renne zur Haustür. Abgeschlossen! Man kann die Tür aber nur von innen schließen. Wie ist das alles möglich? Der Kaffee pfeift in der Küche. Ob sie hier ist? Oder er? Oder beide? Das kann nicht sein, sie können mir das nicht weiter antun. Ich muss endlich damit abschließen.

Die Erinnerungen steigen wieder in mir auf. Nur teilweise. Verschwommene Bilder von Blut, Spiegelbilder und zerbrochene Fotorahmen tauchen vor meinen Augen auf. Ein weiterer Gegenstand, undeutlich zu erkennen. Ein Messer? Zumindest etwas Scharfes. Das Klirren einer auf dem Boden aufprallenden Tasse erklingt in meinem Kopf. Langsam fällt mir jedes einzelne Bild wieder ein. Es war ein schrecklicher Abend gewesen. Einer, der mich tiefer sinken ließ denn je.  Ich gehe in die Küche, setze mich auf den Stuhl und lasse mir nochmal den gestrigen Abend durch den Kopf gehen.

Ich befand mich allein zu Hause, in meiner eigenen Wohnung. Ich wollte immer schon selbstständig werden. Doch dann dachte ich an sie. An sie und ihn. Mir fielen so viele wunderschöne Erinnerungen zu ihren Gesichtern ein. Wir waren ein Team, ein unzertrennliches Bündel. Doch das war alles nur Vorstellung gewesen. Sie schlugen auf meine Seele ein, spielten damit, zwang sie in die Knie, töteten sie. Nein. Töten ist falsch. Eher zu Tode gezwungen. Als hätte meine Seele keine Wahl gehabt.  Ich habe alles für die beiden getan, doch immer wieder habe ich hören müssen, wie undankbar und respektlos ich sei, dass ich endlich erwachsen werden sollte. Doch ihre Vorwürfe ergaben keinen Sinn. Plötzlich hieß es, ich sei zu erwachsen, mein Humor habe sich total verändert. Jede einzelne Veränderung in mir wurde unterdrückt, ich ließ mich anpassen, zurechtschneiden, sodass es jedem passte. Gestern Abend kam es dann in mir hoch. Diese jahrelange Unterdrückung von Emotionen, Veränderungen, Trauer- und Wutausbrüchen. Vorwürfe machte ich mir, während ich mir durch die Wohnung die Seele aus dem Leib schrie. Die Seele, die zu wenig Kraft zum Leben enthielt. Diese Seele, die erlöst werden wollte. Dessen Erlösung ich versuchte. Dessen Erlösung nicht klappte.

Ich lief in die Küche, nahm die Tasse mit ihrem Foto drauf. Meine beiden besten Freunde. Ich warf sie gegen die Theke, auf der Fotorahmen standen. Diese fielen mit der Tasse zu Boden, zerbrachen. Scherben jeglicher Größe lagen auf dem Boden. Ich fiel auf die Knie mitten hinein. Die Schnittwunden an meinen Knien interessierten mich nicht, sie waren mir egal. Vielleicht wollte ich sie auch nicht sehen. Ich heulte. Tränen rannen mir übers Gesicht. Ich suchte die schärfste Scherbe heraus, schnitt mir in den Arm. Immer und immer wieder, den gleichen Prozess. Links ansetzen, rechts aufhören. Bis meine Hand sich mir entzog. Sie führte sich selbst, ich hatte die Kontrolle verloren. Sie lief nicht von links nach rechts, sondern schlagartig vom Unterarm hoch zur Hand. Mein Arm brannte, aber ich genoss den Schmerz. Er war so angenehm, als helfe er mir, meine Seele zu entlasten. Ich gewann erneut die Überhand, hörte mit dem Schneiden auf und brach zusammen. Ich kippte nach vorne, in die Scherben.

Kurz darauf wachte ich wieder auf. Der Versuch war missglückt. Ich schaute auf meinen linken Arm. Das Blut war bereits am Trocknen, die Wunden waren verdreckt. Doch die größte Schnittwunde blutete immer noch. Ich spielte damit rum, sie sollte nicht aufhören zu bluten. Es war solch ein angenehmer Schmerz, er war so erlösend, und diese Farbe wärmte mich von innen. Ich fragte mich, wieso ich mir das antue. Wegen ihnen? Für sie? Sie würden dies doch eh nie erfahren. Ich schöpfte neuen Mut. Ich ärgerte mich über mich selbst, stand auf und blickte auf den blutverschmierten Boden. Ich griff mir Besen und Schaufel, räumte die Scherben weg und putzte den Küchenboden. Die Uhr zeigte 13 Minuten nach 3 Uhr morgens. Kurz darauf war alles wieder sauber. Aber ich hatte das Gefühl, etwas würde fehlen. Sie wollten mich doch heute besuchen. So gegen 8 Uhr. Ich musste Kaffee kochen. In totaler Verwirrung nahm Ich eine Kanne heraus, schüttete Kaffee hinein und bevor ich die Kanne auf den Herd und diesen auf klein aufstellte, lief ich mir wie eine Ewigkeit erscheinend in der Küche herum. Ich kreiste immer und immer wieder um den Esstisch, mit der Kanne in der Hand, bis ich schließlich zurück zum Herd schwankte und diese aufsetzte. Mein Arm brannte, die Wundern entzündeten sich. Der Schmerz wurde unangenehm. Ich wusch mir das Blut vom Arm, in der Hoffnung, der Schmerz würde mit abgewaschen werden. Aber ich täuschte mich. Eine Wandlung fand in mir statt. Ich rang mit meinen schlechten Gedanken, doch je länger ich kämpfte, desto schwächer wurde ich und desto stärker wurden sie. Ich schmiss mir die Hände vors Gesicht. Dieser Kampf würde endlos sein. Leib gegen Seele. Ein Kampf um Leben und Tod. Die Seele schien zu gewinnen, die zerstörerischen Gedanken kamen wieder hoch. Doch sie blieben nicht. Sie verschwanden immer wieder, doch ganz weg waren sie nie. Dann reichte es mir. Ich hatte es satt zu leiden. Immer wieder so tief zu fallen, dass es mich das Leben kosten könnte. Dann verschwimmen die Bilder wieder und das Letzte, was ich erkenne, ist, dass ich mir nochmal eine Scherbe aus dem Mülleimer angelte und mir noch etwas in den Arm ritzte, bevor ich mich aufs Sofa legte und einschlief. ‘‘

‘‘Zeigst du’s mir bitte? ‘‘

Ich ziehe mein Ärmel hoch, zeige ihm die Wörter, die ich noch mit Leidenschaft erschaffen hatte.

Er liest sie und sagt unerwartet: ‘‘Jey, ich bin stolz auf dich. ‘‘

Ich stehe auf, nicke ihm zu und verlasse seine Praxis.

Zuhause öffne ich meine Mails. Doktor Asch schreibt: ‘‘ Sie werden wiederkommen, das weißt du. Aber wenn sie da sind bin ich es auch. Ich unterstütze den Leib, nicht die Seele. Wirf dann einen Blick auf deinen Unterarm, auch das wird dir helfen. ‘‘

Ich schmunzele. Ich ziehe mein Ärmel hoch und lächele, bevor ich auf einmal vor Freude laut loslache. Auch wenn die Wunde niemals verheilen wird, mein Spruch wird immer zu sehen sein.

Dies behalte ich im Hinterkopf, werfe einen letzten Blick darauf, bevor ich den Arm wieder mit dem Pullover verdecke. Ich werde kämpfen, jedes Mal, wenn es nötig ist. Das schwöre ich mir.

Doch die Worte gehen mir nicht aus dem Kopf:

Man kann zwar nicht ewig die Luft anhalten. Aber doch ziemlich lange.

 




ageschéckt den: 21:42 Mon, 19 February 2018 vum: Dams Yana

Zeréck

Prix Laurence 2018

Dams Yana - Teddy





Jetzt, lange danach, trete ich in mein Zimmer und finde meinen alten Freund wieder. Wie er da sitzt, auf dem Bett, aufrecht, als hätte er längst auf mich gewartet. Er sieht etwas verstaubt aus, der arme kleine Bär, was leider nicht an meine Erinnerungen zurückfällt. Mein Bär, mein einziger Freund, der Einzige, der mir damals immer zuhörte, mit dem ich stundenlang reden konnte, der mich drückte, der immer  bei mir war. Der Einzige, der mein kleines, so kurzes Leben miterlebte.
Ich setze mich aufs Bett, ohne eine einzige Falte zu entfachen, ohne dass die Matratze einsinkt. Ich schaue mich im Raum um; mein alter Schrank steht immer noch da, leicht geöffnet. Der Spiegel vorne an der Tür ist immer noch zerbrochen. Aber man hat die Scherben wieder aneinandergeklebt. Bis auf eine. Diese eine Scherbe, die alles änderte. Mein Schrank ist leergeräumt, und hinten im Zimmer stapeln sich Kisten. Mein Bücherregal ist ebenfalls leer, genauso wie mein Schreibtisch. Meine Zimmerpflanzen stehen aber noch da, genau wie immer; die weiße Rose am Fenster, die weißen Gardinen hängen davor. Meine Tapete, dieses schöne Hellrot, leicht verblasst.
Mein Bär scheint meine Gedanken zu lesen. Er ist wie immer, ruhig, schaut mich an und hört und liest meine Gedanken. Mein Bär, der mein einziges Geheimnis kannte. Wenn ich ihn anschaue, kommen gute Erinnerungen hoch. Wie wir zusammen in Urlaub gefahren bin und ich mich die ganze Fahrt über an ihn kuschelon konnte, wie er mich vor den bösen Geister nachts in meinem Zimmer versucht hat zu beschützen. Er hat immer mit uns gefrühstückt. So oft habe ich mit ihm gelacht, so oft. Und so oft hat er zugeschaut. Diese Nächte, in dem er mich nicht beschützen konnte. Diese Nächte, in denen er zugesehen hatte. Diese Nächte, für die ich nichts konnte. 
Er sieht mich an, als wolle er sagen, dass ich alles überstanden habe, aber er weiß, dass es gelogen ist. Ich wollte doch, dass Papa glücklich ist, ich wollte, dass er Mama nichts tut. Ich wollte, dass er mir meinen Bären zurückgibt, und ich wollte, dass er stolz auf mich ist. Diese Gefühle, als er mir dann die Nächte, in denen Mama nicht da war, ins Ohr flüsterte, dass er mich lieb hat. Ich kann die Gefühle nur noch beschreiben, sie waren schön. Es gibt nichts Schöneres, als wenn dein Papa stolz auf dich ist und dir sagt, dass er dich lieb hat. Diese Gefühle, als er mir Küsse gab, auf die Wange, auf den Hals, auf die Schulter, auf den Bauch. Diese Gefühle, wenn er mir mein Pyjama hochzog, seine Zunge in meinem Nabel vergrub und mit seinen kräftigen, großen Händen durch mein blondes Haar fuhr. Es war alles angenehme Gefühle, im Gegensatz danach. Als ich Mama das erzählte, wurde sie furchtbar wütend. Das verstand ich nie, ich hatte nie das Schlechte in Papa gesehen. Für mich waren diese Berührungen nichts grausames, dachte, dass jeder Vater seine Tochter küsst, umarmt, knuddelt. Was macht das denn für einen Unterschied ob das jetzt auf der Couch, in der Küche bei Besuch oder im Schlafzimmer ist?

Papa war der Beste, bis dass eines Nachts Mama nicht mehr nach Hause kam. Es war bereits spät, ich war müde. Ich war 16, schön, jung und stur. Als Papa nachts in mein Zimmer kam, fuhr ich hoch. Er gab mir einen Kuss auf die Stirn, er fuhr mit seinen Händen durch mein Haar. Ich umarmte ihn, fühlte mich immer sicher und wohl, er schenkte mir Aufmerksamkeit, wie der Vater halt seiner Tochter diese schenkt. Aber etwas war anders diese Nacht. Er küsste meine Wangenknochen, meine Wangen, meinen Hals, meine Schulter. Er zog meinen Pyjama hoch, aber ich drückte ihn weg. Ich wollte nicht mehr, dass er mich auszog, wollte auch mal meine Privatsphäre und mein Körper gehörte doch nur mir. Vater musste das verstehen. Ich wollte es ihm erklären, war mir sicher dass er das verstehen würde. Er war auf diese Reaktion nicht gefasst, rastete aus. Eine Duftwolke von Alkohol umhüllte ihn. Er schlug mir ins Gesicht, zog mir an den Haaren, riss mir mein Nachthemd vom Leib. Ich wollte ihm meinen Körper nicht zeigen, verschränkte die Arme vor meinen Brüsten. Ich schrie, er hielt mir den Mund zu. Angst, Versagen, Schuldgefühle jagten mir durch den Kopf, ich spürte, wie meine Seele zerriss, zerbrach, in tausend kleine Scherben. Ich war innerlich gebrochen, zu schwach für diese Welt, zu enttäuschend für ihn. Er drückte mich auf die Matratze, den Kopf nach unten. Mit einer Hand zog er mir meine Hose aus, öffnete die seine. Ich weinte, versuchte mich loszureissen, aber das verschlimmerte alles nur noch. Ich verstand nicht, wieso Papa das machte. Wo war seine Zärtlichkeit, seine Aufmerksamkeit, seine Liebe? Bei jedem seiner Stöße durchdrang mich einen grausam stechenden Schmerz, das Gefühl, als würden die Scherben meiner Seele mich innerlich aufschlitzen, mir meine Kräfte und meine Hoffnung nehmen, mich innerlich umbringen. Er zog mir an den Haaren, ich musste hochschauen. Da erblickte ich meinen Bär. Er schaute zu, er tat nichts. Ich rief nach ihm, verzweifelt, nach Luft schnappend während Papa immer wieder sagte, dass ich ihn enttäuschte, dass ich es wieder gutmachen musste, dass ich die Schuld für Mamas Verschwinden war. Ich war schuld, ich ganz allein. Ich musste büßen, jede Nacht. Dabei verstand ich selbst nicht, warum Mama wegging und ich nicht mitnahm. Ich vermisste sie auch, auch ich hatte damit viel zu kämpfen, aber das zählte für Papa nicht.  Und jede Nacht sah mir Teddy zu, ich bildete mir ein, dass auch er weinte.
Eines Nachts fiel er vom Schrank aufs Bett. Ich umklammerte ihn, weinte 
innerlich, gab keinen Ton von mir. Den durfte Papa mir nicht wegnehmen, den musste er mir lassen! Jeden Abend war Papa wütend. Jede Nacht schlug er mich. Dieses Pochen im Gesicht war die Belohnung für mein Bravsein. Immer, wenn Papa fertig war, schloss er seine Hose, spuckte auf mich, verlies das Zimmer. Ich war außer mir, war wütend, traurig, gebrochen, am Ende. Ich griff nach meinem Bären, drückte ihn, weinte laut, hatte starke Schmerzen im Unterleib. Papa verstand das nicht. Wieso konnte ich nicht so sein wie er es wollte? Wieso musste ich so sein wie er es wollte? Wie stark hatte ich mich verändert im Laufe meiner Jugend, dass ich Papa so enttäuschte?
Ich nahm die Vase, in der meine Rose stand, schmiss sie gegen den Spiegel. Beide zerbrachen auf der Stelle. Der Spiegel war zerstört, zerstört wie mein Inneres, wie meine Seele. Ich nahm die größte Scherbe, schnitt mir in den Arm. Ein sehr angenehmes Gefühl. Ein Gefühl, als würde das rinnende Blut meine Seele heilen, entlasten, erlösen. Als würde sich das Blut mit meinen inneren Tränen verschmelzen. Ich schnitt weiter, tiefer, jede Nacht nachdem Papa fertig war.
Mein Bär saß neben mir, kuschelte sich an mich. Er kannte mein kleines Geheimnis, das ich nie irgendjemandem erzählt habe. Er wusste, wie Papa war, wenn er wütend war, wenn ich ihn enttäuscht hatte,  wenn ich Mama sein sollte. 
Mein Bär weinte, aber ich konnte nicht mehr. Mit zwei schnellen Bewegungen, tief, angenehm, erlösend, brach ich zusammen, kurz bevor ich meine Mutter hörte. Mir war schwarz vor Augen geworden, es war vorbei. Mein Bär lag neben mir, als ich diese Welt verließ. Nur er sah noch, dass meine Mutter in mein Zimmer kam, mich umarmte, weinte, kämpfte, dass ich es doch noch schaffen würde. Aber nur mein Bär war die ganze Zeit bei mir gewesen, hat sich einen Teil meines Kummers aufgebunden. Mein Bär ist die Erinnerung an Gutes wie Hoffnung. Nur an Gutes. Er war der EInzige, der mich nicht verlassen hatte. Er ist der Beweis, dass es doch noch wahre Freundschaften gibt. 

 




ageschéckt den: 14:26 Mon, 5 March 2018 vum: Dams Yana

Zeréck

Prix Laurence 2018

Dams Yana - Erbstück





Es war bereits später im Jahr, Oktober. Bald kam die Winterzeit. Schnee, Ofen, heiße Schokolade und Gekuschel, genauso wie Geschenke und Beisammensein. Meine Mutter rief mich zu ihr ins Krankenhaus, sie lag im Sterben. Kurz bevor sie dann diese einsame Welt verließ und mich alleine zurückließ, gab sie mir ein kleines Geschenk. Es war liebevoll verpackt, gestreiftes, blaues Papier und eine schwarze Schlinge darum. Zu Hause schaute ich es mir an. Ich traute mich nicht, es zu öffnen, noch die dazugelegte Karte zu lesen. Das Letzte, was meine Mutter zu mir sagte, war, ich sollte gut darauf acht geben, denn es wäre ein sehr altes Erbstück, das bereits ihr Urgroßvater geerbt hatte. Irgendwann siegte dann doch meine Neugierde und ich nahm das Päckchen auf meinen Schoß, löste vorsichtig die Schleife und legte sie beiseite. Kurz überflog ich die Karte, es stand nur darin, dass ich es an meine Kinder weitervererben sollte, damit das Geschenk seinen Zweck auch nach unserer Zeit erfüllen könnte. Dann schnitt ich mit einem kleinen Messer das Klebeband durch und packte das Geschenk aus. Eine kleine Schachtel. Dunkelbraun, schon leicht grau, das Alter machte sich bemerkbar. Darauf war eine verzierte, goldene Schrift zu lesen : “ Glaube”. Ich zog langsam den Deckel auf und fand eine wunderschöne Schreibfeder vor. Sehr, sehr alt, gar nicht aus unserem Zeitalter, denn diese Feder musste man in das Tintenglas eintunken, damit man mit ihr schreiben kann. Der Kopf der Feder leuchtete ebenfalls gold, mit winzig kleinen Verzierungen und Einkerbungen darin. Der Griff bestand aus lackiertem, dunklem, glänzenden Holz. Ich nahm sie in die Hand, sie rutschte mir zwischen den Daumen wieder leicht ab. Ein wundervolles Geschenk, aber damit kann ich nicht schreiben. Irgendwo oben müsste noch so ein Tintenglas sein. Ich nahm sie mit nach oben, fand das Gläschen auf dem alten Schreibtisch meiner Mutter und setzte mich hin, tauchte die Feder ein und versuchte, meinen Namen zu schreiben. Aber die Feder schrieb nicht. Enttäuscht und müde reinigte ich den Kopf, legte sie neben das blaue Fläschchen und verlies das Zimmer, um es mir auf der Couch gemütlich zu machen. 

Für einige Zeit vergaß ich mein Erbstück. Es wurde November. 

In einer bestimmten Nacht konnte ich nicht schlafen. Ich wälzte mich auf der Couch herum, träumte ständig von dem Gegenstand, dessen Kiste vor mir auf dem Couchtisch lag und das Geschenk selbst oben auf den Schreibtisch. Weil es mir keine Ruhe ließ und es mir mental und emotional mal wieder nicht so gut ging, entschloss ich mich, nach oben zu gehen um die Feder behutsam wieder einzupacken. Ich ging die Treppe hoch, wollte gerade die Tür öffnen, als ich plötzlich ein Kritzeln hörte, das aus dem Zimmer kam. Leise drückte ich die Klinke runter, schubste die Tür einen Spalt offen und spähte durch den Schlitz. Die Bürolampe war aus, keine Lichtquelle vorhanden. Es war also niemand da. Ich drückte die Tür weiter auf, streckte den Kopf rein, lauschte und sah mich um. Das Kritzeln hörte nicht auf. Ich schaute zum Schreibtisch, ging langsam auf ihn zu. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, ich hatte Angst. Das Kritzeln wurde lauter. Ich stand genau vor dem Tisch, der Stuhl war leer, das Fenster zu. Es war ziemlich kalt, obwohl die Heizung eingeschaltet war. Das Kritzeln hörte immer noch nicht auf. Ich zog an der Schnur, um die Bürolampe einzuschalten. Und da war die Feder. Sie schrieb! Von ganz allein! Das Blatt war bereits fast vollgeschrieben. Die letzte Zeile ließ sie frei. Nur noch unten rechts vom Blatt schrieb sie einen Namen, bevor sie sich daneben legte und nicht mehr bewegte, so als wäre nie etwas gewesen und als hätte ich mir das alles eingebildet. Schlief ich? War es nur ein Traum? Ich kniff mich nicht, weil mir das zu blöd vorkam. Ich schaute das beschriebene Blatt an. Es schien ein Brief an jemanden zu sein. Ich beschloss, ihn durchzulesen. 

Mir stockte der Atem. Es war kein normaler Brief, sondern ein Abschiedsbrief! Ein Abschiedsbrief! Von einer Frau oder einem Mädchen namens Lynn. 

“Hallo Mutter, hallo Vater. 
Sobald ihr diesen Brief lesen werdet, seht ihr mich nicht wieder, denn dann habe ich die Wunden und das Leiden dieser Welt überstanden. Ihr werdet zu spät kommen. Bitte, Mutter, mach dir keine Vorwürfe. Aber sag mal, ist es dir nie aufgefallen? Meine Wunden am Arm, an der Hüfte? Meine magere Gestalt, meine leeren Augen? Mein missstaltetes Ich? Meine Leiden, meine Trauer konnte niemand erkennen, niemand hätte es verstanden, denn selbst ich verstehe es nicht. Ich hab dich und Vater innerlich nach Hilfe angefleht. Aus Angst vor Vorurteilen, zog ich mich immer weiter zurück, sodass auch meine Freunde langsam nachließen, mich zu beachten. Ich zog mich vor ihnen und vor euch zurück, aus Angst, euch allen in die Augen zu sehen  und zu riskieren, dass ihr die Wahrheit über mich erfahrt. 
Dad? Jetzt kannst du wieder Mutter lieben, denn ich bin jetzt nicht mehr dazu da. 
Ich liebe euch, vergesst mich nicht. Die Welt hat zu viele Wunden in mir geöffnet, mir zu starke Schmerzen zugefügt, dass ich beschlossen habe, sie zu verlassen. 
Lebt wohl,
Lynn"

Ich weinte. Dieses Mädchen, es will sich wirklich umbringen! Ich schaute die Feder an und erschrak, als sie sich erneut von magischer Hand erhob, sich mit Tinte vollsaugte, und auf das nächste weiße Blatt schrieb. Bereits an der ersten Zeile erkannte ich, dass es sich wieder um einen Brief handelte. Ich wartete, bis sie ihr Werk vollbrachte, las auch diesen Brief durch. Ein Junge diesmal. Er unterschrieb mit “Andi”. Ich musste was tun. Diese Feder schrieb Abschiedsbriefe von Menschen, die sich in den Freitod stürzen wollten! Ich schaute mich um. Auch der Boden lag bereits voll mit Briefen, die ich nie gesehen hatte. Einer war mit dem Namen Diane unterschrieben. Mir wurde übel, als mir einfiehl, dass ihr misslungener Suizidversuch im Fernseher kam. Schockiert und beschlossen machte ich es mir zur Aufgabe, diese Menschen aufzusuchen, und sie hier auf dieser Welt zu behalten. Ich wollte ihnen zeigen, dass diese Welt auch anders sein kann, dass diese Welt wunderschön sein kann. Dass diese Welt andere Seiten zu bieten hat, dass Familie und falsche Freunde nicht alles sind. Dass alle anderen auch nur Menschen sind, dass alle Fehler machen. Ich wollte ihnen zeigen, dass es nicht immer gut im Leben laufen kann, dass es Höhen und Tiefen gibt, aber dass sich am Ende doch alles noch zum Guten wenden wird. Meine Hoffnung brach mit mir durch. Ich fing an, das Papier einzusammeln. Die Stapel wurden immer höher, aber ich räumte weiter auf, auf der Suche nach dem ersten Brief. Viele Blätter waren leer, nur mit einem Datum.

Dann entdeckte ich unter den ganzen weißen Blätter ein weiteres beschriebenes Blatt. Es war bereits etwas älter. Mein Herz pochte. Ich zog ihn raus, las nur das erste Wort und wusste bereits, wer diesen Brief geschrieben hatte. 

Es war meine eigene Handschrift.  

 




ageschéckt den: 20:32 Sat, 10 March 2018 vum: Dams Yana

Zeréck

Prix Laurence 2018

Dams Yana - Gedanken in einer Sekunde





Er hebt die Hand. Nur wenige Zentimeter steht er von mir entfernt. Ich beobachte seine Muskeln, wie sie sich zusammenziehen, der Volumen seines Bizepses schnell an Größe gewinnt, sehe den Puls, der durch seine Adern geschleudert wird, seinen behaarten, starken, angsteinflößenden Arm, seine ruckartige Bewegung, die in mir alte Erinnerungen weckt. Ich spüre bereits, wie sie in mein Gesicht braust, spüre bereits die Schwellung meiner Wange, das Aufplatzen meiner Haut an den Wangenknochen, die Hitze, die mein Körper an der Stelle ausstrahlt. Ich spüre meinen Puls, der bei jeder Millisekunde steigt. Seine große Hand, seine dunklen Härchen, seine feinen Poren. Alles wirkt, als wäre die Zeit stehen geblieben, damit ich alles genau beobachten kann, als würde ich sogar das Atmen seines Körpers hören, das Rausquollen seiner Schweißtropfen, wie das Blut seinen Körper durchströmt. Nicht mehr lange wird es dauern, bis seine Hand angeschossen kommt. Diese Bewegung weckt tiefsitzende Gefühle in mir. Die Fragen, die Panik, weshalb, warum, wieso jetzt. All diese Fragen, die so tief vergraben waren, drohen, wieder hochzukommen, aufzustehen, mich niederzureißen. Ich schaue nur auf seinen Arm, vermeide seinen Blick, seine Augen würden mich nur noch mit Hass ansehen können, wenn sie mich überhaupt noch ansehen. Ich schließe bereits die Augen, mein Sichtfeld verschwärzt sich von oben nach unten. Alles fühlt sich wie eine Ewigkeit an. Ich bete bereits, dass es schnell vorbei sein soll und dass es nicht weh tun wird. Aber ich spüre nichts, keinen Luftzug, keinen Schlag. Stattdessen, wie seine große, behutsame Hand sich auf meinen Kopf legt, seine zarten, sanft und gut gepflegten Lippen meine Haare küssen.

 




ageschéckt den: 13:36 Tue, 13 March 2018 vum: Dams Yana

Zeréck

Prix Laurence 2018

Dams Yana - Die Schönheit der Natur





Es ist ein warmer Tag mitten im März. Die Sonne versucht sich durch einige dicken Wolken durchzuschlagen.

Einzelne Sonnenstrahlen erwärmen meine leicht gebräunte Haut. Die weißen Wolken scheinen einen durch ihre Weichheit einzuhüllen, als hätte man vor Augen, wie man darauf einschlafen könnte, alles rundherum vergessen und sich über Berge und Täler schweben ließe. Der Wind treibt die Wolken voran, es raschelt im Wald links neben mir. Die Bäume sehen alle bereits gesund aus, mit Blätter beschmückt, kraftvolle, gesunde, grüne Blätter. Die Hecken, die den Wald umgeben, tragen ihre ersten, kleinen Beeren. Sie sind rot, eine Art Erdbeere, vielleicht auch Himbeere. Ich sammele einige ein, um sie während meiner Reise zu essen. Es handelt sich um einen sehr großen, prachtvollen Wald, der dir seine Schönheit schenken will, der dich einlädt, all seine Pilze und seine Blumen zu sehen, sein Vieh zu beobachten und dem Gesang der Vögel zuzuhören. Einige Vögel fliegen aus dem Wald. Sie sind dunkelbraun oder schwarz, mit einem kleinen, braunen Schabel. Scheinen wohl Spatzen zu sein. Sie fliegen spielerisch umher, zwitschern und singen. Sie heißen den Frühling Willkommen. 

Ich gehe durch eine grüne Wiese. Es fällt mir nicht schwer, voranzukommen, das Gras leitet mich.

Die Blumen erfüllen die Luft mit einem sehr angenehmen, süßen, einladenden Duft und einige Bienchen summen bereits umher, 
fröhlich und gut gelaunt. Einige Grashalme bleiben an meinem Riemen hängen, der den Pelz an meinen Schuhen und meiner Waden befestigt. Ich pflücke eine kleine, weiße Blume und stecke sie vorsichtig in meine Tasche. Während ich über die Wiese zu schweben scheine, taucht Eragon, mein Drache, in der Ferne auf. Seine dunkelblaue Haut funkelt leicht in der Sonne. Seine Hörner auf dem Rücken scheinen so harmlos, sein langer Schwanz so gemütlich. Eragon breitet seine Flügel aus. Diese großen, blauschwarzen, muskulösen Flügel, die sein schweres Gewicht mühelos durch die Luft tragen, mit denen er und ich gemeinsam über Berge und Täler dahinsegeln und alle Sorgen der Welt vergessen können, jede Mission, jede Aufgabe einfach ausblenden. Eragons gelbe Augen strahlen bestimmt, obwohl ich sie von hier aus nicht sehen kann. Er liebt die freie Natur genauso sehr wie ich. Das leichte Gebirge am Horizont ist nur angedeutet, der Rest verschwindet im Nebel. Sie sind mit Wäldern bewachsen. Diese scheinen nicht so einladend wie das kleinere Wäldchen links neben mir. Diese sind dunkler, etwas abschreckender. Dennoch zeigen sie nach außenhin ihre strahlende Schönheit, was Mutter Natur halt zu bieten hat. Meine Hand fühlt das hohe Gras. Es kitzelt an meiner Haut, umfasst mein Schwert, als würde es sagen: “Wir warten hier auf deine Rückkehr. Dann zeigen wir dir unsere tiefsten Möglichkeiten an Schönheit, die sonst ein Sterblicher noch nie gesehen hat.”

Dann kann die Mission jetzt beginnen.  




ageschéckt den: 19:14 Wed, 14 March 2018 vum: Dams Yana

Zeréck

Prix Laurence 2018

Dams Yana - Eine altmodische U-bahn Station





Dann, als ich zur Tür hinausschreite, gewinne ich meine Anonymität wieder. Ich schreite durch die Straße, hin zur U-Bahn. Gehen ist bereits lange überfällig, fast niemand geht oder spaziert durch die Gegend, denn niemand hat mehr Zeit dazu. Ich springe schon fast die Stufen zur Station hinunter, als mir einfällt, dass ich mein Ticket noch bezahlen muss. Also rüber zum grauen Automaten. Diese Kiste ist schon sehr alt, funktioniert zwar, aber muss dringend mal ersetzt werden. Auch die Milchglaslampen an der Decke haben mindestens schon 10 Jahre auf dem Buckel. Der matte, steinerne Boden ist auch nicht mehr sauber und die hell leuchtenden Linien auf dem Boden gehören auch schon fast der letzten Generation an. Als ich dann mein Ticket aus dem Kasten nehme, stelle ich mich etwas hinter die Menschenmasse, die auf die nächste Bahn wartet.

Heute braucht man fast keine Autos mehr, die Industrie und die Politik haben fast komplett auf Züge, Bus und Bahn umgebaut. Selbst wenn man Auto fahren wolle, wäre dies beinahe unmöglich. Viele Tankstellen haben geschlossen, die meisten Straßen wurden mit Häuser und kleinen Wohnungen zugebaut, sodass man mehr Wohnfläche zur Verfügung hat. Zwischen den Häusern befinden sich Wege, aber zu eng fürs Auto. Nur die Strecken für die Buslinien bleiben noch etwas breiter, aber selbst diese wollen sie abschaffen und damit auch den Bus. Somit bleibt dann als Transportmittel nur noch Zug und U-Bahn. Aber diese sind so gut ausgebaut, dass man überall ziemlich schnell hinkommen kann. 

Die Menschenmenge gewinnt an Größe, die erste Bahn läuft ein. Ich drängele mich nach hinten, muss noch warten. Während etliche Passagiere an mir vorbeirauschen, mich zur Seite drücken und jeder auf den Boden schaut, fällt mir ein junger Mann auf. Sein Alter ist schwer zu erraten, das hat sich die Gesellschaft eh abgewohnt. Jeder lebt für sich. Jeder vermeidet Körperkontakt, fühlt sich beobachtet, wenn man nur in dessen Richtung schaut. Trotz des Menschenflusses redet niemand. Alle bleiben stumm, man hört nur die tausende und abertausende von Schritten, große Zahlen von verschiedenen Schuhen. Rauschen. Windzüge wehen durchs Haar. Ruhe. Das Gerümpel hat sich beruhigt, die Station ist wieder verlassener.

Hinten in der linken Ecke stehen paar Jugendliche, die ihre Flaschen herumschmeißen. Es klirrt mehrmals und Gelächter erfüllen den Raum. Sie zerren an einer jungen Frau, schubsen sie, fassen sie an. Sie ruft nicht, sie weint nur leise in sich hinein, versucht Ruhe zu bewahren, aber es gelingt ihr schlecht. Die Jungs fassen sie an. Niemand tut etwas. Auch ich stehe da, starre hin, unternehme nichts. Ich habe mich da nicht einzumischen, das ist ihre Sache. Ich kenne die Frau nicht. Aber sie braucht doch Hilfe! Aber nein, ich bleibe da stehen, wie angewurzelt, betrachte das Betatsche und Begrabsche. Ein anderer kann sicher auch helfen, ich muss mich nicht unnötig in Schwierigkeiten begeben. Sie schlägt mit ihrer Handtasche um sich, trifft einen der Jungen am Kopf. Dieser schüttelt sich kurz, spuckt auf den Boden, zerreißt ihre Bluse. Sie schreit leise nach Hilfe. Niemand tut etwas. Die nächste Bahn rollt ein. Sie drückt die 3 zur Seite, knöpft ihren Mantel schnell zu und läuft durch die hinausströmende Menschenflut hinein in die Bahn, bis ich sie dann aus den Augen verliere.

Für eine Sekunde fühle ich mich schuldig. Ich hätte ihr helfen können. Frauen wie sie haben es heutzutage sehr schwer, nicht belästigt zu werden. Immerhin ist es inzwischen für sie Pflicht, Bluse, Rock und hochhackige Schuhe zu tragen. Männer müssen im Anzug zur Arbeit und in Hemd zur Schule. Wenn man sich nicht daran hält, muss man Strafe bezahlen. Was ist aus unserer Gesellschaft nur geworden? Wir haben uns beschwert, dass jeder anders behandelt wird, wir wollten Gerechtigkeit und Gleichheit in der Gesellschaft. Das haben wir auch erreicht. Mit welchem Zweck? Jetzt sieht jeder gleich aus, jeder muss zur gleichen Zeit bei der Arbeit sein. Natürlich auch mit Ausnahmen. Jeder lebt für sich, niemand zeigt mehr Interesse für andere, jeder hat Angst, sich in irgendetwas einzumischen. Schnell verwerfe ich den Gedanken von Vorwürfen und anderer Gesellschaft wieder. Wir haben so unser Leben so zu leben, wie man es uns vorschreibt. Wenn wir in dieser Gesellschaft nicht total untergehen möchten, haben wir zu gehorchen. Tuen wir das nicht, dauert es keine zwei Wochen, bis wir den nächsten Job anfragen müssen. Ja, Gehorsamkeit und Disziplin sind sehr wichtig geworden. Jeder muss seine Schule abschließen, jeder muss arbeiten. Der Vorteil daran ist, es gibt fast keine Arbeitslosigkeit mehr, sehr wenige Menschen leben auf der Straße. Bettler haben eh keine Chance, sie verhungern eher, als dass sie auch nur eine Münze bekommen sollten.

Der junge Mann steht immer noch da, wo er vorhin schon stand. Welche Gedanken er wohl hat? Ob er auch so denkt, wie ich? Ob der diese Gesellschaft genauso akzeptiert, wie jeder andere auch? Hat er denn eine andere Wahl?  Ich schaue wieder weg. Es gehört sich nicht, andere anzustarren. Also blicke ich auf den Boden, werfe aber immer wieder Blicke zu ihm hin. Er bewegt sich Richtung leuchtender Strich, der die Passagiere darauf hinweisen soll, dass es ab da gefährlich wegen der Bahn werden könnte. Er bleibt wieder stehen. Ich blicke auf den Boden. In meiner Erinnerung beobachte ich seinen grauen Anzug, sein schwarzes Seidenhemd, seine schwarze Anzugshose. Alles sehr sauber gebügelt, die Falte sitzt perfekt. Auch seine hellblaue, mit Streifen gemusterte Krawatte sitzt. Er sieht makellos aus, so wie jeder andere auch aussehen sollte. Er scheint ein Mensch zu sein, der sich an die Regeln hält. Solche Menschen sind mir sympathisch. Machen keinen Ärger, sind still und tuen das, was man ihnen sagt. Ich blicke wieder starr nach vorne. Die nächste Bahn rollt durch, das weiß ich.

Man hört sie bereits von weitem. Ich werfe nochmal einen Blick auf den jungen Mann. Er steht nicht mehr an seinem üblichen Platz. Wo ist er hin? Ich schaue um mich, entdecke ihn auf den Gleisen. Ich will hinlaufen, ihn da runterzerren, wieder nach oben zu mir bringen, aber ich bleibe wie angewurzelt stehen. Niemand sonst bewegt sich, niemand sonst sagt etwas. Er steht nur da. Sein Blick ist leer, er wirkt schwach, innerlich zerbrochen, verletzt, am Ende. Er hält seinen Blick starr in Richtung anrasende Bahn. Die Bahn hupt. Er bleibt stehen. Er lässt einen letzten Blick über die vor sich hinstarrende Figuren gleiten, bevor er die Augen schließt. Die Bahn rast mit hoher Geschwindigkeit an uns vorbei. Man hört das grausame Geräusch von zerbrochenen Knochen und andere widerwertige Laute, bis dass es wieder still wird. Niemand sagt etwas, niemand tut etwas. 

Ja, das ist die heutige Gesellschaft. Wie kann man das ändern? Gedankenversunken versuche ich, die Gefühle von Trauer in mir zu wecken. Aber das klappt nicht. Ich habe sie so lange verdrängt, dass ich nicht weiß, wie sich Trauer anfühlt. Nochmal rufe ich die Erinnerung von dem jungen Mann hervor. Ich analysiere sie genau: blaue Augen, schwarzes Haar, gerade Nase. Augenbrauen gezupft, Nägel gefeilt. Wie es sich gehört. Wie kann es sein, dass ein solch perfekter Mensch sich selbst tötet? Soll so unsere Gesellschaft weitergehen? Dass wir nur noch funktionieren sollen? Dass unser Schein weiterhin perfekt bleibt, doch wir innerlich in uns selbst versinken? So sieht also die Zukunft aus. Jeder tut das, was er soll, jeder sieht gleich aus. Die Bahn wird nicht einmal abgesperrt, seine Überreste bleiben liegen, bis dass die letzte Bahn in der Nacht durchgefahren ist. So sieht unsere Gesellschaft aus. Aber wie kann man denn hieraus flüchten? Es muss eine Möglichkeit geben, diese Welt doch so zu verändern, dass wir dennoch glücklich werden können. Oder etwa nicht? Von uns wird nichts mehr verlangt, wir haben kein Interesse mehr, uns anzustrengen. Das Einzige, was uns gefördert hat, war die Schule. Was die Kinder da jetzt wohl lernen? Rechnen und Grammatik sind nicht mehr vorhanden, da ja alles jetzt über Computer geregelt wird. Vielleicht angewandte Technik? Buchstaben sind aber sicher noch dabei, also muss die nächste Generation zumindest noch lesen können.  

In Gedanken versunken merke ich das leichte, unschuldige Zupfen an meinem Ärmel. Ich siehe sofort den Arm zurück, als mir dann das kleine Mädchen auffällt, das mich anstarrt. In ihren großen, knopfartigen Augen spiegelt sich ein Funke Hoffnung wieder. Sie versteht diese Welt nicht, die Gesellschaft, die Art, wie wir zu handeln haben. Sie lächelt mich an. Ich frage sie: 
„Hey, Kleines. Was kann ich für dich tun?“ 
Sie schaut mich an. Um ihre Mundwinkel spielt sich ein kleines Lächeln. Sie umarmt mein Bein, ich fühle ihre Körperhitze. Ein sehr eigenartiges, fremdes, lang vergessenes Gefühl. Irgendwo in mir lodert eine Warnung, Körperkontakt ist schlecht angesehen, fast schon verboten.  Plötzlich habe ich das Verlangen, sie vor dieser Gesellschaft zu warnen, sie in Sicherheit zu bringen, sie vor dem grauen Alltag und der Anonymität dieser Welt zu verstecken. Sie soll Freunde haben, lachend durch den Tag schauen, lachen, weinen, fühlen. Sie soll anders leben als wir. Sie soll anders lernen als wir. Sie soll anders werden als wir.

„Soll ich dir ein Geheimnis verraten?“, frage ich sie leise. Sie nickt aufrichtig. 
„Du darfst das aber keinem sagen, in Ordnung?“ Sie nickt weiterhin, schaut mich mit großen Augen an. 
„Okay, hör zu.“ Ich bücke mich zu ihr hinunter und flüstere ihr leise ins Ohr: „Wenn du in der Schule ganz artig bist und immer schön deine Hausaufgaben erledigst und irgendwann einmal groß bist, dann umarme deine Freunde und deine Eltern und sag ihnen, dass du sie aufrichtig liebhast. Das kannst du auch jetzt schon tun. Pass auf dich auf, lass dich nicht unterkriegen und folge immer deinen Träumen.“ 

Das Mädchen lächelt. Es versteht mich wohl nicht. Es greift in ihre Tasche, holt einen Bonbon heraus und reicht ihn mir. Dann flüstert sie leise: „ Große Menschen wie du dürfen nicht weinen.“, drückt mir den Bonbon in die Hand, gibt mir flüchtig einen Kuss auf die Wange und läuft Richtung Ausgang. 

Ich schau ihr noch lange hinterher, bis ich dann das Eintreffen meines Zuges höre. Schnell wische ich mir mit der Rückseite meiner Hand über die Wangen, um zu schauen, ob sie feucht sind. Waren sie tatsächlich. Dennoch fühle ich innerlich nichts, steige in die Bahn wie alle anderen auch und fahre nach Hause. Die Bahn fährt an der üblichen digitalen Tafel vorbei: 12. August 2035 – 19:56 Uhr. 

 




ageschéckt den: 19:18 Wed, 14 March 2018 vum: Dams Yana

Zeréck

Prix Laurence 2018

Dams Yana - Tödlicher Rosenduft



Und eines Tages, als sie durch die Tür trat, erschienen alle ihre Probleme wie ausgelöscht. Sie fühlte sich wie im Paradies. Wunderschöne Trauerweiden mit ihren langen Ästen, die bis zu den Spitzen mit sanften lila Blättern bedeckt waren und die bis zum Boden reichten. Sie trat weiter in ihre neue Welt ein. Der warme Wind wehte durch ihr schwarzes, langes Haar, ihre nackten Zehen spürten das weiche, lila schimmernde Gras. Rosenduft durchfuhr das Land und blaue Blumen tanzten im Wind. Das Glück kaum fassend lief sie voller Freude den Hügel hinauf und entdeckte einen Fluss, tiefblau, in dem die Abendsonne bronze schimmerte. Sie liebte ihre Umgebung und obwohl sie erst das erste Mal durch diese Tür gegangen war, kam ihr alles sofort vertraut vor. Sie hörte das Zwitschern der buntesten und schönsten Vögel, das Rauschen der größten und perfektesten Wellen des Meeres und sah auch das grellste Schimmern des ihr unendlich erscheinenden Strandes.
Sie liebte ihre neue Welt, wälzte sich im Gras und schwamm im kühlen Fluss, bis ihr plötzlich ein schwarzer Schatten auffiel. Sie stieg aus dem Wasser, zog sich ihren Pulli über und ging langsam auf den Schatten zu.
Er rührte sich nicht.
"Hey, wer bist du?", fragte sie.
"Parabo ist mein Name. Ich bin dein neuer Freund."
Eine Gestalt tauchte hinter dem Gebüsch auf. Schwarze Haarsträhnchen fielen unter seiner dunklen Kapuze hervor. Er war etwas größer als sie, wirkte aber sehr nett und harmlos.
Beide redeten und lernten sich etwas kennen, bis Parabo sie plötzlich umarmte und die Welt um sie herum zu zerbrechen drohte.
Steffi riss die Augen auf.
"Mädchen, bist du verrückt? Dass du dich das in meinem Haus traust* Deine Mutter hat dir also echt nichts beigebracht*..."
Ihr Vater schimpfte immer weiter. Steffi schaute sich um, sie befand sich in ihrem Zimmer. Sie scheint noch etwas benebelt zu sein.
Ihre Mutter saß hinten in der Ecke, ihre Lippen bluteten und ihre Wangen glühten feuerrot.
"Hörst du mir überhaupt zu?", schrie Steffis Vater. 
Sie sah ihn bloß an. Er hob die Hand und Steffi fühlte den Schmerz, der von ihrer Wange über das Gesicht, den Hals und den Rücken zog. Sie weinte nicht, schon längst nicht mehr. Sie war das ganze Disaster eh gewohnt und scherte sich nicht mehr darum. Ihr Vater stand auf, zerrte ihre Mutter aus dem Zimmer und warnte Steffi, dass er noch längst nicht mit ihr fertig sei.

Auf dem Weg zur Schule dachte Steffi an Parabo. Obwohl sie nur seine Haarsträhnchen gesehen hatte, zwar mit ihm gesprochen, aber nicht sein Gesicht sehen konnte, wusste sie, dass er  scheinbar einfach perfekt war. Und seine letzte Umarmung, war das ein "Auf Wiedersehen"?
Während dem Unterricht hörte Steffi zu, ignorierte ihre Mitschüler und verzog sich wie jede Pause in ihre Toilettenkabine zurück. Sie wusste, was sie tun würde, wenn sie zu Hause sei. Sie würde Parabo wiedersehen und sich in ihre eigene Welt zurückziehen.

Zuhause angekommen schmiss sie ihren Rucksack in die Ecke, schritt in ihr Zimmer und schloss ab. Sie legte sich aufs Bett, schluckte drei Pillen auf einmal und wartete auf deren Wirkung. Sie schloss die Augen, spürte wie sie sich der Realität entzog. Sie war aufgeregt und konnte es kaum erwarten. Wieder stand sie in einem dunklen Raum, vor ihr die mit getönten Fenstern herabgekommene Tür. Sie öffnete sie leise und trat in ihre perfekte Welt ein. Aufgeregt und voller Vorfreude streifte Steffi etwas umher und fand Parabo an der gleichen Stelle, wo er sie umarmt hatte. Sie redeten, gingen spazieren, lachten und verbrachten Stunden miteinander. Steffi kam es wie eine Ewigkeit vor, und am liebsten würde sie auf Ewig bei ihm bleiben. Sie liebte ihn, ganz eindeutig. Plötzlich stand Parabo auf, zog sie zu ihm hoch und umarmte sie wieder. Steffi flüsterte ihm zu:" Ich komme wieder.", und erwachte wieder in ihrem Zimmer.

Plötzlich hörte sie ihre Mutter mehrmals aufschreien, Gläser zerbrachen und dann war es still. Zu still. Steffi machte sich Sorgen um ihre Mutter, aber sie traute sich nicht, etwas gegen ihren Vater zu tun. Sie schaute aus ihrem vergitterten Fenster runter auf die Straße. Ihr Vater übergab ihre Mutter mit einer Platzwunde am Kopf und scheinbar bewusstlos einem Fremden, der ihm wiederum einen Briefumschlag gab. Steffi war sich nicht sicher, ob ihre Mutter bewusstlos war, aber sie wÜnschte es sich. Der Vater trat zurück ins Haus, der Fremde legte die Frau in den Kofferraum und fuhr davon. Steffi weinte. Sie fühlte sich innerlich zerbrochen, dass sie einfach nur noch aus dieser Welt flüchten wollte. Sie hörte, wie ihr Vater die Treppen zu ihr hochkam. Angst  und Panik stiegen in Steffi auf. Sie schob ihren Schrank vor die Tür und trat zwei Schritte zurück, als sie hörte, wie ihr Vater gegen die Tür trat.
Ihr tränennasser Blick fiel auf die kleine Schachtel auf ihrem Nachttisch. Sie würde aus dieser Welt fliehen, zurück ins Paradies, zurück zu Parabo mit dem sie unendlich viele Stunden verbringen, mit dem sie weiterleben würde, mit dem alles perfekt war. Steffi lief hin, öffnete die Schachtel und schluckte etliche Pillen, sie zählte sie nicht einmal mehr. Ihr Vater trat weiter gegen die Tür, aber es war ihr egal. Sie würde ihn nie wiedersehen, ihn, der ihr das Leben zum schrecklichsten Ort machte, der sie und ihre Mutter schlug und Letztere zusÄtzlich verkauft hatte. Steffis Augen schlossen sich, der Lärm der Tür verschwindet immer weiter im Hintergrund, bis er ganz verstummte.

Wieder der schwarze Raum mit der Tür. Sie würde ihn wiedersehen, er wartete auf sie. Sie lief hin, öffnete die Tür. Parabo stand vor ihr, man hörte, wie er weinte. Steffi verstand nicht, es zerbrach ihr das Herz, ihn weinen zu hören. Er kam zu ihr, umarmte sie solange, bis das Paradies immer dunkler wurde, zerbrach, und Steffis letzter Geruch, der Rosenduft, umschweifte sie und stieg in ihre Nase, bevor ihr Herz aufhörte zu schlagen.

 




ageschéckt den: 23:47 Fri, 16 March 2018 vum: Dams Yana

Zeréck

Prix Laurence 2018

Dams Yana - Tödlicher Rosenduft





Und eines Tages, als sie durch die Tür trat, erschienen alle ihre Probleme wie ausgelöscht. Sie fühlte sich wie im Paradies. Wunderschöne Trauerweiden mit ihren langen Ästen, die bis zu den Spitzen mit sanften lila Blättern bedeckt waren und die bis zum Boden reichten. Sie trat weiter in ihre neue Welt ein. Der warme Wind wehte durch ihr schwarzes, langes Haar, ihre nackten Zehen spürten das weiche, lila schimmernde Gras. Rosenduft durchfuhr das Land und blaue Blumen tanzten im Wind. Das Glück kaum fassend lief sie voller Freude den Hügel hinauf und entdeckte einen Fluss, tiefblau, in dem die Abendsonne bronze schimmerte. Sie liebte ihre Umgebung und obwohl sie erst das erste Mal durch diese Tür gegangen war, kam ihr alles sofort vertraut vor. Sie hörte das Zwitschern der buntesten und schönsten Vögel, das Rauschen der größten und perfektesten Wellen des Meeres und sah auch das grellste Schimmern des ihr unendlich erscheinenden Strandes.
Sie liebte ihre neue Welt, wälzte sich im Gras und schwamm im kühlen Fluss, bis ihr plötzlich ein schwarzer Schatten auffiel. Sie stieg aus dem Wasser, zog sich ihren Pulli über und ging langsam auf den Schatten zu.
Er rührte sich nicht.
"Hey, wer bist du?", fragte sie.
"Parabo ist mein Name. Ich bin dein neuer Freund."
Eine Gestalt tauchte hinter dem Gebüsch auf. Schwarze Haarsträhnchen fielen unter seiner dunklen Kapuze hervor. Er war etwas größer als sie, wirkte aber sehr nett und harmlos.
Beide redeten und lernten sich etwas kennen, bis Parabo sie plötzlich umarmte und die Welt um sie herum zu zerbrechen drohte.
Steffi riss die Augen auf.
"Mädchen, bist du verrückt? Dass du dich das in meinem Haus traust. Deine Mutter hat dir also echt nichts beigebracht..."
Ihr Vater schimpfte immer weiter. Steffi schaute sich um, sie befand sich in ihrem Zimmer. Sie scheint noch etwas benebelt zu sein.
Ihre Mutter saß hinten in der Ecke, ihre Lippen bluteten und ihre Wangen glühten feuerrot.
"Hörst du mir überhaupt zu?", schrie Steffis Vater. 
Sie sah ihn bloß an. Er hob die Hand und Steffi fühlte den Schmerz, der von ihrer Wange über das Gesicht, den Hals und den Rücken zog. Sie weinte nicht, schon längst nicht mehr. Sie war das ganze Disaster eh gewohnt und scherte sich nicht mehr darum. Ihr Vater stand auf, zerrte ihre Mutter aus dem Zimmer und warnte Steffi, dass er noch längst nicht mit ihr fertig sei.

Auf dem Weg zur Schule dachte Steffi an Parabo. Obwohl sie nur seine Haarsträhnchen gesehen hatte, zwar mit ihm gesprochen, aber nicht sein Gesicht sehen konnte, wusste sie, dass er  scheinbar einfach perfekt war. Und seine letzte Umarmung, war das ein "Auf Wiedersehen"?
Während dem Unterricht hörte Steffi zu, ignorierte ihre Mitschüler und verzog sich wie jede Pause in ihre Toilettenkabine zurück. Sie wusste, was sie tun würde, wenn sie zu Hause sei. Sie würde Parabo wiedersehen und sich in ihre eigene Welt zurückziehen.

Zuhause angekommen schmiss sie ihren Rucksack in die Ecke, schritt in ihr Zimmer und schloss ab. Sie legte sich aufs Bett, schluckte drei Pillen auf einmal und wartete auf deren Wirkung. Sie schloss die Augen, spürte wie sie sich der Realität entzog. Sie war aufgeregt und konnte es kaum erwarten. Wieder stand sie in einem dunklen Raum, vor ihr die mit getönten Fenstern herabgekommene Tür. Sie öffnete sie leise und trat in ihre perfekte Welt ein. Aufgeregt und voller Vorfreude streifte Steffi etwas umher und fand Parabo an der gleichen Stelle, wo er sie umarmt hatte. Sie redeten, gingen spazieren, lachten und verbrachten Stunden miteinander. Steffi kam es wie eine Ewigkeit vor, und am liebsten würde sie auf Ewig bei ihm bleiben. Sie liebte ihn, ganz eindeutig. Plötzlich stand Parabo auf, zog sie zu sich hoch und umarmte sie wieder. Steffi flüsterte ihm zu: " Ich komme wieder", und erwachte wieder in ihrem Zimmer.

Plötzlich hörte sie ihre Mutter mehrmals aufschreien, Gläser zerbrachen und dann war es still. Zu still. Steffi machte sich Sorgen um ihre Mutter, aber sie traute sich nicht, etwas gegen ihren Vater zu tun. Sie schaute aus ihrem vergitterten Fenster runter auf die Straße. Ihr Vater übergab ihre Mutter mit einer Platzwunde am Kopf und scheinbar bewusstlos einem Fremden, der ihm wiederum einen Briefumschlag gab. Steffi war sich nicht sicher, ob ihre Mutter bewusstlos war, aber sie wünschte es sich. Der Vater trat zurück ins Haus, der Fremde legte die Frau in den Kofferraum und fuhr davon. Steffi weinte. Sie fühlte sich innerlich zerbrochen, dass sie einfach nur noch aus dieser Welt flüchten wollte. Sie hörte, wie ihr Vater die Treppen zu ihr hochkam. Angst  und Panik stiegen in Steffi auf. Sie schob ihren Schrank vor die Tür und trat zwei Schritte zurück, als sie hörte, wie ihr Vater gegen die Tür trat.

Ihr tränennasser Blick fiel auf die kleine Schachtel auf ihrem Nachttisch. Sie würde aus dieser Welt fliehen, zurück ins Paradies, zurück zu Parabo mit dem sie unendlich viele Stunden verbringen, mit dem sie weiterleben würde, mit dem alles perfekt war. Steffi lief hin, öffnete die Schachtel und schluckte etliche Pillen, sie zählte sie nicht einmal mehr. Ihr Vater trat weiter gegen die Tür, aber es war ihr egal. Sie würde ihn nie wiedersehen, ihn, der ihr das Leben zum schrecklichsten Ort machte, der sie und ihre Mutter schlug und letztere zusätzlich verkauft hatte. Steffis Augen schlossen sich, der Lärm der Tür verschwand immer weiter im Hintergrund, bis er ganz verstummte.

Wieder der schwarze Raum mit der Tür. Sie würde ihn wiedersehen, er wartete auf sie. Sie lief hin, öffnete die Tür. Parabo stand vor ihr, man hörte, wie er weinte. Steffi verstand nicht, es zerbrach ihr das Herz, ihn weinen zu hören. Er kam zu ihr, umarmte sie solange, bis das Paradies immer dunkler wurde, zerbrach, und Steffis letzter Geruch, der Rosenduft, umschweifte sie und stieg in ihre Nase, bevor ihr Herz aufhörte zu schlagen.

 

 




ageschéckt den: 23:47 Fri, 16 March 2018 vum: Dams Yana

Zeréck

Prix Laurence 2018

Dams Yana - Am Schönsten





Im Zimmer mit heißem Kakao,
am Fenster sitzend, Regentropfen zählen
und sich leise und sanft in Gedanken verlieren.
 

Abend vor dem Ofen lauernd,
mit der Katze auf dem Schoß
ein ergreifendes Buch lesen.
 

Schöner, morgens aufzuwachen,
neben einem die Liebe schläft
und der Geruch von frischem Kaffee in der Luft liegt.
 

Bei gutem Wetter draußen
im Garten herumlungern und
die Füße ins Gras eintunken.
 

Am Schönsten, Sonnenschein draußen auf das Meer
was kühlt und ruht,
und der Sand an deiner Haut kitzelt.
 

In der Nacht aufregend durch die Straßen albern,
hinter ein Häuschen verstecken
und sanfte Küsse genießen.
 




ageschéckt den: 12:07 Sat, 17 March 2018 vum: Dams Yana

Zeréck

Matmaachen

Maach elo hei mat
beim PRIX LAURENCE 2018


bis den 19. Mäerz 2018. Fin du concours.
 

 

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Wéi kann ech matmaachen?

 

 

LiteraTour 2018


vum 19. bis den 29. Abrëll 2018
zu Beetebuerg

De Lies-Festival fir Iech all!
11 Deeg BeeteBuerg - BicherBuerg


6. Editioun vum LiteraTour a
4. Editioun vum Prix Laurence


E schéine Succès!

Prix Laurence 2019
hei, vum nächste Juni un!

Elo do:
D'Anthologie mat de Finalisten a Laureaten vum Prix Laurence 2017.
Dir kritt se op der Gemeng Beetebuerg.

Och nach ze kréien:
D'Anthologie mat de Laureaten vun 2015 an 2016!

www.literatour.lu

*  *  *

Kleng Lecture, déi Iech vläicht weiderbréngt:


HELMUT BÖTTIGER

-  Wir sagen uns Dunkles
Die Liebesgeschichte zwischen
Ingeborg Bachmann und Paul Celan
DVA, 2017


LIZE SPIT

-  Und es schmilzt
Roman, S. Fischer, 2017


JÜRGEN BECKER

-  Graugänse über Toronto
Journalgedicht, Suhrkamp, 2017


LILY BRETT

-  Wenn wir bleiben könnten
Ausgewählte Gedichte, englisch & deutsch
insel verlag, 2014


CHARLES SIMIC

-  Picknick in der Nacht
Gedichte, Hanser, 2016


SERHIJ ZHADAN

-  Warum ich nicht im Netz bin
Gedichte und Prosa aus dem Krieg
Suhrkamp, 2016


HAIKU ANTHOLOGIE

-  Hrsgb. H. J. Balmes
Fischer TaschenBibliothek, 2016


KATE TEMPEST

-  Brand New Ancients
Gedichte, Suhrkamp, 2017

-  Hold Your Own
Gedichte, Suhrkamp, 2016

-  Worauf du dich verlassen kannst
Roman, Rowohlt, 2016

LUC SPADA

-  Fass mich an
Beats, Punchlines, Bitchmoves
éd. g. binsfeld, 2017


ISABEL SPIGARELLI

-  Nichts zu danken
Roman, éd. Saint-Paul, 2016


NICO HELMINGER

-  Autopsie
Roman (op lëtz.), Ultimomondo, 2014

-  Abrasch
Poesie, éd. phi, 2013

GEORGES HAUSEMER

-  Fuchs im Aufzug
Erzählungen, capybarabooks, 2017

KREMART

-  Déi 20 kleng Bicher am "Schuber"
aus der Collectioun smart
Erzielungen, éd. Kremart, 2017
 


Auteuren 2018

Archiv

Lescht Texter vum Concours

Carpe Nova Vita

Erageschéckt: 23:46 Mon, 19 March 2018


Wir schreiben das Jahr 2012 seit einem Monat. ...

méi liesen...

Es gibt kein Planet B

Erageschéckt: 23:19 Mon, 19 March 2018


Mutter Erde war grosszügig, man kann nicht klagen

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Unerwartete Begegnung

Erageschéckt: 23:04 Mon, 19 March 2018


"Eine neue Nachricht", meldet mein Handy. ...

méi liesen...