Prix Laurence - Bettembourg Prix Laurence 2018 - Luxembourg
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Prix Laurence 2018

Rollinger Caroline - Der Tod ist unausweichlich





„... die Anzahl der geschätzten Magier steigt immer weiter an. Letzte Woche haben die Experten zehn Millionen weitere angegeben, wobei wir jetzt schon bei über 200 Millionen sind.“ Luther schaltete den Fernseher ab und lehnte sich an den Tisch. Mit den Händen hielt er sich an der Kante fest und trommelte in einem ruhigen Rhythmus dagegen. Wütend sah er Cole und Logan an, die auf dem Sofa saßen. Cole hatte seinen Kopf auf eine Hand gestützt und wirkte gelangweilt, was Luther nur umso mehr verärgerte.
„Wie konnte es passieren“, fragte er möglichst ruhig, „dass die Anzahl der Magier innerhalb weniger Monate von 800 Tausend auf 200 Millionen gestiegen ist?“
„Vielleicht ist es nur eine Lüge“, vermutete Logan.
„Für uns aber nicht!“, schrie Luther und stieß sich vom Schreibtisch ab. Er setzte sich dahinter und verschränkte die Hände auf dem Pult. Der Fernseher hing über ihm in der Wand und war fast so groß, wie der Tisch.
Die Existenz der Magier war seit ungefähr 50 Jahren bekannt. Sie wurden sofort von den Menschen gehasst, weil diese der Meinung waren, die Magier würden die Macht nutzen, um die Menschen zu unterwerfen. Es war gefährlich als Magier erkannt zu werden. Wenn dies passierte, kamen speziell ausgebildete Polizisten, die nur MP genannt wurde. Sie sorgten dafür, dass man seine Magie nie wieder anwenden könnte, aber töten konnten sie einen nicht, denn die Magie ging immer in einen anderen Körper über, wenn ein Magier starb. Niemand wollte ein Magier sein, also wollte auch niemand sie töten. Trotzdem mussten sie weg.
Cole war einer der jüngsten, die zurzeit existierten. Gerade mal 22 Jahre alt und obwohl er, im Gegensatz zu anderen Magiern, noch nicht viel betroffen war, konnte er bestätigen, wie ätzend es war. Magier brauchten keine Nahrung. Um sich aber in der Öffentlichkeit aufhalten zu können, mussten sie welche aufnehmen. Es war die reinste Folter. Am Ende kotzte man es sowieso nur wieder aus. Zudem alterten Magier ab ihrem 21. Lebensjahr nicht mehr und können nicht an Altersschwäche sterben. Also mussten sie alle paar Jahre umziehen.
„Die Regierung will, dass die Magier in ein immer schlechteres Licht gerückt werden“, begann Cole. „Wir bekamen schon die Schuld an zahlreichen Naturkatastrophen, Unfällen, Attentaten und der Überbevölkerung. Je höher unsere Anzahl, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie mit diesen Anschuldigungen recht haben. Ob gelogen oder nicht, sie müssen aufhören, die Zahl zu erhöhen.“
Die Magier machten ein Drittel der gesamten Bevölkerung aus. Das wusste keiner. Nicht die Menschen und nicht die Magier. Nur der König der Magier sowie dessen Vertrauten hatten den Zugang zu solchen Informationen. Luther war dieser König. Cole und Logan berieten ihn schon lange. Logan schon seit dem Mittelalter. Cole war dabei seit er 15 war. Er hatte den Posten nur bekommen, weil er Luthers Sohn war und den nötigen Verstand hatte. Zudem war er der oberste Befehlshaber aller Truppen, die sich um die Magier kümmerten. Das hieß, sie brachten Magier um, die außer Kontrolle gerieten oder nicht mehr nach ihrem System gingen.
„Wenn die Magier erfahren, wie viele von uns es wirklich gibt, schließen sie sich zu Gruppen zusammen und machen alle Gerüchte wahr. Es wird zu einer Massenabschlachtung der Menschen kommen“, fuhr Cole fort.
„Warum gibt es noch immer keine Lösung für ein friedliches Zusammenleben zwischen Mensch und Magier?“, fragte Luther. „Das würde alle Probleme gleichzeitig lösen.“
„So einfach ist das nicht“, wand Cole ein. „Die Menschen haben uns gegenüber seit Jahrhunderten eine negative Einstellung. Diese zu ändern ist fast unmöglich. Vor allem wenn es weiterhin Magier gibt, die Menschen aus Spaß töten.“
„Es ist deine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass das nicht passiert!“, warf Logan ihm vor. Er konnte Cole nicht sonderlich gut leiden und umgekehrt galt es genau gleich.
„Wir kriegen dauerhaft Aufträge bezüglich Magiern rein, die schon wieder gegen das System gehandelt haben. Meine Truppen haken einen nach dem anderen ab, aber die Zahl sinkt nur langsam. Wenn dir das nicht passt, rede mit Patrick.“
Patrick führte die besten Truppen an. Er war Coles Bruder und nur ein Jahr jünger, hatte aber eine brutale Ader. Das Töten lag ihm im Blut und er hatte den Posten bekommen, weil er es offensichtlich liebte. Er war gut in dem was er tat. Patrick kontrollierte die Truppen und Cole kontrollierte Patrick.
„Schick eine Nachricht an die menschliche Regierung, dass sie die Zahlen nicht weiter erhöhen sollen, selbst wenn sie der Wahrheit entsprechen“, befahl Luther schließlich an Cole. „Erledige es per Post und werfe sie in einen Kasten ein, der oft verwendet wird. Den in der Stadt, zum Beispiel.“
„Mache ich.“
„Gibt es sonst etwas, das einer von euch beiden anzumerken hat?“ Luther sah die beiden an.
„Du musst deinen Namen ändern“, fand Cole.
„Schon wieder?“
„Du suchst dir zu altmodische Namen aus.“
„Ich bin ja auch schon älter.“
„Ja, aber du musst der Welt nicht mitteilen, dass du aus dem Mittelalter stammst.“
Luther sah seinen Sohn einen Moment lang genervt an. „Ich bin mir sicher, dass mein momentaner Name nicht so alt ist, wie du ihn gerade darstellst.“
„Das mag stimmen, trotzdem solltest du ihn ändern. Ich kenne keinen, der Luther heißt, also passe dich ein bisschen an.“ Cole wusste gar nicht, wie sein Vater ursprünglich hieß. Er hatte seinen Namen schon so oft geändert. Als Magier musste man mit der Zeit gehen, das galt auch für den Namen.
„Ihr könnt gehen.“
Logan und Cole standen auf und verließen das Büro. Während Logan zur großen Treppe ging, um das Haus zu verlassen, bog Cole in einen der vielen Gänge ein. Er lebte mit seiner Familie in einem großen Anwesen. Es wurde oft behauptet, Magier seien alle reich. Es war zwar nur ein Klischee, aber sie erfüllten dieses in allen Bereichen.
Er war unterwegs zu seinem Zimmer, als Patrick ihm entgegenkam, ein Schwert auf dem Rücken. Nahkampfwaffen waren besser geeignet, um Magier zu töten. Würde man aus weiter Entfernung mit einer Pistole auf sie schießen, waren sie manchmal in der Lage, die Kugel durch ihre Magie in der Luft aufzuhalten. Das war zu riskant.
„Wie lief es?“, fragte er Cole.
„Die Menschen kommen der wahren Anzahl der Magier immer näher. Und bei dir?“
„Ich habe wieder einen Auftrag. Willst du auch einen übernehmen?“
„Ich habe gerade keine Zeit. Pass auf, dass dich die Magier nicht umbringen.“
Patrick nickte nur und ging weiter, während Cole sein Zimmer betrat und sich dranmachte, die Nachricht zu schreiben. Er versuchte, sich als besorgten Bürger auszugeben, der Sorgen hatte, dass den Magiern ihre wahre Kraft erst bewusst wird, wenn sie weiterhin die Zahlen steigern. Sollte es nicht klappen, wird er klarstellen, dass er ein Magier sei und die Gefahren erläutern. Die Menschen wissen nicht, dass selbst den Magiern die wahre Anzahl unbekannt ist. Deshalb war nicht garantiert, ob es funktionieren könnte.

Es war morgens. Cole hatte gerade die Nachricht eingeworfen und war nun am Hauptbahnhof, um den Zug zurück nach Hause zu nehmen. Um diese Zeit gingen die meisten Menschen zur Arbeit, weshalb der Bahnhof sehr belebt war. Er durchquerte gerade die große Halle, als es über ihm laut knallte. Vor Überraschung blieb jeder stehen und sah nach oben. Risse durchzogen die Decke. Keiner hatte Zeit zu reagieren, als der Knall ein zweites Mal ertönte. Die Decke brach in der Mitte ein.
Schreiend sprangen die Leute zurück. Drei schafften es nicht rechtzeitig. Jemand in einem Kapuzenmantel sprang durch das klaffende Loch in der Decke. Geschickt hangelte er sich an der Wand entlang, auf den Boden. Als er aufkam, flog ein Mensch, der an ihm vorbeilief, hoch und prallte so fest auf die Fliesen zurück, dass er starb.
Die Panik, die entstanden war, beachtete er nicht. Mit einer Handbewegung flogen alle Ausgänge zu und schlossen die Leute, die es noch nicht herausgeschafft hatten, ein.
Cole sprang hinter den Tresen einer Bäckerei innerhalb des Gebäudes und zückte sein Handy. Er hatte seinen Standort an die beste Truppe geschickt, bevor der Magier die Türen verriegelt hatte. Cole war es unmöglich einzugreifen. Wenn Magier sich in der Öffentlichkeit zeigten, dann nur in Kapuzenmänteln, damit niemand sie identifizieren konnte, sollte etwas schiefgehen.
Durch das Loch in der Decke erschienen noch zwei Dutzend weitere Magier. Alle hatten eine Pistole dabei und suchten nun den Bahnhof ab, um jeden Menschen zu finden und zu töten.
Cole drückte sich gegen den Tresen, als jemand sich ihm näherte. Der Magier würde ihn sicher wiedererkennen. Er war immerhin in der gesamten Magierwelt bekannt. Ob dies gut oder schlecht war wusste er zu diesem Zeitpunkt nicht. Entweder man würde ihn in Ruhe lassen, weil sie wussten, dass er sich nicht zeigen konnte oder man würde versuchen ihn zu töten, bevor er ihren Plan durchkreuzen konnte.
Ehe man ihn allerdings entdeckte, knallten die Türen auf und die ersten Magier lagen tot auf dem Boden, bevor jemand realisieren konnte, was passiert war.
Es waren erst fünf Magier von Coles Truppe da. Die, die gerade in der Nähe waren, aber es würden noch welche folgen. Im Gegensatz zu den feindlichen Magiern, hatten sie Schwerter.
Die fünf kamen schlitternd vor der versammelten Menschenmenge zum Stehen. Niemand beachtete die Menschen, die ängstlich auf dem Boden kauerten. Betend, weinend oder starr vor Angst.
Die Feinde stellten sich den Magiern gegenüber.
„Warum dieses Gesindel beschützen?“, fragte einer von ihnen. „Wir könnten eine Gesellschaft nur aus Magiern sein. Die Unterdrückung hätte ein Ende. Wir sind so viele, wir könnten es schaffen.“
„Gib es auf, Alex.“ Patrick betrat den Bahnhof hinter dem Magier, der gesprochen hatte. Noch über 30 Leute waren bei ihm. Sie trugen auch die Kapuzenmäntel. Der Typ, den Patrick angesprochen hatte, hieß wahrscheinlich nicht wirklich Alex, aber Patrick gab jedem irgendwelche Namen. Es interessierte sowieso keinen.
„Wenn jemand von Luthers Truppen hier ist, muss sich ja ein Magier hier befinden, der uns verraten hat.“ Alex richtete seine Pistole auf einen am Boden sitzenden Menschen und drückte ab. „Leider zu spät. Wir können schneller abdrücken, als ihr eure Schwerter schwingen könnt.“
Auch wenn Cole es nicht sah, wusste er, dass Patrick lächelte. Niemand unterschätzte ihn und wer es doch tat, fand sein Ende schneller, als er es auch nur erahnen konnte.
Patrick machte einen Schritt auf Alex zu. In der nächsten Sekunde brachte ein Luftstoß ihn aus dem Gleichgewicht. Patrick lief auf ihn zu und schnitt ihm mit einer Bewegung die Kehle durch. Die Restlichen hatten es erst erkannt, als Alex zusammensackte. Sofort rannten sie davon. Coles Magier hinterher. Nur einer kam auf die Idee, wieder die Mauer hochzuklettern und aus dem Loch oben zu verschwinden. Patrick verfolgte ihn. Währenddessen versuchten die fünf Frühankömmlinge die Menschen nach draußen zu scheuchen. Diese warteten keine Sekunde, standen auf, rannten zum Ausgang.
Über ihnen donnerte und knallte es. Drei der Magier liefen nach draußen, um Patrick zu helfen, den Magier zu töten.
Jeder war beschäftigt. Entweder er flüchtete, tötete oder versuchte nur, sich in Sicherheit zu bringen.
Auf dem Dach schleuderten die beiden Magier sich gegenseitig Zauber entgegen, die das Gebäude zum Wackeln brachten. Risse entstanden und durchzogen die Wände und Decke.
Cole sah um die Ecke. Die letzten Menschen liefen gerade zum Ausgang. Er stand auf und erst da bot sich ihm der Blick auf ein kleines Mädchen. Höchstens fünf Jahre alt. Sie stand im ganzen Chaos herum, drehte sich verzweifelt in alle Richtung und rief nach jemandem. Tränen liefen ihr übers Gesicht. Keiner beachtete oder sah sie. Cole lief zu ihr. Er wollte sie herausholen, bevor der Bahnhof zusammenbrach.
Er war nur noch wenige Meter entfernt, als die Decke genau über dem Mädchen einbrach. Obwohl es riskant war, ließ er sich neben sie auf die Knie fallen, legte eine schützende Haltung über sie und streckte seine Hand zu den fallenden Brocken. Sie blieben in der Luft, nur einen halben Meter von ihnen entfernt, stehen.
Cole führte sie mittels Magie langsam zur Seite und ließ sie dort niederfallen.
„Lauf!“, schrie er zum Mädchen. Sie rannte sofort zum Ausgang. Sowohl Magier, als auch Menschen sahen ihn an. Cole blieb ein paar Sekunden regungslos. Erst als Patrick neben ihm erschien und ihn anschrie, realisierte er, was er getan hatte.
„Verschwinde von hier, los verschwinde! Bevor die MP hier auftaucht!“
Cole rannte sofort davon. Es war egal wohin, Hauptsache weg.

Er schlug die Tür hinter sich zu. Seit dem Vorfall am Morgen waren drei Stunden vergangen und Cole war endlich zuhause angekommen. Niedergeschlagen ging er nach oben in Luthers Büro.
Dieser sah auf, als er eintrat.
„Was hast du getan?“, fragte er. Sein Gesicht war bleich.
Cole schloss die Tür hinter sich.
„Ich habe es vorhin von Patrick erfahren und durfte es nun noch durch die Nachrichten hören. Du hast Magie gewirkt, während jeder dich sehen konnte!“
„Mir blieb keine andere Wahl“, verteidigte Cole sich.
„Doch, blieb sie!“, schrie Luther und stand auf. Er kam näher. „Du hättest das Mädchen einfach sterben lassen sollen! Es ist nicht dein Problem, wenn sie zu dumm ist, auszuweichen!“
„Die war vier oder fünf Jahre alt, sie hat das Leben noch vor sich!“
„Du auch!“ Kurz trat Stille zwischen den beiden ein. Luther fuhr sich verzweifelt durch die Haare. „Menschen leben nur 80 bis 90 Jahre. Magier für die Ewigkeit. Alle Sender berichten vom Vorfall, das Internet ist voll davon!“
Cole eilte zum Computer und überzeugte sich selbst. Luther hatte recht. Die MP suchte ihn bereits. Nur wenige Menschen sprachen sich für ihn aus. Sie fanden es ungerecht, dass er eingesperrt werden sollte, weil er ein Leben gerettet hatte, aber das war die Meinung der Minderheit.
„Du musst eine Lösung finden“, sagte Luther. „Du kannst keinen Fuß mehr vor die Tür setzen. Dein Gesicht wird durch alle Datenbanken laufen, auf der ganzen Welt wird man nach dir suchen, bis sie dich gefunden haben!“
„Irgendwann geben sie auf“, meinte Cole. Er glaubte es selbst nicht.
„Die gaben noch nie auf! Die machen 100 Jahre weiter, wenn es sein muss! Sogar länger! Willst du den Rest deines Lebens hier drin verbringen?“
Cole sah seinen Vater an. Nein, das wollte er nicht und das konnte er auch nicht.
„Ich muss nachdenken. Lass mich einen Moment allein, Luther.“ Cole ging zur Tür, doch er wurde noch einmal aufgehalten.
„Harry.“
Cole sah Luther an. Dass er seinen Vater beim Vornamen nannte, war nichts Neues.
„Ich heiße jetzt Harry“, erklärte Luther. Cole musste ein unzufriedenes Gesicht gemacht haben, denn sein Vater fragte: „Was stimmt denn dieses Mal damit nicht?“
„Wir leben in einer Zeit, in der man diesen Namen sofort mit Harry Potter in Verbindung bringt.“
„Wer ist das?“
„Eine fiktive Figur eines Romans und Films, weltweit bekannt.“
Harry seufzte. „Heutzutage ist gar kein Name mehr gut.“
Cole ignorierte seinen Kommentar, verließ das Büro und verzog sich auf sein Zimmer.

„Was ist los?“ Patrick blieb hinter Cole stehen. Es war eine Woche vergangen und die Situation hatte sich nicht gebessert. Coles Leben war vorbei. Er konnte nur noch in diesem Haus bleiben und auch dann war es eine Frage der Zeit, bis man ihn fand und ins Gefängnis für Magier brachte, wo man nicht in der Lage war, Magie zu wirken, den ganzen Tag in einem Glaskasten saß und gar nichts tat. Für immer.
Cole hatte seinen Bruder in einen leeren Raum des Hauses gebeten.
„Die Menschen geben uns die Schuld an der Überbevölkerung, Naturkatastrophen und all dem anderen Scheiß, der ihnen passiert. Früher haben die Magier dafür gesorgt, dass es ein Gleichgewicht gab. Sie waren die Lösung für die Überbevölkerung. Jetzt sind sie die Entdecker und Erfinder aller möglichen Heilungen, überall laufen Projekte, um Krankheiten zu heilen, die die Magier nicht mal kriegen können!“ Cole drehte sich zu Patrick um. „Würden wir friedlich zusammenleben, würden wir Menschen heilen, wenn sie sich verletzen und Mittel zur Verfügung stellen, zu denen sie keinen Zugriff haben. Ein Magier hat letztens etwas gegen Krebs gefunden, traut sich aber nicht, es auf den Markt zu bringen, weil die Spur zu ihm zurückführen könnte. Wir könnten die Armut und Hungernot beenden. Das Essen, das wir verbrauchen, um unsere Deckung zu bewahren, könnte man sinnvoll verteilen und alle Preise würden sinken, weil die Magier Dinge erschaffen und produzieren können, ohne einen Cent auszugeben. Die Anzahl der Magier, die die Menschen töten wollen, würde zurückgehen, weil wir nicht mehr unterdrückt werden und jeder, der es weiterhin versucht, wird von uns beseitigt.“
„Cole ... wenn du das veröffentlichst, wäre ein Zusammenleben möglich. Warum hast du es noch niemandem gesagt?“
Cole zögerte ein paar Sekunden. „Ich habe die Idee schon seit sieben Jahren. Würde das alles passieren, würde das gesamte System außer Kontrolle geraten. Menschen werden immer mehr und durch uns würde die Zahl weiterhin steigen. Irgendwann müssten die Magier den Entschluss ziehen, alle Menschen aus dem Weg zu schaffen und würden ein Alterslimit aufstellen, damit jeder Magier sich irgendwann selbst umbringt und eine Überbevölkerung zu verhindern. Ein Zusammenleben würde die Welt in den Ruin treiben.“
Patrick sagte nichts dazu.
Cole fuhr fort: „Mir ist es egal, was du mit diesem Wissen anstellst, aber mein Leben ist vorbei. Ich kann die Ewigkeit nicht so verbringen, das ist kein Leben. Leb wohl, Bruder.“ Er zog ein Messer und schnitt sich die Kehle durch.
 




ageschéckt den: 19:14 Fri, 2 March 2018 vum: Rollinger Caroline

Zeréck

Prix Laurence 2018

Rollinger Caroline - Jagdtrieb





Es war finstere Nacht. Der Vollmond stand hoch am Himmel. Ein Wolf tappte leise über die vertrockneten Blätter auf dem Waldboden. In der Ferne war ein Heulen zu hören. Der Wolf blieb stehen und horchte auf. Nach wenigen Sekunden erklang es wieder. Der Wolf antwortete und rannte in die Richtung aus der das Heulen gekommen war.

Der Boden unter Cayden war hart, ein wenig gefroren. Die abgefallenen Blätter des Herbstes erweichten den Untergrund kaum merkbar. Ein kalter Wind glitt über seine nackte Haut. Er zitterte. Als der Wind nachließ, öffnete er die Augen. Um ihn herum lagen noch ein halbes Dutzend andere Menschen. Alle nackt. Einige übergaben sich. Auch Cayden war kurz vor dem Erbrechen, unterdrückte es aber.
Schwere Schritte traten zwischen den Bäumen hindurch und ließen ein Bündel Kleidung neben einen Mann fallen, welcher gerade am Kotzen war.
„Los Kadetten, zieht euch an oder wollt ihr nackt nach Hause gehen?“ Neben jeden wurden Kleider geworfen. Schließlich auch bei Cayden. „Alles klar, Welpe?“
Zur Antwort erbrach er sich. Der Mann drehte sich zu einem Mädchen, Stephanie, seines Alters. „Und bei dir? Schon gekotzt?“
Sie war ganz bleich im Gesicht, lag auf der Seite und nickte.
Cayden richtete sich langsam auf und zog die Kleider an. Sie waren eine Nummer zu groß, aber das machte nichts. Im ganzen Wald waren Kleider in allen Größen versteckt. An jedem Vollmond trafen sie sich, legten die Kleider ab und platzierten sie an einem Ort, den sie sicher wiedererkennen würden, aber nur schwer zu finden war. Dann verwandelten sie sich in Wölfe, zogen als Rudel los und wachten irgendwo auf. Keiner konnte vorhersagen wo, denn in dieser Zeit vergaßen sie alles und verloren die komplette Kontrolle. Deshalb gab es die Kleiderbündel. Sie wachten alle zur ungefähr gleichen Zeit auf, aber der Anführer war immer ein bisschen früher dran als der Rest. Der ging die Kleider dann holen. Das Kotzen war eine übliche Prozedur, da sich bei einer Verwandlung im Innern des Körpers so viel veränderte.
Ihr Anführer, Zacharias, wandte sich wieder an Cayden. „Du warst gestern Nacht zu spät.“
„Ich weiß“, erwiderte Cayden. „Ich wurde aufgehalten.“
„Gut, dass du wenigstens in der Nähe warst. Wölfe, die alleine unterwegs sind, erwischt es meistens zuerst.“ Er klopfte mir auf die Schulter. Ich nickte. „Also gut Leute“, rief er an die Gruppe gewandt. „Verschwindet von hier, bevor die Jäger kommen. Hinterlasst so viele falsche Spuren und so wenig richtige wie möglich.“
Die Jäger bestanden aus einer Gruppe Menschen, welche von der Existenz der Werwölfe wussten. Da diese sich bei Vollmond nicht kontrollieren konnten, kam es schon mal zu einem tödlichen Überfall und aus diesem Grund wollten die Jäger sie auslöschen.
Die ersten torkelten in alle Richtungen davon. In den ersten fünf Minuten einer Zurückverwandlung war einem noch übel und die Sicht war verschwommen. Man hatte Cayden erzählt, es würde nachlassen. Nach ungefähr fünf bis sieben Jahren.
Er machte sich auch auf den Weg nach Hause. Stephanie holte ihn auf. Sie war noch nicht oft dabei gewesen. Erst dreimal. Cayden fand dies ziemlich ungewöhnlich. Die erste Verwandlung setzte bei den Menschen die das Gen hatten, zu den unterschiedlichsten Zeiten ein. Der Durchschnitt lag bei ungefähr 13 Jahren. Und nach der ersten Verwandlung dauerte es meist nur wenige Monate bis man ein Rudel fand. Sie war allerdings schon in seinem Alter und entweder war ihr altes Rudel tot oder sie hatte lange gebraucht, um eines zu finden.
„Hallo“, begrüßte sie ihn. Obwohl sie erst dreimal zusammen mit den anderen unterwegs waren, sah Cayden sie als eine Art Freundin. Oder eher auf der Schwelle, um eine zu werden. „Deine wievielte Verwandlung war das?“, fragte sie.
„Die 42.“, antwortete Cayden. „Und deine?“
Sie sah beschämt auf den Boden. „Die sechste.“
Erstaunt sah Cayden sie an. Das war der Grund, warum sie so spät hier aufkreuzte. Ihre Verwandlung hatte nur sehr spät begonnen. Mit 15 oder 16. Cayden hatte sich zum ersten Mal mit 12 verwandelt.
„Freust du dich auf die 60. Verwandlung? Soll ab da ja bessergehen“, ergriff sie wieder das Wort.
„Naja ... Vielleicht dauert die Übelkeit nicht mehr fünf Minuten, sondern vier Minuten und 50 Sekunden an.“
„Die Schmerzen sollen weniger schlimm sein.“
Das hoffte Cayden aus tiefstem Herzen. Die Schmerzen fühlten sich an, als würde man jeden Knochen einzeln aufbrechen und mit flüssigem Blei ausbrennen. Cayden wünschte sich jedes Mal, dass die Schmerzen ihn endlich töten würden und dem ganzen Elend ein Ende setzen. Er hatte schon mit Zacharias darüber gesprochen. Dieser hatte ihm geraten, sich bewusst, unabhängig vom Vollmond, zu verwandeln. Je öfter er es tat, desto leichter fiel es ihm. So hatte er es gelernt, aber Cayden dachte nicht einmal daran. Sich bewusst zu verwandeln war genau das Gleiche, wie die monatliche Verwandlung bei Vollmond, mit dem einzigen Unterschied, dass man sich kontrollieren und sich erinnern konnte. Und sie war freiwillig. Cayden wollte die Schmerzen aber nicht auf sich nehmen, auch wenn er dadurch früher davon loskam.
„Ich werde es machen“, sagte Stephanie plötzlich.
„Was?“, fragte Cayden.
„Mich bewusst verwandeln. Meine erste Verwandlung hat einfach zu spät eingesetzt. Ich fühle mich nicht richtig integriert ... Jeder hat schon Erfahrungen gesammelt, sogar du, nur ich nicht.“
„Wenn du meinst ...“ Er wollte sonst nichts dazu sagen. Das Thema missfiel ihm.
„Wirst du es mit mir machen?“
Er sah sie schockiert an. „Auf keinen Fall!“
„Bitte! Ich habe noch keine Ahnung von alldem! Was ist, wenn ich einem Jäger begegne?“
„Wenn du einem Jäger begegnest, stirbst nur du, weil ich nicht dabei sein werde!“
„Ach, komm schon! Jäger sind doch nach und vor dem Vollmond nicht aktiv. Bitte, ich habe Angst!“, bettelte sie. Cayden sah sie unverständlich an. Er hatte auch Angst, aber nur, wenn er sich verwandeln musste. „Bitte!“, flehte sie wieder.
„Ist ja gut!“, gab er nach. Das war unerträglich. Er konnte es nicht ausstehen, dauernd angebettelt zu werden. Wenigstens hatte das bewusste Verwandeln keine Nachteile gegenüber des monatlichen. „Ich mache es auch, aber nur einmal ... danach redest du nie wieder davon!“

Cayden sah über das Gartentor. Wie es schien, hatte er sich einen schlechten Zeitpunkt ausgesucht, um Zacharias aufzusuchen. Dieser hatte gerade Besuch. Cayden wollte wieder gehen, doch da hatte er ihn schon entdeckt. Zacharias unterbrach sein momentanes Gespräch und lief auf Cayden zu.
„Welpe? Was machst du hier?“
„Nichts, ich ... ich komme einfach später wieder.“
„Nein, schon gut.“ Zacharias kam vors Gartentor. „Komm mit.“ Er führte Cayden durch die Vordertür ins Haus und setzte sich mit ihm ins leere Esszimmer. „Setz dich“, bat Zacharias. „Sag mir, was los ist.“
Cayden setzte sich an den großen und noblen Tisch. „Stephanie hat mich gebeten, mich mit ihr bewusst zu verwandeln ... Ich habe zugesagt.“
„Das ist gut!“, fand Zacharias. „Das ist ein großer Fortschritt. Es wird dir helfen.“
Cayden sah ihn an. „Ich weiß nicht ... Ich habe Angst.“
„Wovor?“
„Dass ich mich nicht zurückverwandele. Die umgekehrte Verwandlung muss doch genauso wehtun! Durch dieses Wissen traue ich mich vielleicht gar nicht.“
„Es wird wehtun, aber glaub mir, du traust dich. Wenn du es schaffst, dich bewusst in einen Wolf zu verwandeln, dann wird die Zurückverwandlung kein Problem sein.“
Cayden nickte zögernd. Da war was dran.
„Warte hier.“ Zacharias verließ den Saal und kehrte nach nur einer Minute wieder zurück. Er legte eine Pistole auf den Tisch. „Sie ist mit Silberkugeln gefüllt. Versteckt sie und haltet euch immer in der Nähe auf. Sollten die Jäger einen von euch erwischen, dann erschießt das arme Schwein. Denn was die mit einem lebenden Werwolf machen, ist schlimmer als der Tod.“
Ich sah Zacharias an. „Ich könnte das nicht.“
„Ich konnte es auch nicht ... Danach hatte ich es bereut.“

Stephanie lief durch den Wald, Cayden direkt hinter ihr. Er hätte niemals ahnen können, wie frei es sich anfühlte, ein Wolf zu sein. Stephanie und er hatten sich nun schon zum achten Mal bewusst verwandelt, innerhalb von zwei Wochen. Die Beziehung zu ihr hatte sich zu einer guten Freundschaft entwickelt.
Sie lief voraus, drehte sich einmal zu ihm um und schaute dann wieder nach vorn. In dem Moment wurde sie plötzlich von einem Pfeil am Bein getroffen. Sie knickte ein und fiel hin. Abrupt blieb Cayden stehen. Da schoss ein zweiter Pfeil direkt an ihm vorbei. Sofort machte er kehrt und rannte zurück. Er lief einen Hügel hoch, der auf der anderen Seite leicht talwärts ging. Er schlitterte ihn genau von der Spitze aus hinunter und verwandelte sich währenddessen zurück. Er biss in den erstbesten Ast, damit er durch die Schmerzen nicht schreien konnte. Als er wieder ein Mensch war, schmiss er den Ast weg, kroch etwas nach vorne und griff mit der Hand in einen Bau, welcher unter den Wurzeln eines Baumes von einem Tier gegraben wurde. Er nahm die Waffe heraus, die er dort mit Stephanie versteckt hatte. Er packte zudem seine Kleider und stand auf. Nachdem er sich angezogen hatte, wollte er zurücklaufen, doch es war nicht nötig.
Cayden hörte Stimmen und legte sich sofort wieder hin. Sein Herz begann ihm bis zum Hals zu schlagen. Ungefähr zehn Männer und Frauen traten in sein Blickfeld. Sie hatten Stephanie in ihrer Menschenform dabei. Cayden zielte auf sie. Die Hände zitterten. Er versuchte sich zu beruhigen. Vergeblich. Er entsicherte die Waffe, den Finger auf dem Abzug. So sehr er sich Mühe gab, abzudrücken, er konnte sich nicht überwinden.
Er musste an seine Aufnahme im Rudel denken.
„Du bist nun Teil der Familie, Cayden.“ Zacharias drückte fest seine Schulter. „Hier gibt es kein Alpha, Beta oder Omega, sondern nur uns! Und wir behandeln uns auch dementsprechend. Du gehörst dazu.“
Eine Träne rann seine Wange runter. Er richtete blitzschnell das Visier auf jemand anderen und drückte ohne zu zögern ab.
Der Mann sackte zusammen. Große Aufruhr machte sich breit. Sofort begannen die Restlichen zu laufen. Das mussten sie gar nicht. Cayden war nicht in der Lage ein weiteres Mal zu schießen, obwohl er noch genug Kugeln im Magazin hatte. Er fühlte gar nichts und das machte ihm Angst.
Als alle weg waren, stand er auf und ging zur Leiche. Er hatte den Kopf nur knapp getroffen. Er schoss nochmal in den Schädel. Und nochmal. Bis das Magazin alle war.
Danach ließ er die Waffe fallen.

„Was ist passiert?“
Nach dem Vorfall hatte Cayden Zacharias angerufen. Er hatte sofort das Rudel mitgebracht.
„Die Jäger haben sie erwischt“, erzählte Cayden. „Ich konnte sie nicht erschießen ... Deshalb habe ich den da erschossen.“ Er deutete auf die Leiche vor ihm. Die anderen folgten seinem Blick.
„Du hast ihn erschossen?“ Zacharias sah wieder Cayden an. „Da sind ziemlich viele Kugeln in seinem Schädel.“
„Zwölfmal hält besser“, erwiderte Cayden. „Vielleicht hat er die anderen elf Kugeln überlebt.“ Er wusste selbst, dass das absurd war, aber er konnte nicht sagen, warum er das ganze Magazin abgeschossen hatte. Er wollte einfach sicher sein, dass der Typ tot war, nie wiederkehren könnte und sein Gesicht durch die Kugeln so verunstaltet war, dass er keines mehr hatte.
„Stephanie ist jung“, sagte Jasper, Caydens bester Freund aus dem Rudel. „Sie ist leicht zu brechen. Wir müssen sie finden.“
„Na zum Glück haben wir den da.“ Zacharias stieß mit dem Fuß gegen die Leiche. „Wir werden herausfinden, wer zu seinen Leuten gehört. Und dann finden wir sie. Haltet eure Handys bereit. Wir schlagen so früh wie möglich zu.“

Es hatte eine Woche gedauert bis sie herausfanden, aus welchem Jägerclan der Tote war. Und das auch nur, weil sie zwei Werwölfe im Rudel hatten, die sich mit den einzelnen Clans auskannten. Durch den Arbeitsplatz und Wohnort des Toten hatten sie die Möglichkeiten auf drei Clans eingrenzen können. Diese wurden dann so lange observiert, bis sie klare Anzeichen auf die Gefangennahme eines Werwolfes gaben. In diesem Fall zeigte sich dieses durch den Transport von rohem Fleisch in eine leerstehende Lagerhalle am Ortsrand. Es schien ein Klischee unter den Jägern zu sein, dass Werwölfe nur rohes Fleisch aßen, aber es stimmte nicht. Das taten sie in ihrer Wolfsform, wenn sie ein Tier erwischten, sonst nicht.
Nach der Bekanntgabe, wo sich Stephanie höchstwahrscheinlich befand, trafen sie sich alle am Abend in der Nähe.
„Was macht der hier?“, fragte Zacharias als er Cayden sah.
„Ließ sich nicht abschütteln“, erklärte John, welchem Cayden gefolgt war. Zacharias sah den Jungen daraufhin an.
„Dass Stephanie da drin ist, ist nur eine Vermutung. Sie könnten auch einen anderen Werwolf dort halten. Ich hoffe, das ist dir klar.“
„Ja, verstanden.“ Cayden nickte.
„Gut ... Und egal was passiert, du bleibst in deiner Wolfsform. Sie dürfen nicht wissen, wer du bist, okay?“
„Okay.“
„Er könnte sich doch zeigen, wenn sie ihn töten wollen“, erwiderte Jasper. „Die Jäger töten keine Werwölfe, die noch unter 21 Jahre alt sind. Nur dazu müssen sie wissen, dass er noch so jung ist.“
„Wenn sie ihn kriegen, werde ich ihn erschießen“, sagte Zacharias. „Er wird danach nie wieder normal leben können. Das wird Steph auch nicht und sie ist erst eine Woche da drin.“ Er sah zur Lagerhalle. „Jasper, du wirst schauen, wo du die Aufnahmen der Kameras löschen kannst. Sie dürfen nicht erfahren, wer wir sind.“
„Geht klar.“
Die Lagerhalle war groß, bestand aus mindestens drei Teilen. Laut eines Bauplans war der größte Teil ganz rechts, also würden sie zuerst dorthin gehen. Jasper nahm an, dass sich die Aufnahmen in einem Nebenraum befanden. Dafür müsste er in eine andere Richtung.
„Cayden, verwandele dich. Der Rest entscheidet selbst, was er lieber hat. Und du Jasper, passt gut auf, dass sie dich nicht erwischen. Du bist auch noch zu jung.“
„Geht klar. Ich krieg das hin.“ Jasper war 19, hatte sich allerdings schon mit neun zum ersten Mal verwandelt. Cayden konnte sich diesen Schock nicht mal vorstellen. Er war mit zwölf schon komplett überfordert gewesen. Man konnte dafür aber sagen, dass Jasper Erfahrung hatte und zwar jede Menge. Auch was die Jäger anging.
Cayden nahm einen kleinen Holzblock in den Mund und biss darauf. Dann verwandelte er sich. Drei andere taten es ihm gleich.
Cayden stellte sich neben die anderen.
„Ihr wartet, bis wir unten sind. Erst dann folgt ihr.“ Zacharias und die anderen, die in Menschengestalt geblieben waren, gingen vor. Sie erreichten die Tür und kontrollierten, ob sie offen war. Geschlossen. Zacharias deutete mit einem Wink seiner Hand, dass die Wölfe nun kommen könnten. Sie liefen gemeinsam los. Zwei warfen sich mit ihrem gesamten Gewicht gegen die Tür und brachen sie auf.
Sie betraten einen kleinen Gang.
„Ich gehe da vorne nach links“, sagte Jasper und deutete auf eine Tür. Zacharias reagierte mit einem Nicken. Jasper nahm eine Pistole, entsicherte sie und ging los. Das Rudel wartete bis er vorsichtig in den Raum hinter der Tür geschaut hatte und dann dahinter verschwand.
Zacharias und John gingen zur Tür vorne rechts. Zu ihrer Überraschung lehnte sie bereits an. Sie stießen sie ein paar Zentimeter auf.
„Was siehst du?“, fragte Zacharias John flüsternd.
„Drei Leute.“
„Drei Leute nur? Der Rest wird wohl nicht in deinem Blickwinkel sein.“
Einer der Wölfe begann leise zu knurren.
„Ruhig Cayden“, versuchte Zacharias ihn zu beruhigen. Das Knurren wurde zu einem Brummen.
„Er riecht Stephanie“, erkannte John. „Sie waren letztens öfters zusammen, ihr Geruch müsste ihm bekannt sein.“
„Gut, bereitet euch vor.“
Jeder zog eine Waffe. Cayden stellte sich genau vor die Tür. John und Zacharias stießen sie gemeinsam auf und waren die ersten im Raum. Sie feuerten jeweils eine Kugel ab. Den Dritten erwischte Cayden. Er sprang hoch, biss ihm in die Kehle und brach ihm mit einem Fall zu Boden das Genick. Die restlichen Drei waren erledigt als Cayden aufsah.
„Nur sechs Leute?“ John sah sich um und kontrollierte sogar die Decke. „Das kann nicht sein ... Das sind schlichtweg zu wenige.“
Am Ende des Raumes war Stephanie. Sie hing bewusstlos in Ketten und war blutüberströmt. Zacharias nahm den Schlüssel von einem der Toten und befreite sie. Er hob sie hoch und genau in dem Moment fiel ein Schuss. Alle blickten nach links, wo Jasper verschwunden war. Cayden und John reagierten am schnellsten. Sie liefen sofort los. Cayden war zuerst da. Jasper kam gerade aus einer Nebentür und wäre fast in den Wolf gerannt. In seinem Gesicht war Blut. John kam sofort nach Cayden an.
„Alles okay?“, fragte dieser.
„Ja ... Da hat mich einer der Jäger von hinten überrascht. Ich habe ihn erschießen können.“
„Gut. Lasst uns gehen. Hier stimmt etwas nicht.“ Eilig verließen sie die Lagerhalle. Die anderen folgten, als sie sahen, dass Jasper noch lebte. Nachdem sie dort ankamen, wo sie anfangs standen, verwandelte Cayden sich zurück, zog sich an und gesellte sich dann zu Zacharias und Jasper. Diese standen beieinander, als das Rudel anhielt, um zu warten bis die anderen sich zurückverwandelt hatten.
„Was ist los?“, fragte Cayden als er die ernsten Gesichter sah.
„Sechs Leute sind zu wenig“, erklärte Zacharias.
„Und die Kameras waren die ganze Zeit ausgeschaltet“, fügte Jasper hinzu. „Ehrlich, irgendwas ist faul. Sogar der Typ, der mich überrascht hat, war seltsam. Er hatte die Pistole gegen meinen Kopf gerichtet, sie entsichert, hat aber nicht abgedrückt. Kein Idiot wartet noch bis er abdrückt, das hat ihn sein Leben gekostet! Ungewöhnlich war auch, dass auf dem Weg zum Raum keine Menschenseele war! Ich drehe hier durch, das kann alles doch gar nicht sein. Es war zu einfach!“
„Es ist auf jeden Fall etwas faul. Wir können wohl nichts Anderes tun, als Abwarten und achtsam sein.“
„Wir sollten sie auf einen Chip untersuchen.“ Cayden deutete auf Stephanie in Zacharias Armen.
„Gut. Ich mache das. Ihr solltet nach Hause gehen.“

Einige Tage vergingen, ohne dass etwas geschah. Stephanie wurde im Krankenhaus gesund gepflegt. Den Eltern hatten sie gesagt, sie sei bei einem Spaziergang im Wald einen Abhang hinuntergefallen und die Äste hätten ihren Sturz genug abgefedert, um sie vor dem Tod zu bewahren. Den Ärzten erzählten sie das Gleiche. Aus diesem Grund wurden die Wunden nicht weiter untersucht.
Nachdem Stephanie aufgewacht war, hatte sie Cayden zu sich gerufen. Sie hatte sich bei ihm bedankt, weil er geholfen hatte, sie zu retten, sie hatte aber nicht erzählt, was ihr in der Lagerhalle passiert war. Cayden war es auch egal. Hauptsache Stephanie wurde gesund.
Während ihrer Genesung wuchs Jaspers Unruhe. Zacharias hatte ihm versichert, es gäbe keinen Chip, um ihn zu beruhigen, aber er hatte damit genau das Gegenteil bewirkt. Später erfuhr das Rudel, dass Jasper einmal bei Stephanie zu Besuch war. Nicht, weil er sie besuchen wollte, sondern um sie zu fragen, warum es so einfach gewesen war, sie zu befreien. Genaueren Angaben nach, soll er sie angeschrien haben. Cayden konnte das gut glauben. Wenn Jasper ein ungutes Gefühl hatte, setzte er alles daran, herauszufinden, was los war. Die Ärzte hatten ihn dann rausgeschmissen und Zacharias war fast ausgeflippt. Er konnte Jaspers Verhalten verstehen, aber nicht gut heißen.
Es war schon tief in der Nacht, als Cayden plötzlich eine Nachricht von Stephanie bekam. Ein Hilferuf mit Standort.
Er lief sofort hin. Er traf das ganze Rudel an.
„Was ist los?“, fragte er.
„Irgendwas mit Steph, aber wir wissen nicht, wo sie ist.“
„Wo ist Jasper?“, fragte Zacharias. Keiner hatte eine Antwort. Plötzlich fielen mehrere Schüsse. Die Hälfte des Rudels fiel um. Darunter auch Zacharias.
Cayden sah ungläubig auf die Leichen vor ihm. Blut lief über den Waldboden. Durch den Schock war er unfähig sich zu bewegen. Schreie erfüllten die Nacht. Cayden konnte nur vage die hektischen Bewegungen aus dem Augenwinkel wahrnehmen. John erschien vor ihm und schrie etwas. Cayden sah ihn an.
„Lauf!“, schrie John. „Verfickt, lauf endlich!"
Sofort rannte Cayden los. Er wusste nicht genau wohin. Er stolperte und fiel auf den kalten Boden. Er landete auf allen Vieren. Als er hochsah, blickte er genau in die Mündung einer Pistole.
„Steph?“, fragte er.
Sie sah ihn an, Tränen in den Augen. „Es tut mir leid.“
„Warum?“, fragte Cayden ungläubig.
„Du kannst nicht glauben, was sie mir angetan haben ... Sie haben mir versprochen, mich am Leben zu lassen, wenn ich euch verrate.“
„Du hast dein eigenes Rudel ermordet?“
„Nein! Nein!“ Stephanie schüttelte den Kopf. „Sie haben sie getötet. Die Jäger. Ich habe sie nur zusammengerufen.“
„Du bist für ihren Tod verantwortlich! Du hast sie verraten! Deine eigene Familie!“ Tränen rannen Caydens Wangen hinunter.
„Ich habe sie nicht getötet“, murmelte Stephanie. „Sie sagten, sie würden aufhören mir wehzutun, wenn ich ihnen helfe, euch zusammenzukriegen. Dann haben sie irgendwelche Verbrecher als Opfer hingestellt, es euch absichtlich einfach gemacht und dann habe ich getan, was sie verlangten ... Sie wussten wo ich wohnte, was hätte ich denn tun sollen?“, schrie sie verzweifelt.
„Sterben ... Du hättest ganz einfach sterben sollen“, sagte Cayden, so ruhig wie möglich. Ihre Hand begann zu zittern.
„Jetzt tu nicht so scheinheilig!“ Sie umgriff die Pistole mit beiden Händen und zielte entschlossener auf Cayden, zitterte aber umso mehr. „Du hättest genau gleich gehandelt!“
„Nein, Stephanie, hätte ich nicht.“
„Ich habe Familie! Echte Familie, zuhause!“
„Ich auch!“, schrie Cayden. „Und die ist mir mindestens genauso wichtig wie die, die du gerade abgeschlachtet hast! Ich wäre nie in der Lage sie zu verraten, du erbärmliches Miststück!“
„Halt einfach deine Fresse!“, drückte sie zwischen zusammengepressten Zähnen aus und drückte ab.

Jasper blieb stehen und verlor den Halt als er die vielen Toten sah. Er hielt sich an einem Baum fest. Er hatte überlegt, ob er dem Hilferuf von Steph folgen sollte. Danach war er absichtlich später gekommen und als er die Schüsse gehört hatte, war er losgerannt.
Mit dem Blick streifte er einmal jeden Toten. Drei waren tot, also mussten noch drei leben. Caydens Leiche konnte er nicht sehen, weshalb er davon ausging, dass dieser noch lebte. Sofort lief Jasper los, um ihn zu finden.
Als er ihn endlich sah, kniete er auf allen Vieren und sah in die Mündung einer Pistole, die Steph in der Hand hielt. Er wollte zu ihm laufen, doch in dem Moment drückte Stephanie ab. Cayden sackte tot zusammen.
Jasper schrie. Genau zu diesem Zeitpunkt presste jemand seine Hand auf seinen Mund und unterdrückte den Schrei. Stumm rannen ihm Tränen die Wangen runter. Langsam und vorsichtig nahm die Person die Hand von seinem Mund.
Nun erschienen die Jäger hinter Stephanie.
„Gut gemacht“, lobte einer und legte seine Hand auf ihre Schulter. „Danke für deine Hilfe. Wir brauchen dich jetzt nicht mehr“, fügte er hinzu. Im Dunkel blitzte eine Pistole auf mit der er Stephanie ohne eine Sekunde zu zögern erschoss. Die Jäger lachten.
„Werwölfe sind so dämlich. Dass die wirklich glauben, wir würden ihresgleichen unter 21 Jahren nicht töten ... Das machen wir doch nur aus genau diesem Grund.“ Er sah auf Stephanie. „Um sie zu brechen und dadurch den Rest zu finden.“ Er wandte sich an die anderen Jäger. „Los, zwei müssten noch leben. Findet sie und bringt sie zur Strecke.“
„Jasper“, flüsterte die Person hinter ihm. Er drehte sich um. Es war John. „Wir müssen weg hier, los.“
Jasper bewegte sich nicht. Der Schock saß ihm tief bis in die Knochen.
„Komm jetzt. Der Rest ist tot ... Wir müssen von hier weg. Wir können nichts mehr machen.“
Jasper sah ein letztes Mal zu den Jägern. Er würde jeden einzelnen von ihnen töten. Er würde den Tod seiner Familie rächen, der einzigen, die er je hatte.
Er drehte sich ab und lief mit John davon.

 




ageschéckt den: 17:24 Sun, 4 March 2018 vum: Rollinger Caroline

Zeréck

Prix Laurence 2018

Rollinger Caroline - Eine neue Ära





Sam rannte ins Haus, schloss die Tür so schnell und trotzdem leise wie möglich und setzte sich dann in einiger Entfernung daneben an die Wand. Er keuchte und versuchte seinen Atem zu beruhigen. Draußen war zwar Nacht, doch das Haus war hell beleuchtet. Jedes Haus war beleuchtet.

„Hallo, Freund.“

Sam erschrak und zuckte zusammen, als er eine Stimme zu seiner Rechten hörte. Er wich zurück, zog reflexartig seine Pistole und zielte auf die Person, die auf der anderen Seite der Tür in der Ecke saß.

Er war so verdutzt, dass er gar nicht merkte, dass er weiterhin auf den Menschen zielte. Er hatte ihn beim Betreten des Hauses gar nicht gesehen.

Der Andere hob seine Hände. „Wir sind auf der gleichen Seite, Freund.“

Sam sah seine Pistole an. „Äh ... ja.“ Er steckte sie weg.

„Ich bin Justus“, stellte der Andere sich vor.

„Sam.“ Für einen Moment wollte er zu Justus kriechen, um ihm die Hand zu reichen, ließ es dann aber sein. Stattdessen sah er sich um. „Keine Möbel“, erkannte er. Das Haus gehörte ihm nicht. Es war klein, zweistöckig. Trotzdem war es seltsam, dass hier keine Möbel waren.

„Vielleicht stand es schon leer, bevor der Mist ausbrach“, überlegte Justus. „Ist die einzige, logische Erklärung. Und halte dich von oben fern, da haben zwei Leute Selbstmord begangen.“

„Oh ...“ Sam sah vor seine Füße. „Gehängt?“ Er sah wieder Justus an.

„Erschossen.“

„Hat die Pistole noch Kugeln?“

Justus zuckte die Schultern. „Ich weiß es nicht ... Ich gehe nicht nachsehen. Da oben stinkt es wie die Hölle.“

„Den Gestank erträgt man, wenn es um sein Leben geht“, meinte Sam.

„Ich habe noch Kugeln“, erwiderte Justus gleichgültig, als wäre ihm sein Leben egal. „Du hast dir übrigens einen gefährlichen Platz zum Verstecken ausgesucht.“ Er deute auf etwas über Sam.

Dieser sah hoch und entdeckte ein Fenster. Gerade in dem Moment ging eines dieser Wesen dort vorbei. Er drückte sich so fest wie möglich gegen die Wand unter dem Fenster. Die Beine angezogen, damit er bloß nicht entdeckt wurde.

Das Monster sah in das Haus, ließ sein Auge umherirren, knurrte und ging weiter. Es war noch ein paar Minuten Stille, bis die beiden sicher sein konnten, dass das Ding weg war.

„Bist du alleine unterwegs?“, fragte Justus.

„Ja.“ Sam nickte. „Ja ... und du?“

„Auch. Meine Gruppe ist tot.“

„Oh ... Schade“, erwiderte Sam. „Meine auch.“

„Sollen wir zusammen weitergehen?“

Sam sah ihn an. „Klar. Ich gehe die Pistole holen.“ Er stand auf und ging zur Treppe.

„Viel Glück“, wünschte Justus es ihm nach, während Sam nach oben stieg und langsam durch den Flur ging.

Vor einigen Jahren war in einem wissenschaftlichen Institut ein Fehler passiert. Sie wollten einen besseren Menschen erschaffen. Stattdessen kam ein mutiertes Wesen heraus, das dem Menschen zwar ähnelte, aber mental waren sie nicht so weit ausgebildet. Körperlich stattdessen besser. Schärfere Zähne, Krallen, ekelhafte, faltige Gesichter und bessere Sinne. Deshalb war alles beleuchtet. Sie konnten im Dunkeln sehen, anders als Menschen und das Licht war die einzige Möglichkeit, sich einen Vorteil zu verschaffen. Wenn man das Licht genau in ihr Gesicht hielt, erblindeten sie dauerhaft und man hatte eine Chance zu entkommen.

Die Monster waren schnell, aber wenn sie nichts sahen, rannten sie überall rein, wogegen man nur rennen konnte.

Wie es passierte, dass es zu so einer Katastrophe kam, war nur ein Gerücht. Angeblich hatten die Wissenschaftler vergessen, die Maschinen abzuschalten, die für das Erschaffen dieser Mutationen verantwortlich war, aber niemand konnte glauben, dass so ein kleiner Fehler für eine weltweite Katastrophe verantwortlich war.

Milliarden Menschen waren schon tot. Wie viele es noch gab, wusste keiner. Höchstens 100 Millionen. Wenn überhaupt.

Das Problem war, dass diese Maschinen anscheinend noch immer angeschaltet waren, weshalb immer mehr dieser Dinger folgten. Viele wollten schon in das Institut einbrechen und sie abschalten, aber niemandem gelang es.

Sam öffnete eine der Türen und sofort kam ihm der Höllengeruch entgegen, den Justus erwähnt hatte. Er wich zurück, hustete ein paarmal und hielt sich die Hand vor die Nase. Bemüht, möglichst durch den Mund zu atmen, um den Geruch so wenig wie möglich ertragen zu müssen, betrat er den Raum. Zwei Menschen lagen auf dem Boden, jeweils eine Pistole in der Hand. Das Blut war bereits getrocknet.

Er ging hin, nahm die beiden Pistolen und verschwand dann so schnell wie möglich nach unten.

„Und?“, fragte Justus. „Noch Kugeln drin?“

Sam sah nach. „Ja“, antwortete er. Eine der Pistolen steckte er sich in den Hosenbund, die andere warf er Justus zu.

„Was hast du da drin?“, fragte dieser und deutete dabei auf Sams Rucksack.

„Nahrung. Und das hier.“ Er nahm seinen Sack vom Rücken und holte etwas heraus, das wie eine Thermoskanne aussah.

„Was ist das?“, fragte Justus. „Heißer Kaffee?“

Sam sah ihn einen Moment beleidigt und verdutzt zugleich an. „Ein Gas“, antwortete er. „Es soll die Monster ausrotten können.“

„Nein“, meinte Justus sofort. „Das kann nicht sein. Wo hast du das her?“

„Ich habe es gefunden. Wir müssen zum Institut, da ist eine kleine Rakete. Wir packen das Gas da rein, schicken es über die Welt und töten die Monster.“

„Woher willst du wissen, dass es gegen die Viecher hilft?“

„Es stand dabei“, versicherte Sam.

„Womöglich ein Scherz.“

„Na und?“ Sam packte es wieder ein und stand auf. „Wir müssen es versuchen. Besser als nichts.“

„Dieses Institut zu betreten, ist Selbstmord!“ Justus sträubte sich dagegen, dort einen Fuß hineinzusetzen. So viele hatten es bereits versucht und keiner hatte es geschafft. „Jede halbe Stunde kommt da ein neues Monster raus, das Gebäude ist voll von diesen Dingern!“

„Ja, das sind 48 pro Tag, 336 pro Woche und ungefähr 1.400 pro Monat. Und jetzt rechne das alles mal zehn, weil die Wissenschaftler gleich zehn dieser Maschinen hatten.“

„Zehn?“, wiederholte Justus. „Woher weißt du das?“

„Ich habe es gehört und wäre es nur eine, würde die Rechnung gar nicht aufgehen. Die Dinger sind fast überall, wie hätte man mit nur einer Maschine in so kurzer Zeit, so viele erschaffen können?“

„Kurzer Zeit?“ Justus sah Sam zweifelnd an. „Sind schon ein paar Jahre.“

„Du weißt worauf ich hinauswill!“, antwortete Sam leicht aggressiv. „Wir müssen zu dem Institut, die Maschinen abschalten und das Gas freilassen.“

„Okay, angenommen du hast recht und die Maschinen würden die Wesen nicht gleichzeitig ausspucken, sondern nun mal zehn in 30 Minuten ... Da kämen alle drei Minuten ein neues raus! Es ist Selbstmord!“

„Nichts zu tun auch. Sieh dir die da oben an.“

Justus sah Sam einen Moment lang an. „Also gut, ich komme mit! Wenn wir wegen dir draufgehen, dann schwöre dir, dass ich nochmal zurückkomme, um auf deine Leiche zu spucken!“

„Ja, schon klar.“ Sam ging zur Tür. „Mach das Licht aus.“

„Bist du verrückt?“

„Wenn ich die Tür öffne, fällt ein Lichtschimmer nach draußen. Sollten Monster in der Nähe sein, sehen die das“, erklärte Sam ruhig.

„Wenn ich das Licht ausmache, sehen sie das auch.“

„Ja, eine Lampe ging kaputt. Das passiert dauernd. Darauf reagieren die nicht mehr“, wandte Sam tonlos ein.

Justus seufzte hörbar laut hinter Sam und schaltete das Licht aus. Sam öffnete die Tür. Die Straße war ebenfalls von den Lampen erhellt. Er sah einmal nach links und rechts. Nichts.

„Die Luft ist rein.“ Er trat nach draußen, die Waffe in der Hand. Justus folgte ihm. „Hast du überhaupt etwas zum Essen und Trinken dabei?“, fragte Sam ihn.

„Gestern das Letzte aufgebraucht.“

Sam unterdrückte einen Seufzer. Auch das noch. „Gut, wir machen einen Zwischenstopp beim Supermarkt. Beeil dich.“ Er eilte die Straße entlang. Justus dicht hinter ihm. Sie sahen hinter jeder Ecke nach und waren jeden Moment schussbereit. Normalerweise benötigte man zu Fuß eine halbe Stunde zum Supermarkt. Sie brauchten eine ganze.

Als sie ankamen, ging die Sonne bereits langsam auf. Sam nahm sich einen Einkaufswagen und gemeinsam betraten sie den Markt.

„Nimm so viel du tragen kannst“, sagte Sam zu Justus. „Wir teilen uns auf. Wenn du ein Monster siehst, dann schrei.“ Sam ging nach rechts, Justus nach links. Er packte ein paar Dinge in den Einkaufswagen. Später würde er das aussortieren, damit er nur das Nötigste mitnahm. Viele Regale waren leer und einige Lebensmittel lagen einfach auf dem Boden. Sam warf auch alles, was er im Endeffekt nicht brauchte, auf den Boden. Es interessierte inzwischen keinen mehr.

Plötzlich hörte er Justus’ Schrei. Er ließ den Wagen einfach stehen und lief zu ihm. Warum schoss der Idiot nicht?

Hinter einem Regal kam Sam schlitternd zum Stehen. Verdutzt sah er zu Justus. Vor ihm standen zwei Leute. Eine Frau und ein Mann.

„Justus, du solltest doch schreien, wenn du ein Monster sieh...“ Er hielt inne. „Obwohl, die ähneln denen ziemlich. Ich hätte gleich reagiert.“ Er stellte sich neben Justus. Es war Sarkasmus gewesen, aber die Frau schaute Sam trotzdem entrüstet an.

„Ich hatte nur die Silhouette erkannt, ich dachte es seien welche“, verteidigte sich Justus. Die Frau zielte mit ihrer Pistole auf die beiden. Nachdem der Dreck mit den Monstern sich verbreitet hatte, hatte irgendwie jeder eine Waffe.

„Gebt uns eure Sachen! Los!“

Justus hob die Hände. „Wir sind doch alle auf der gleichen Seite.“ Sam ging davon aus, dass er das zu jedem sagte, der auf ihn zielte.

„Süße“, erwiderte Sam stattdessen. „Nimm dir einfach was du willst, das hier ist ein Supermarkt.“

„Ich will deinen Rucksack! Hast du da Geld drin?“

„Ja, Tonnen“, log Sam. „Weil Geld heutzutage ja so viel Wert ist. Wir sind unterwegs zum Institut, kommt ihr mit?“ Sam wollte die beiden eigentlich nur als Kanonenfutter benutzen.  Die Frau hatte schon mal bewiesen, dass sie nicht sonderlich intelligent war.

„Institut? Das ist Selbstmord.“

„Nach Geld zu suchen auch“, meinte Sam. Sie brauchte zu lange zum Antworten, deshalb beschloss Sam, es für sie zu entscheiden. „Also gut, nehmt was ihr tragen könnt. In zehn Minuten bei den Kassen, dann gehen wir weiter.“ Sam ging zurück zu seinem Einkaufswagen. Während er ein Lied vor sich hin pfiff und wieder etwas in den Wagen schmiss, stieß er plötzlich gegen einen Widerstand am Boden. Er sah nach, doch vor dem Wagen war nichts. Sam hörte auf zu pfeifen, legte sich auf den Boden und sah unter das Regal. Dort lag ein kleiner Junge, der Sam mit schockierten Augen ansah.

„Wie heißt du, Kleiner?“, fragte Sam.

„Jens“, antwortete er zögerlich.

„Kennst du einen der Leute hier drin?“

Jens schüttelte den Kopf. Sam sah sich einmal um. Die Anderen schienen gerade nicht in der Nähe zu sein.

„Darf ich mitkommen?“

Sam sah wieder Jens an.

„Komm mal her.“

Er kroch unter dem Regal hervor. Kinder waren die größte Last überhaupt. Sie wollten dauernd etwas essen, waren immer müde, trauten sich nicht abzudrücken und sie weckten zu viel Empathie. In Sams letzter Gruppe mussten zwei ihr Leben lassen, weil ein Kind in Schwierigkeiten geraten war. Jeder wollte sie retten, weil sie ja ihre Zukunft waren und das ganze Leben noch vor sich hatten. Aber nicht in dieser Welt. Hier waren sie Snacks für die Monster da draußen. Nicht sattmachend und trotzdem aß man sie.

Sam ließ Jens nicht die Zeit aufzustehen. Er setzte sich mit den Knien auf seine Arme und drückte ihm die Atemwege zu. Jens begann zu kämpfen, doch er war zu schwach.

„Es tut mir leid“, murmelte Sam. Als Jens sich nicht mehr bewegte, ließ Sam ihn los und drückte ihn zurück unters Regal. Nicht mal als Kanonenfutter waren Kinder zu gebrauchen und egal wie viele Leute sich für sie opferten ... am Ende starben sie doch noch.

Sam stand wieder auf und pfiff das Lied weiter, bis er sich dann mit den anderen bei der Kasse traf und durchsah, was sie hatten.

„Eis?“, fragte er verdutzt, hielt die Packung hoch und sah Justus an. „Das schmilzt doch sofort.“ Er warf es beiseite. „Nur Obst?“ Er sah die Frau an.

„Gesunde Ernährung ist wichtig.“

„Aber nicht, wenn wir nur noch zwei Tage zu leben haben! Wir müssen kleine, lange haltbare und leichte Lebensmittel mitnehmen. Und es soll sattmachen. Obst ist da nicht schlecht, aber zehn Äpfel? Dann kannst du den Rucksack aber selber tragen, Süße!“

„Hör auf meine Frau so zu nennen!“, wand der Mann ein.

„Och, ihr seid verheiratet? Wann ist denn der Hochzeitstag?“

„Am 15. ...“, begann der Mann.

„Interessiert mich nicht!“, unterbrach Sam und sah weiter die Lebensmittel durch, während Justus sich nach ihren Namen erkundigte. Jane und Tarzan. Jedenfalls nannte Sam den Kerl Tarzan, obwohl er eigentlich Elias hieß.

Sie gingen sofort weiter, nachdem sie vier Rucksäcke vollgestopft hatten. Jeder hatte einen Liter Wasser dabei. Mehr ging nicht, sonst wurde er zu schwer und sie mussten auch noch vor den Monstern weglaufen können, wenn es zum Notfall kam, was mit viel Gewicht unmöglich war.

Das Institut war einen Marsch von zwei Tagen entfernt. Das war der Grund warum Sam ihre Lebensdauer auf so kurz geschätzt hatte. Sie waren nur zu viert, ihre Chancen, ihr Ziel zu erreichen, war also sehr gering. Gruppen von 20 Leuten hatten es nicht einmal geschafft. Kleine Gruppen hatten aber auch Vorteile. Weniger Tollpatsche und man wurde nicht so schnell bemerkt.

Sam wollte Jane schon auf dem Grundstück, bevor sie das Gebäude überhaupt betreten hatten, opfern. Er wusste nicht woran es lag, aber Frauen weinten so oft. In seiner letzten Gruppe war eine dabei gewesen, die Biss hatte. Sie war als Letzte gestorben und auch nur, weil sie kein Kanonenfutter gehabt hatte. Daraus hatte Sam gelernt. Keine Freundschaften aufbauen und so viele Leute wie möglich vorschicken.

Sollte Jane allerdings sterben, würde Tarzan aber wahrscheinlich trauern. Ihn müsste man also ins Gebäude werfen, die Tür hinter ihm schließen und ein paar Sekunden warten. Würde man ihn schreien hören, wussten sie, dass sie die Türen öffnen mussten, um ihn herauszulassen. Die Monster würden folgen und dann könnte Sam mit Justus rein, weil der Weg frei war. Wenn Elias nicht schrie, dann würden sie Tarzan weiter mit nach drinnen nehmen. Für später.

Unterwegs begegneten sie überraschend wenigen Monstern. Einmal kamen sie an eine Wiese vorbei, auf der ein paar rumstanden, wie Kühe und sinnlos in die Luft starrten, sie aber nicht attackierten. In einem Wald waren sie nicht so friedlich. Es kostete die Gruppe insgesamt zehn Kugeln und das auch nur, weil Tarzan öfter abgedrückt hatte, als nötig, was Sam so sehr ärgerte, dass er überlegte, ihn zuerst zu opfern.

Als sie das Institut endlich erreichten, blieben sie vor dem Zaun stehen. Er war bereits an einer Stelle aufgebrochen worden, weshalb sie sich keine Gedanken machen mussten, wie sie das Grundstück betreten sollten.

Wie erwartet, lungerten ein paar Monster dort herum. Hinter ihnen erstreckte sich ein großes Gebäude. Es war sieben Stockwerke hoch.

„Wie sollen wir das Institut betreten, wenn davor so viele Monster stehen?“, fragte Jane.

„Wir sollten sie erschießen.“ Tarzan packte seine Pistole aus, doch Sam legte eine Hand darauf, um ihn am Abfeuern zu hindern.

„Da drinnen sind Hunderte, wenn nicht sogar Tausende davon. Wir brauchen alle Kugeln, die wir haben. Andere Gruppen haben es auch ohne geschafft.“

„Die waren auch mehr als wir!“, warf Jane ein.

„Eben. Da haben sie sich also nicht vorbeigeschlichen. Jetzt kommt!“ Sam ging zum Loch im Zaun und stieg hindurch. Justus, Jane und Tarzan folgten ihm. „Also gut. Jane, du gehst da links vorbei, wir gehen rechts.“

„Warum?“, fragte Justus.

„Links sind weniger davon. Rechts herum, ist aber näher an der Tür. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich auf uns stürzen, ist größer, aber wir müssten es mit Glück bis zu Tür schaffen. Wenn wir allerdings alle dorthin gehen, dann werden sie zu 100% auf uns zukommen! Wenn sie aber zu Jane gehen, brauchen sie normalerweise viel zu lange, um sie zu erreichen. Fazit: Wir schaffen es alle zur Tür, wenn ihr schnell genug rennen könnt.“

„Verstanden.“ Jane ging sofort nach links, die Männer bewegten sich nach rechts. Es war nicht ganz wie Sam vorhergesagt hatte, aber das war auch seine Absicht. Die Monster liefen alle auf Jane zu.

„Los!“ Sie rannten zur Tür. Sie betraten das Gebäude noch nicht, sondern drehten sich zu Jane um. Sie konnte wirklich schnell rennen, aber nicht schnell genug. Die Monster erwischten sie.

„Nein!“ Tarzan wollte zu ihr laufen, doch Sam hielt ihn fest. „Lass mich los! Es ist alles deine schuld!“ Er wollte ihn anspucken, traf aber daneben.

„Sie war einverstanden“, erwiderte Sam tonlos. „Sie ist schuld.“ Tarzan schrie und schlug weiter um sich. Genervt öffnete Sam die Tür, warf ihn hinein und schloss sie wieder.

„Äh, Sam?“, fragte Justus. „Was ist, wenn dahinter Monster sind?“

„Dann werden wir das sehr bald erfahren.“

„Mir gefällt das nicht“, erwiderte Justus.

„Mir auch nicht.“

Wie Sam es geahnt hatte, wandelte sich das Weinen und trauernde Schreien in ein ängstliches Schreien.

„Da sind also wirklich welche“, sagte Justus. „Sollen wir die Tür wieder öffnen?“

„Nein. Die Monster müssen direkt hinter ihm sein. Er rennt raus, sie hinterher, wir rein und bevor sie folgen können, schließen wir die Tür.“ Sam erwähnte nicht, dass das ‘wir’ nur aus Justus und ihm bestand und Tarzan nicht dazugehörte.

Als Elias wie verrückt gegen die Tür trommelte und seine Schreie immer lauter wurden, öffneten sie die Tür und versteckten sich dahinter. Wie geplant, rannte Elias hinaus, die Monster hinterher, da sie die anderen hinter der Tür nicht sahen. Als alle raus waren, gingen sie hinein und schlossen die Tür hinter sich.

„Sam!“, rief Justus schockiert, als dieser etwas vor die Tür schob, damit Elias nicht wieder reinkam.

„Wir können nichts für ihn tun. Lass uns gehen.“ Gemeinsam gingen sie den langen Flur entlang. Die ersten drei Räume, die sie betraten, waren leer. Nur einige Leichen, darunter mehr Monster als Menschen, lagen herum. Die beiden erreichten die Aufzüge. Sam drückte den Knopf.

„Ist das eine gute Idee?“, fragte Justus.

„Schon einmal ein Monster in einem Aufzug gesehen?“

„Nein, aber ...“

„Schon einmal ein Monster in einem Treppenhaus gesehen?“, unterbrach Sam. Darauf antwortete Justus nichts. Natürlich waren sie öfter in Treppenhäusern, als in Aufzügen. Der Fahrstuhl kam an und mit einem ‘Bing’ öffneten sich die Türen. Sam und Justus wichen schockiert zurück, als drinnen tatsächlich ein Monster stand. Es sah sie nur an, bewegte sich aber nicht.

„Der scheint satt zu sein“, vermutete Sam. Langsam und vorsichtig betrat er den Fahrstuhl. Das Monster schaute nach vorn, an ihm vorbei.

„Sam!“, flüsterte Justus. Als Sam sich aber neben das Monster stellte und dieses noch immer nicht reagierte, betrat auch Justus zögerlich den Fahrstuhl. Sam drückte den Knopf des letzten Stockwerks. Er sah das Monster an. „Wohin?“, fragte er. Es grunzte nur. „Alles klar.“ Er drückte noch den Knopf zum zweiten Stockwerk. Er wollte das Monster dort rauslassen, damit es nicht, während sie ganz oben waren, doch noch Hunger bekam und über sie herfiel. Die Türen schlossen sich und während Sam und Justus unruhig neben dem Monster standen, zogen sie sich die nervige Fahrstuhlmusik rein. Beim zweiten Stockwerk öffneten sich die Türen wieder mit einem ‘Bing’, doch das Monster bewegte sich nicht.

„Na los.“ Sam stieß es sanft nach vorne. Er hatte Angst, es würde sich ruckartig nach ihm umdrehen und ihm den Arm abbeißen, aber nichts dergleichen geschah. Es setzte sich in Bewegung und verließ den Fahrstuhl. Kaum war es draußen, drückte Sam wie verrückt den Knopf, damit sich die Türen schlossen. „Mach schon, schneller!“ Endlich gingen die Türen zu. Erleichtert atmete er aus, als der Fahrstuhl sich wieder in Bewegung setzte.

„Das war seltsam“, sagte Justus, der vor Angst noch ganz blass im Gesicht war. Sam nickte zustimmend. Endlich erreichten sie das letzte Stockwerk. Die Türen öffneten sich und sofort sahen sie unzählige Monster. Sam drückte wieder schockiert den Knopf um die Tür zu schließen. Sie tat es auch, aber der Fahrstuhl blieb weiterhin stehen.

„Und jetzt?“, fragte Justus.

„Ducken! Wir schleichen uns vorbei!“

„Hast du gesehen, wie viele das sind?“, rief Justus schockiert aus. Sam sah ihn nachdenklich an. Da drückte er den Knopf, um die Türen wieder zu öffnen. Aus Reflex und vor Schock duckte Justus sich doch noch.

Im ganzen Raum standen Tische herum und am Ende des Zimmers waren die zehn Maschinen. Sie waren mannsgroß und hatten die Form eines Zylinders. Man konnte nicht hineinsehen, aber ein Lichtstrahl fiel aus jeder einzelnen von denen, der langsam von unten nach oben fuhr. Wenn der Lichtstrahl oben ankam, öffnete sich der Zylinder und ein Monster torkelte hinaus.

Sam stellte sich in den Raum. Einige sahen zu ihm, aber keines griff ihn an. Justus trat dann ebenfalls aus dem Fahrstuhl.

„Haben die gerade eben Weihnachten gefeiert, oder warum attackieren die uns nicht?“, fragte Justus.

„Vielleicht war vor Kurzem eine Gruppe hier und sie haben die gegessen“, überlegte Sam. Er ging langsam und vorsichtig an allen Monstern vorbei, zu den Maschinen und stoppte eine nach der anderen. „Oder“, begann er, „sie greifen nicht an, weil sie es befohlen bekamen.“

„Was heißt das?“, fragte Justus. Sam drehte sich zu ihm, als er die letzte Maschine ausgeschaltet hatte. Er sah ihn ein paar Sekunden lang an und ging dann, dieses Mal ohne Vorsicht, zu einem der Tische und nahm eine kleine Karte von dort. Er brachte sie Justus. Es war der Ausweis eines Mitarbeiters. Sam Kohle. Ein Bild von Sam war neben dem Namen.

„Du bist Mitarbeiter hiervon“, verstand Justus. „Du bist mit dafür verantwortlich, dass das alles überhaupt passiert ist!“ Er war lauter geworden, schrie aber nicht. Dazu hatte er zu viel Angst vor den Monstern, die ruhig an ihnen vorbeizogen und sie nicht beachteten.

„Nein, ich bin ganz allein dafür verantwortlich. Ich habe die Maschinen absichtlich über Nacht laufen gelassen. Ich war es auch, der dafür sorgte, dass aus dem Experiment mutierte Menschen herauskamen. Sie greifen mich nur an, wenn ich es befehle. Ich habe sie auf Jane gehetzt. Ich habe dafür gesorgt, dass sie uns vor der Tür ignorierten, als sie Elias hinterherliefen. Ich war es, der das Monster im Fahrstuhl davon abgehalten hat, uns anzugreifen und ich bin es jetzt eben, der dafür sorgt, dass du noch lebst!“

„Was soll das?“ Justus war verwirrt. „Warum tust du das?“

„Die Menschen haben die Welt ruiniert. Ich habe also meine eigene Armee erschaffen, um sie zu vernichten. Sobald nur noch wenige 100 übrig sind, rotte ich die Monster mit dem Gas aus und erschaffe eine neue Welt mit neuen Regeln und neuen Gesetzen.“

„Du bist verrückt!“ Justus wich zurück.

„Das mag sein.“ Sam ging durch die Reihen der Monster. „Du hast die Wahl. Willst du in der neuen Welt leben oder in der alten sterben?“ Er sah wieder Justus an.

„Du kannst mich mal!“, presste dieser hervor.

„Also gut.“ Sam sah wieder nach vorn. „Tötet ihn.“ Sofort warfen sich die Monster auf Justus. Sam nahm das Gas heraus. Er betrachtete es, bis der letzte Schrei von Justus verstummte. Dann lächelte er. „Zeit noch die anderen paar Millionen zu finden.“

 




ageschéckt den: 22:13 Wed, 7 March 2018 vum: Rollinger Caroline

Zeréck

Prix Laurence 2018

Rollinger Caroline - Zwischen zwei Welten





Es war stockfinstere Nacht und der Weg war einsam. Die Scheinwerfer des Autos waren bereits so verdreckt, dass das Licht nicht mehr ausreichend die Straße beleuchtete. Ich blickte einmal hastig hinter mich, doch es war keiner zu sehen. Als meine Schwester es bemerkte, verspottete sie mich, was mich ärgerte. Schon ihre dauernden Bitten mit ihr ins Kino zu fahren, hatten mich leicht verstimmt, vor allem um diese Uhrzeit und dann auch noch in so einen kitschigen Film, aber dass sie mich nun auslachte, fand ich respektlos. Vor allem mir, ihrem älteren Bruder, gegenüber.
Wegen ihrer Geschwindigkeit machte ich mir Sorgen, dass sie die Felder um uns herum mit der Straße verwechseln würde. Ich fixierte den Weg vor uns. Nie wieder würde ich mit ihr irgendwo hinfahren. Das schwor ich mir nun schon zum siebten Mal und ich würde es wahrscheinlich wieder nicht halten können. Entweder war ich auf sie angewiesen oder sie ließ mich nicht in Ruhe bis ich dann doch mit ihr wegfuhr.
Julia fuhr sorglos, aber weiterhin schnell, eine gerade Route entlang. Plötzlich erschien im Dunkel eine Gestalt.
„Julia, halt!“, schrie ich. Erschrocken trat sie mit aller Kraft auf die Bremse. Das Auto kam ruckartig zum Stehen. Julias Augen suchten die Straße ab. Als sie niemanden sah, atmete sie erleichtert aus.
„Mann, Marcel, erschrick mich nicht so!“ Sie schaltete wieder in den ersten Gang und fuhr an. „Das hätte schief ausgehen können.“ Sie nahm ein ruhigeres, angenehmeres Tempo an.
„Da stand jemand auf der Straße!“, fuhr ich sie zähneknirschend an. „Das hätte schief ausgehen können.“
Sie warf mir einen mitfühlenden Blick zu. „Da war niemand. Das hast du dir in der Dunkelheit nur eingebildet.“
„Nein, da war jemand! Im Gegensatz zu dir gebe ich nämlich Acht!“, schrie ich und schlug wütend aufs Armaturenbrett. Julia hielt mit quietschenden Reifen an. Sie sah mich an.
„Hast du deine Neuroleptika schon genommen?“
„Ich bin nicht krank!“, fuhr ich sie an.
„Du bist unruhig, hast öfters Angstzustände und offensichtliche Aggressionsprobleme. Das Neuroleptikum wirkt auch als Beruhigungsmittel, also nimm es. Der Arzt hat es dir doch verschrieben.“
„Der Arzt interessiert mich nicht! Jeder Idiot kann einen weißen Kittel anziehen und mich mit irgendwelchen Fachwörtern und Medikamenten bewerfen. Stimmen tut es dabei selten.“
Meine Schwester seufzte und fuhr weiter. „Du musst die Medikamente nehmen. Das hast du doch sonst auch immer gemacht und es hatte geholfen.“
Ich schnaubte. „Die Einnahme war nicht freiwillig.“
„Und trotzdem hat es geholfen“, murmelte Julia. Ich erwiderte nichts. Das glaubte sie doch nur, weil sie es glauben wollte.
Ich schaute aus dem Fenster. Morgen Nacht würde Vollmond sein. Ich warf einen Blick auf die Digitaluhr im Auto. Zwei Uhr morgens. Es würde ein anstrengendes Wochenende werden. Zuerst dieser späte Ausflug mit meiner naiven Schwester und morgen, am Sonntag, das Essen mit unseren Eltern, welche ich verabscheute. Im Gegensatz zu meiner Schwester. Diese war zwar nervig und anstrengend, aber in gewisser Weise auch liebevoll.
Wir kamen nach nur weiteren fünf Minuten zuhause an. Wir lebten gemeinsam in einem abgelegten Haus. Schon als Kinder wohnten wir auf einer Farm, abseits der Zivilisation. Meine Eltern waren noch immer dort.
Viele Leute fanden es seltsam, dass Julia und ich zusammenlebten. Ich hatte ihr auch schon mehrmals gesagt, sie solle ausziehen. Zudem wollte sie, im Gegensatz zu mir, in eine Großstadt ziehen, aber sie tat es nie. Sie zog es nicht mal in Erwägung. Der Grund war mir unbekannt.
Als ich endlich ins Bett ging, kam Julia nochmal vorbei und legte mir die Medikamente auf den Nachttisch.
„Nimm sie“, bat sie mich.
„Hm“, murmelte ich nur. Ich würde am nächsten Morgen einfach eine Kapsel wegwerfen, damit es so aussah als hätte ich eine genommen. Dann gab sie wenigstens Ruhe.

Julia klopfte an der Tür des alten Hauses. Sie trug einen Kuchen auf den Armen. Den hatte sie extra für unsere Eltern gebacken. Sie wirkte gut gelaunt. Teilweise glaubte ich, dass es daran lag, dass sie glaubte, ich würde meine Medikamente nehmen. Teilweise freute sie sich wohl auch nur unsere Eltern zu sehen.
Meine Mutter öffnete die Tür.
„Julia, schön dich zu sehen.“ Sie gaben sich zwei Wangenküsse. Danach begrüßte Julia unseren Vater auf die gleiche Art. Mich umarmte meine Mutter nur kurz und mein Vater gab mir einen festen Händedruck. Sie sagten zwar auch bei mir, dass es schön sei, mich zu sehen, aber in einer anderen Tonlage. Nicht so erfreut wie bei Julia.
„Kommt doch schon mal ins Wohnzimmer.“ Unsere zierliche Mutter führte uns durch die Küche ins Wohnzimmer.
„Hast du gehört?“, raunte ich meiner Schwester zu. „Sie waren nicht so erfreut mich zu sehen, wie dich! Ihre Tonlage war anders!“
Julia sah mich abschätzig an. „Du übertreibst schon wieder. Warum sollten sie nicht erfreut sein? Sie mögen dich.“
„Ich mag sie aber nicht!“
„Dann brauchst du dich auch nicht zu beschweren“, erwiderte Julia und ging schneller, um mir aus dem Weg zu gehen. Sie holte meine Mutter auf und unterhielt sich mit ihr.
„Na Sohnemann?“ Mein Vater schlug mir mit der Hand auf die Schulter. Für sein Alter war er noch ausgesprochen stark. „Was hast du aus deinem Leben gemacht? Wir haben uns ja schon einige Monate nicht mehr gesprochen.“
War ja klar, dass er sofort mit meinem Leben anfangen würde. Ihn interessierte nur, dass ich etwas erreichte.
„Ich bin nach wie vor arbeitslos und Julia zahlt für das Haus“, gestand ich. Wie erwartet wirkte er enttäuscht.
Wir erreichten das Wohnzimmer. Meine Mutter deutete auf das Sofa. „Setzt euch doch“, bat sie. Meine Schwester legte beim Hinsetzen ihr Handy auf den Couchtisch. Ich ließ mich auf das Möbelstück fallen. Durch die Jahre war das braune Leder schon ganz abgenutzt. Während mein Vater sich auf einen der zwei Sessel niederließ, verschwand meine Mutter in der Küche um die Vorspeise zu holen. Mir war schleierhaft warum sie jedes Mal so ein großes Ereignis aus einem Besuch machte. Vor allem aus einem Besuch von ihren Kindern. Ich fühlte mich durch sie jedes Mal als sei es mein letzter Tag und sie brachte die Henkersmahlzeit. Diesen Gedanken hatte ich Julia bereits mitgeteilt. Sie hatte mich verständnislos angesehen und erklärt, dass unsere Mutter uns nur verwöhnte. Das hatte mich wiederrum verwirrt. „Sie mästet uns!“, hatte ich erwidert. „Irgendwann schlachtet sie uns.“
„Du bist so paranoid“, hatte Julia gesagt. Danach war das Thema für sie erledigt. Für mich aber noch lange nicht. Zum ersten Mal fand ich, dass Julia recht hatte. Ein gewisses Maß an Paranoia besaß ich, wozu ich allerdings jeden Grund hatte. Wenn man ein so großes Geheimnis zu hüten hatte wie ich, gab man zu pingelig darauf Acht, dass es nicht an die Öffentlichkeit geriet.
Meine Mutter kehrte mit einem Tablett zurück. Sie hielt ihn uns hin. Er war voll mit kleinen Speisen. Julia nahm sich dankbar etwas, ich lehnte ab. Auf ihre Masche fiel ich nicht herein. Sie war zwar unsere Mutter, aber das hielt mich nicht davon ab, ihr die grausamsten Taten zuzutrauen.
„Was hast du heute gekocht, Mama?“, fragte Julia.
„Kürbissuppe, Salat mit Tomaten, Schweinebraten und anschließend gibt es Torte.“
Ich sah meine Schwester schräg von der Seite an. Die sollte mir noch einmal erklären, dass das kein Mästen war.
„Hoffentlich ist das Fleisch roh“, sagte ich. Meine Familie sah mich seltsam an. Dann lachte meine Schwester laut auf. Etwas unsicher begannen nun auch meine Eltern zu lachen. Da wurde ich wütend. Wie konnte Julia das nur als Witz hinstellen? Ich meinte es ernst. Ich schaute nach draußen. Es begann langsam zu dämmern. Nicht mehr lange und sie würde verstehen, warum ich rohes Fleisch wollte.

„Wo warst du?“, herrschte mich meine Schwester an. Total verdreckt mit zerrissener Kleidung betrat ich das Haus.
„Im Wald.“
Julia sah mich unverständlich an. „Die ganze Nacht?“
„Die ganze Nacht“, bestätigte ich.
Sie stieß einen Lacher aus. „Was machst du die ganze Nacht im Wald?“
„Gestern war Vollmond. Ich bin ein Werwolf.“
Schallend lachte sie los. „Du hast schon lange nicht mehr so viel Müll geredet. Jetzt komm essen.“

Heute würde sie mir glauben. Sie würde es glauben. Und meine Eltern gleich dazu. Ich hatte nie gewollt, dass es jemand erfährt, aber meine Eltern stellten eine Bedrohung dar. Ich musste sie abschrecken. Und meine Schwester hatte mich ausgelacht. Da wir weit von jeglicher Zivilisation waren, würde es sonst keiner mitkriegen und wenn sie damit an die Öffentlichkeit gingen, würde es sowieso keiner glauben. Also bestand keine Gefahr.
„Wir sollten essen gehen“, unterbrach meine Schwester die aufkommende Stille nach dem Lachen. Ich hatte meine Familie wohl sprachlos gemacht. Dies stimmte mich zufrieden.
„Ja“, befürwortete mein Vater. Er stand auf und trat ins Esszimmer. Die anderen folgten ihm eilig. Ich tat es ihnen gleich, als sie sich schon gesetzt hatten.
Die Suppe würgte ich runter, genau wie den Salat. Meine Schwester machte Komplimente über Mutters Kochkünste. Ich sagte nichts. Ich würde sie in ihrem Plan, uns zu schlachten, nicht unterstützen.
Endlich brachte sie den Braten herein. Er war nicht roh, aber ich würde auch so damit klarkommen. Sie nahm ein großes Fleischmesser und setzte an, um die erste Scheibe zu schneiden.
Verwandele dich!“, meldete sich die Stimme in meinem Kopf. Ich blickte hinter mich. Die Sonne war untergegangen. Stattdessen war nur noch die pechschwarze Nacht da. Die Nacht, der Mond und dieses Haus.
„Erinnerst du dich daran, wie ich dir erzählte ich sei ein Werwolf?“, fragte ich Julia. Wieder richtete sich jeder Blick auf mich. Sie wirkten ungläubig, verwirrt und leicht verängstigt. Keiner bewegte sich.
Schließlich räusperte sich Julia. „Ja ... Was ist damit?“
„Du hattest mich ausgelacht, weißt du noch? Ich fand das nicht so lustig.“ Ich stand auf. „Es war mein voller Ernst!“ Ich knallte meine Hand auf die Tischplatte. Meine Familie zuckte erschrocken zusammen.
Meine Fingernägel wurden zu Krallen und die Finger zu Klauen. „Jetzt wirst du die Wahrheit sehen! Siehst du die Krallen?“ Ich lachte. Haare sprossen aus meiner Haut und bedeckten den gesamten Körper. Die Beine und Arme wurden kräftig. Der Kopf wurde zu dem eines Wolfes. Ich knurrte. Schockiert sah mich meine Familie an. Meine Mutter hatte Tränen in den Augen. Ich brüllte meine Schwester an. Schockiert wich sie zurück, wobei sie mitsamt dem Stuhl umkippte.
Mein Blick glitt zu meiner Mutter.
Töte sie!“, befahl die Stimme. Ich sprang über den Tisch und krallte mich in ihrer Brust fest. Mit meinem enormen Gewicht schlug ich sie zu Boden. Ich zerfetzte ihre Magengrube, bis er nur noch blutige Masse war. Ich hörte schnelle Schritte. Ich sah auf. Rechts von mir lief meine Schwester davon. Mein Vater versuchte eine Flucht nach links. Ich sprang auf und nahm sofort die Verfolgung auf. Er schaffte es knapp bis in den Nebenraum. Ich knallte ihn gegen die Wand und ritzte ihm mit meinen Krallen die Kehle auf.
Ich lief zur Tür. Julia hatte sie gerade geöffnet und wollte hinausrennen. Ich packte sie am Kragen und schmetterte sie hinter mich, neben die Treppe. Sie weinte unaufhörlich und redete auf mich ein. Da ich nicht reagierte, richtete sie sich langsam auf, ging in die Hocke. Noch immer rannten Tränen ihr Gesicht runter.
Bring sie zum Schweigen!
Ich sprang auf sie zu. Sie packte das Geländer der Treppe und sprang darüber. Ich griff ins Leere und fiel hin. Ich richtete mich auf, knurrte und rannte ihr hinterher.
Julia stolperte in der Treppe. Ich packte ihren Fuß. Sie stieß mit dem anderen nach mir und erwischte meine Nase. Es knirschte und Blut rann heraus. Julia erreichte das Ende der Treppe Sie warf ein Regal um, um mir den Weg zu versperren. Überrascht durch diese Tat wich ich zurück und stolperte ein paar Stufen nach unten. Die Zeit, die ich brauchte, um mich wieder zu fassen, nutzte Julia, um die Leiter zum Dachboden zu erklimmen. Sie stieß die Falltür auf, hievte sich hoch und knallte sie wieder zu. In dem Moment erreichte ich die Leiter. Durch meine Größe benötigte ich diese nicht. Ich stieß gegen die Falltür, doch sie ließ sich nicht öffnen. Julia musste sie blockiert haben. Ich knurrte amüsiert. Als wenn das mich aufhalten würde.

Julia wich langsam von der Falltür zurück. Sie hatte einen Schrank draufgestellt und diesen dann mit allem gefüllt, was sie finden konnte. Danach hatte sie weitere Möbel draufplatziert. Hauptsache Marcel konnte nicht rein.
Sie setzte sich hin, die Knie angezogen. Bei jedem Klopfen gegen die Falltür zuckte sie zusammen. Plötzlich gab es einen Knall. Dann kehrte Stille ein. Julia wartete noch einige Minuten bevor sie sich der Falltür näherte. Langsam ging sie darauf zu. Sie legte ihr Ohr auf den Boden und versuchte zu hören, was unter ihr war. Nichts. Kein Laut drang zu ihr durch.
Sie entfernte die Möbel wieder und öffnete dann vorsichtig die Falltür. Marcel lag auf dem Boden. Er schien bewusstlos.
Julia stieg vorsichtig die Leiter herunter und ließ sich fast lautlos neben ihn fallen. Sie hielt einen Finger unter seine Nase. Sie spürte seinen Atem. Ruhig, um ihn bloß nicht aufzuwecken, schlich sie den Flur zur Treppe entlang. Sie ging nach unten, hastete ins Wohnzimmer und packte das Handy, das sie auf dem Couchtisch hatte liegen lassen. Dann ging sie zur Haustür. Sie nahm die Schlüssel, die am Haken neben der Tür hingen, trat nach draußen und schloss ab. Erst dann wählte sie den Notruf.
Notruf Zentrale“, meldete sich eine Stimme.
„Mein Name ist Julia Pohl, mein Bruder hat meine Eltern ermordet und glaubt ein Werwolf zu sein.“

„Hat Ihr Bruder regelmäßig die Medikamente genommen?“, fragte der Arzt.
„Nein“, antwortete Julia. „Er hat sie eine Zeit lang nicht mehr genommen, dann habe ich ihn letztens darum gebeten und er hat wieder angefangen.“ Der Arzt notierte es.
„Welche Zeitspanne liegt zwischen Ihrer Bitte und seiner Behauptung ein Werwolf zu sein?“
„Zwei Tage, zwei Nächte.“
„Hat er schon mal behauptet, er sei ein Werwolf?“
„Ja.“
„Wann?“, wollte der Arzt wissen.
„Keine Ahnung!“ Julia schüttelte den Kopf. „Vor zwei Monaten?“
„Wie haben Sie reagiert?“
„Ich habe gelacht“, sagte Julia. „Ich hielt es für einen Witz“, erklärte sie.
„Wie lange war Ihr Bruder in der Überzeugung ein Werwolf zu sein?“
„Ich weiß es nicht genau!“, schrie Julia aufgebracht. Sie atmete ein paarmal tief durch und beruhigte sich wieder. „Er wurde bewusstlos bevor ihn die Überzeugung verlassen hat.“
„Wie wurde er bewusstlos?“
Julia stöhnte genervt. „Das habe ich schon der Polizei und den Sanitätern erklären müssen.“
Der Arzt sah sie an, sagte aber nichts.
„Er ist die Leiter runtergefallen“, murrte sie schließlich.
„Wie hat er Ihre Eltern getötet?“
Julia kamen die Tränen. Sie schaute zur Decke, blinzelte ein paarmal und unterdrückte sie. Sie sah wieder den Arzt an als sie antwortete: „Meine Mutter wollte gerade mit einem Fleischmesser einen Braten anschneiden. Er hat dieses Messer benutzt und es ihr mehrmals in den Bauch gestochen. Danach hat er mit der gleichen Waffe meinem Vater die Kehle durchgeschnitten.“ Das hatte ihr die Polizei gesagt. Den Mord an ihrem Vater hatte sie nicht gesehen, aber die Wunde war eindeutig gewesen.
„Wie hat er sich während seiner Überzeugung verhalten?“
„Wie ein Wolf. Er hat zum Beispiel geknurrt. Einmal hat er sogar gebrüllt, was für einen Wolf ja wohl eher untypisch ist.“ Sie sah nach unten und spielte mit ihren Fingernägeln.
Der Arzt notierte alles und sah anschließend das Gesamtbild seiner Notizen an.
„Dies scheint ein klarer Fall von Lykanthropie zu sein.“
Julia sah wieder hoch. „Wa-Was ist das?“
„Lykanthropie beschreibt die Wahnvorstellung, sich in ein Tier zu verwandeln. Meistens in einen Hund, eine Katze, einen Tiger oder, wie in diesem Fall, einen Wolf.“
„Mein Bruder hat meine Eltern ermordet, weil er wirklich dachte, er sei ein Wolf?“
„Ja. Es gab mal ein Fall indem eine Mutter ihren Sohn umbrachte. Sie sagten, Ihr Bruder hätte sich wie ein Wolf verhalten?“ Der Arzt sah sich nochmal seine Notizen an.
„Ja“, bestätigte Julia.
„Genau. Knurren und brüllen. Er musste wohl die Wahnvorstellung gehabt haben, eine größere Version eines Wolfes zu sein, der aufrecht stehen und zudem brüllen kann.“
„Aber wie kommt das?“, fragte Julia.
„Lykanthropie ist in äußerst seltenen Fällen ein Begleitsymptom von Schizophrenie, was bei Ihrem Bruder vor einigen Jahren bereits diagnostiziert wurde, aber das wissen Sie bereits.“
Julia schluckte und nickte. „Könnt ihr ihn heilen?“
„Wir können es auf jeden Fall lindern. Wir werden ihn bei uns in der Psychiatrie behalten. Die Einnahme der Medikamente wird bewacht und sollte es nicht helfen, werden wir auf andere Behandlungsmethoden zurückgreifen. Wir werden sie über seine Fortschritte auf dem Laufenden halten.“
Julia nickte und wischte die kommenden Tränen weg. „Sorgen Sie einfach nur dafür, dass er wieder normal leben kann.“

 




ageschéckt den: 22:42 Thu, 15 March 2018 vum: Rollinger Caroline

Zeréck

Prix Laurence 2018

Rollinger Caroline - Hab dich





Ich schlug mit meinen kleinen Fäusten gegen die Tür. Immer wieder hämmerte ich dagegen, bis sie wehtaten. Weinend wich ich zurück und drehte mich zum dunkeln Raum um, in dem ich mich befand. Ich bekam Angst. Ich schrie, sank zu Boden und verzog mich in eine Ecke, in der ich zitternd sitzen blieb, die Beine angezogen, die Arme darum geschlungen. Ständig in die Dunkelheit starrend. Tränen liefen mir stumm über die Wangen. Die einzigen Geräusche waren mein Atmen und mein Herzschlag. So laut, dass ich die Befürchtung hatte, jemand oder etwas könnte sie hören. Ich wusste nicht, wie lange ich schon eingesperrt war oder welche Tageszeit es war.
Ich versteckte mein Gesicht etwas hinter den Knien, so tief, dass nur noch die Augen darüber hinweg schauten und durch die Dunkelheit huschten. Nachdem sie sich daran gewöhnt hatten, konnte ich an der gegenüberliegenden Wand Regale erkennen, die fast ganz leer waren. Nur ein paar Bücher füllten sie. In einer Ecke stand eine Kiste und direkt daneben war ein Schlafsack.
Ich krabbelte zur Kiste und öffnete sie zögerlich. Sie war mit einer ganzen Menge Spielzeug gefüllt.
Plötzlich hörte ich ein Summen. Schockiert drehte ich mich um und stieß mit dem Rücken gegen die Kiste. Schmerz durchzuckte meinen Rücken, doch ich ignorierte ihn. Angestrengt schaute ich durch den Raum, aber es war niemand da. Ich schluchzte.
„Hier“, hörte ich ein leises Flüstern. Es wirkte sehr fern. „Ich bin hier.“
Ängstlich ging ich in die Richtung aus der es kam. Ein heller Arm kam zwischen den Regalen hervor. Er war weiß, so wie das Kleid, das zerrissen den Arm hinabhing. Ich starrte ihn an. Unfähig, mich zu bewegen.
„Komm her, hilf mir!“
Zögerlich näherte ich mich und blieb vor dem Arm stehen. Ich ging ein wenig in die Knie, um das Gesicht des Mädchens zu sehen. Es war genauso weiß wie das Kleid. Es hatte keine Augen. Stattdessen waren dort schwarze, klaffende Löcher.
„Hilf mir!“, rief es wieder, doch ich war nicht fähig mich zu bewegen. Die Angst schlich durch meinen ganzen Körper, ließ mein Herz schneller pochen. Ich konnte spüren, wie mein ganzer Kopf sich unter dem Schlag des Herzes bewegte. Die Hände begannen zu schwitzen und wieder kamen mir die Tränen.
„Ich bin so allein“, sagte es und plötzlich kam es durch das Regal auf mich zu. Schockiert wich ich zurück und stieß so fest mit dem Rücken gegen die Wand, dass mir für einen Moment die Luft wegblieb.
Die Unruhe wich, als das Mädchen vor mir zum Stehen blieb. So groß und alt wie ich. Acht Jahre.
Alles an ihr war weiß, nur die Augen nicht. Die Haare fielen ihr leicht auf die Schultern. Sie lächelte. Die Hälfte der Zähne fehlte.
„Wie heißt du?“, fragte ich.
„Sandra.“ Ihre Stimme klang geisterhaft, als wäre sie nicht wirklich hier.
„Ich heiße auch Sandra“, erwiderte ich. Es war ungewöhnlich. In gewisser Weise fürchtete ich mich vor dem Mädchen, aber ich war froh, nicht mehr alleine zu sein. Sie war mir sogar ein wenig vertraut. „Warum bist du hier?“
„Er hat mich geholt.“ Obwohl sie ganz normal sprach, klang ihre Stimme wie ein Flüstern, das sich in der Luft verbreitete. „Wie dich.“ Sie legte den Kopf in den Nacken. „Ich habe vergessen, wie Mama und Papa aussehen. Ich habe vergessen, wie mein Haus aussieht und ich habe vergessen, wie ich aussehe.“ Sie sah wieder mich an. Ich schaute ihr in die schwarzen Löcher. Auch wenn dort keine Augen waren, wirkte es, als würde ich mich in ihnen spiegeln. Ich erkannte mich selbst in ihr wieder.
„Du siehst aus wie ich.“
Sie lächelte wieder. „Es ist schön, nicht mehr alleine zu sein.“ Sie pfiff. Es war ein gruseliges Geräusch, das mir einen kalten Schauer über den Rücken jagte. „Er wird zurückkommen.“
„Wer ist er?“, wollte ich wissen.
Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Er hat mir meine Augen genommen. Er hat mir meine Zähne genommen. Und er hat mir mein Leben genommen.“ Sie pfiff wieder. Ruhig begann sie von einem Fuß auf den anderen zu treten, als würde sie tanzen. Ich sah ihre Füße an. Sie waren nackt. So weiß und hell und doch schien etwas Dunkles darüber zu fließen. Etwas Schwarzes. Sie sah zur Tür, gegen die ich vorhin gehämmert hatte.
„Ich wollte auch dort raus“, begann sie zu erzählen. „Die Tür war abgeschlossen. Dieses Mal wird sie offen sein.“ Sie zeigte mit dem Arm darauf.
„Nein.“ Ich schüttelte den Kopf. „Sie ist zu. Ich habe es schon probiert.“
„Dieses Mal wird sie offen sein“, wiederholte sie. „Lauf.“
Instinktiv lief ich zur Tür und griff nach der Klinke. Ich drückte sie gerade hinunter, öffnete die Tür aber noch nicht, als Sandra „Warte!“ rief, doch es war zu spät.
Die Tür schwang auf und plötzlich stand Sandra genau hinter mir.
„Ich erinnere mich wieder“, teilte sie mir mit, während ich schockiert und panisch vor Angst hochschaute. „Ich bin deine Zukunft.“ Mit diesen Worten verschwand sie und ließ mich wieder zurück. Alleine. Einsam. Nur mit dem Mann vor mir, der grinsend auf mich hinabschaute.
„Hab dich“, sagte er spöttisch.

 




ageschéckt den: 17:28 Sat, 17 March 2018 vum: Rollinger Caroline

Zeréck

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Die Liebesgeschichte zwischen
Ingeborg Bachmann und Paul Celan
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Gedichte und Prosa aus dem Krieg
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