Prix Laurence - Bettembourg Prix Laurence 2018 - Luxembourg
 loading...

Prix Laurence 2018

Klaassen Eline - Mord auf dem Bürgersteig





Ein Messer blitzte auf. Ein Messer in der Hand des Tätowierten. Seine Körperhaltung war drohend. Sein Gesicht in der Abenddämmerung kaum zu erkennen. Seinem Gegenüber schien das Messer Angst zu machen. Ausweichend trat er einen Schritt zur Seite, bewegte leichenblass seine Lippen, als könne er sich damit retten. Der Tätowierte folgte ihm auf der Stelle, packte ihn mit einem Ruck am Kragen. Nun waren seine Gesichtszüge einigermaßen zu erkennen, obwohl die Finsternis Details immer noch verborgen hielt. Er war wütend, das war unverkennbar, und er konnte jeden Augenblick ausrasten. Noch aber verliefen seine Handlungen kontrolliert. Er sprach auf den Anderen ein. Dieser schüttelte sträubend den Kopf, dabei lockerte er den Griff des Tätowierten ein wenig. Dieser ließ ihn nun schlagartig los. Stattdessen hielt er ihm das scharfe Messer an die Kehle. Für den Bruchteil einer Sekunde schwand die Furcht aus der Miene des Bedrohten, wich einer festen Entschlossenheit, doch der Tätowierte schien das nicht zu bemerken. Auch fiel ihm nicht auf, wie die linke Hand des Mannes langsam in seine Hosentasche glitt. Genau in dem Moment, als der Tätowierte einen heftigen, blaffenden Satz ausspucken wollte, tauchte etwas metallisch Glänzendes in der Hand des Gegenüberstehenden auf. Ehe der Tätowierte es entdecken konnte, bellte er ein letztes Wort. Die Angst war nun vollständig aus dem Gesicht des Gegenübers geschwunden. Konzentriert blickte er drein, als er den Finger auf das Metallische legte. Als jedoch der plötzliche Knall ertönte, lächelte er hemmungslos. Der Tätowierte erstarrte, griff sich stöhnend an die Schusswunde, dann fiel er leblos zu Boden. Der Lebende verschwand ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen in der Düsternis. Zurück blieb einzig und allein eine tätowierte Leiche.
Ich mag hier ja nur der Hund sein, einige Dinge aber hatte sogar ich verstanden: Die Männer wollten nicht gesehen werden, taten also etwas Verbotenes, außerdem hatten beide vorgehabt, den Anderen umzubringen. Der Tätowierte hatte außerdem etwas von dem Bedrohten gewollt, aber damit, dass dieser selbst bewaffnet sein könnte, hatte er nicht gerechnet. Was mich als sehr rechtmäßigkeitsbewussten, reinrassigen Dachshund aber am allermeisten aufregte, war, dass der Mörder ungeschoren davongekommen war. Er würde weiterhin eine Gefahr für die Welt, für mich und für mein Herrchen darstellen. Somit war die Sache entschieden: Ich musste ihn unschädlich machen. Am besten, ehe er noch Schlimmeres anrichtete. Wie, das würde ich mir besser morgen ausdenken.
An jenem Abend, als ein tätowierter Mensch sein Leben auf unserem Bürgersteig lassen musste, weil ein Anderer ihm dieses nicht länger gönnte, befand ich mich wie üblich auf der Fensterbank des Zimmers meines Herrchens. Das war so ziemlich der beste Platz im ganzen Haus, denn dort befand sich nicht nur mein Körbchen, sondern zudem das meines Herrchens, außerdem mein Herrchen selbst und sogar ich! So konnte ich abends unbesorgt einschlummern, und sobald ich eine Gefahr wittere, war ich gleich an Ort und Stelle, um mein Herrchen zu beschützen. Solche Dinge bemerkte er nämlich immer zu spät, und auch den Mord auf dem Bürgersteig verschlief er seelenruhig. Erst, als seine menschliche Hundemutter das Zimmer betrat und in ein zärtliches Gurren der Zuneigung ausbrach, öffneten sich seine Augen zum Zeichen, dass er erwacht war.
Nach einem hastigen Frühstück setzte ich mich fest entschlossen vor die Tür und jaulte, als hinge mein Leben davon ab. Raus! Ich musste auf der Stelle raus! Wie sonst sollte ich denn die Welt vor der furchtbaren Gefahr bewahren, die pausenlos von dem Mörder ausging?!
Mein Herrchen jedoch schien leider nicht zu erkennen, welch wichtige Heldentat ich als Dachshund zu verrichten hatte, und ließ sich erst mal reichlich Zeit.
Nach dieser ziemlich haarsträubenden Weile des Wartens legte mir mein Herrchen dann endlich die Leine an und öffnete die Tür. Mit einem Mal wurde mir ganz kribbelig, aber zugleich auch mulmig zumute. War es wirklich so notwendig, rauszugehen? Einerseits musste ich natürlich unbedingt die Welt retten, doch andererseits, das war doch total gefährlich! Dieser Mensch war so viel größer als ich, und er hatte eine Waffe, die tödlich war! Ich war doch lebensmüde, wenn ich mich gegen ihn stellte!
Aber selbst, wenn ich es gewollt hätte, blieb mir gar keine andere Möglichkeit, als meinem Herrchen zu folgen. Es war einfach meine Pflicht, ihn zu beschützen, und selbst, wenn ich nicht die ganze Welt retten konnte, so würde ich immer noch ihn retten. Ich musste nun mal.
Obwohl meine Nase während des gesamten Spaziergangs am Boden klebte, so erschnüffelte ich doch leider nichts, was auch nur im entferntesten Sinn nach Blut oder Tod roch. Es fiel mir schwer, mein Herrchen schließlich gehen zu lassen, als wir wie üblich zu einem Gebäude mit zahllosen Seinesgleichen gelangten. Doch so viele Menschen konnte der Mörder wohl kaum auf einmal umbringen, oder? Wie dem auch sei, auf jeden Fall überredete ich mich selbst auf diese Weise dazu, den Spaziergang fortzusetzen.
Als wir, also ich und die Mutterhündin des Herrchens, das Haus wieder erreichten, beschloss ich, dass ich als Dachshund den restlichen Tag wohl nirgendwo besser als auf der Fensterbank verbringen konnte. Hier war ich nicht nur geschützt, sondern konnte zudem den gesamten Garten mitsamt Bürgersteig überblicken Wenn der Mörder käme, ich wäre bereit zum Kampf! Sollte er sich nur trauen.
Am Abend, nachdem ich den ganzen Tag wachend auf der Fensterbank verbracht hatte, entschied ich mich dazu, dass es an der Zeit war, meine Ermittlungen draußen fortzusetzen. Schließlich war ich ein richtiger, reinrassiger Dachshund, und denen lag der Mut einfach im Blut!
Obwohl mein Herrchen mittlerweile eingeschlummert war, wachte seine Mutterhündin anscheinend noch unten. Zu meinem Glück ließ sie sich sogar dazu herab, mir die Tür zum Garten zu öffnen, wo es ein Leichtes für mich war, den Zaun zu untergraben und hindurch zu schlüpfen. Mein Herz klopfte wie wild. Ich wusste genau, wie verboten es war, was ich hier tat-und wie gefährlich erst! Trotzdem beschnupperte ich unbeirrbar jeden einzelnen Zentimeter Boden, der mir unter die Nase kam. Doch plötzlich hob ich alarmiert ein Schlappohr. Ich verharrte in meiner Bewegung. Es schien, als näherten sich mir zwei Silhouetten in der Düsternis! Lautlos drängte ich mich an die Wand, panisch darauf bedacht, das laute Pochen meines Hundeherzens zu bändigen. Ich verschmolz reglos mit dem Schatten der Wand, wie gelähmt das Schauspiel betrachtend, das sich nun vor mir abspielte.
Drohende Körperhaltung. Das Gegenüber verschreckt ausweichend. Todesangst. Der Drohende beugte sich über den Verängstigten, obwohl dieser seine Körpergröße bei Weitem überschritt. Der Drohende kam ihm so nah, dass der Andere fast auf dem Boden kauerte. Es sah so aus, als halte auch Letzterer eine Waffe in der Hand, doch er verwendete sie nicht. Ein hämisches, zutiefst bösartiges Lachen war aus der Kehle des Drohenden zu vernehmen. Nun erst entdeckte ich, dass in seiner Hand fast dieselbe Waffe glänzte, die den Tätowierten umgebracht hatte. Ein letzter Angstschrei aus dem Hals des Bedrohten. Die Waffe des Drohenden richtete sich auf ihn. Ein Knall. Ein Stöhnen. Dann sank der Bedrohte kraft- und leblos zu Boden. Der Drohende lächelte zufrieden, dann verschwand er in der Dunkelheit. Zurück blieb eine Leiche, aus der eine heiße, dunkle Flüssigkeit quoll. Und ich.
Ich habe, als ich mich der Abwesenheit jeglicher lebenden Anwesenden sicher war, versucht, dem Drohenden zu folgen. Lange Zeit habe ich alles nach möglichen Spuren abgesucht, habe alles in meiner Macht Stehende unternommen, doch als die Dunkelheit dem Licht zu weichen begann, wusste ich, dass es zwecklos war. Ich war ein Dachshund, ich hatte meine Pflicht als Dachshund zu erfüllen, ich musste zu meinem Herrchen zurück. So begab ich mich zugegebenermaßen recht niedergeschlagen zurück zur Gartentür, in der Erwartung, jemand würde mir die Tür öffnen. Wieder ein Tote. Wieder Fragen. Wieder keine Antworten.
Als das Licht einkehrte und mein Herrchen mich an die Leine schnallte, wusste ich eigentlich schon, dass ich auch diesmal nichts herausfinden würde, solange die Sonne die Welt erleuchtete. Dennoch konnte ich es nicht lassen, während des gesamten Spaziergangs meine Nase über den Boden wandern zu lassen; für alle Fälle, man konnte schließlich nie wirklich wissen…
Jedoch kam es, wie es kommen sollte, somit verbrachte ich auch dieses Mal den Nachmittag nach einer missglückten Schnüffel-expedition auf der Fensterbank. Anders als am vergangenen Tag hingegen blieb der Bürgersteig heute nicht unbetreten; Ganze 7 Leute liefen an meinem Fenster entlang! Die alte Frau Zitterbein samt ihrem Gehstock, der Herr Glatzkopf mit seinem Briefebeutel, die Frau Katzenliebhaberin von gegenüber, die beiden Fußballjungs von der Nummer 16, und die Besitzerin von Murphy, dem Border-Collie, gemeinsam mit ebendiesem Murphy, dem Border-Collie. Irgendwann allerdings übermannte die Erschöpfung meinen Willen, und ich schloss wohlig die Augen, ohne weiter über die Welt und Rettungen und Morde nachzusinnen.
Mitten in der Nacht wurde ich abrupt aus meinem tiefsten Schlaf gerissen. Alarmiert setzte ich zum Bellen an - ich bin eine guter Wachhund -, da jedoch stieg mir der beruhigende Geruch meines Herrchens in die Nase, und ich verstummte sofort. Einen Moment erfüllte mich ungeheure Erleichterung, er wollte sicher nur einen kleinen Nachtspaziergang mit mir unternehmen, aber gleich darauf packte mich eine besorgte Panik. Nachtspaziergang?! Er war noch nie mitten in der Nacht mit mir zu einem Spaziergang aufgebrochen! Angsterfüllt verfolgte ich, wie er die Leine an meinem Halsband einhakte. Genau in dem Moment, als er sich zu mir hinunterbeugte, sah ich es. Es lag in seinen Augen. Es war sein Blick. Er war nicht wie sonst, aufgeweckt und klar. Er war glasig, glasig und verschwommen. Mit einem Mal überkam mich ein fürchterliches, schauderndes Gefühl, wie ich es noch nie gefühlt hatte. Das Herrchen war nicht wach. Es schlief noch. Es wandelte das berüchtigte Schlafwandeln.
Als ich noch ein Welpe war, ein kleiner, hilfloser Welpe, der noch von seiner Hundemutter gesäugt werden musste, da erzählte sie mir und meinen Geschwistern eine Geschichte, die sie wiederum selbst als Welpe von ihrer Hundemutter erzählt bekommen hatte. Darin kam ein Herrchen vor, der ein wahrhaftig traumhaftes Gespür für Hunde hatte, und ein Dackel meinesgleichen, der als unglaublich klug und auch wagemutig gegolten haben musste. Eines stürmischen Nachts hingegen überkam ihm etwas Fürchterliches: Das Herrchen begann zu schlafwandeln. Er führte ihn in einen dunklen Wald, bis er an einen Abhang gelangte. Dort soll er fünf grausame Worte gesprochen haben, die meine Hundemutter mir um keinen Preis verraten wollte. Schließlich hat er sich schweigend in die Tiefe gestürzt. Mit dem Hund an der Leine.
Mein Herrchen führte mich zur Haustür, aus dem Haus hinaus. Mit jedem einzelnen Schritt, den er versetzte, wurde mir mulmiger zumute, bis ich regelrecht angsterfüllt beobachtete, was er tat. Doch entgegen meinen Befürchtungen ging er nicht weiter; Er blieb mitten auf dem Bürgersteig stehen. Erleichtert, wie ich war, traute ich mich endlich, mich genauer umzuschauen. Er stand an haargenau der Stelle, an der der Drohende gestern und der Bedrohte vorgestern gestanden hatten. Dass mein Herrchen sich nun an genau dieser Stelle befand, vermittelte mir ein solch schlotterndes Gefühl der Gänsehaut, dass ich mich unbewusst hinter seinen Beinen verschanzte.
Noch schlimmer allerdings schockte mich die Tatsache, dass gegenüber uns nun eine Gestalt auftauchte. In ihrer linken Hand blitzte eine Waffe auf. Sie war auf mich und das Herrchen gerichtet.
Für einen winzig kleinen Augenblick zuckte mein Herrchen zusammen, doch dann fasste er sich schon wieder. Kaum merkbar setzte er einen Fuß vor den anderen. Der Drohende murmelte irgendetwas, es klang ganz und gar nicht freundlich, grollend, knurrend. Das Herrchen erwiderte etwas, es war allerdings so leise, dass ich es in meiner Angst nicht genau verstehen konnte. Der Mann legte einen Finger auf einen Knopf an der Waffe. Er wiederholte seine Worte. Offenbar wollte er etwas vom Herrchen. Dieser schüttelte hingegen trotzig den Kopf. Ich sah genau, wie der Mann den Finger anspannte und den Knopf eindrückte. Kurz bevor der Knall ertönte, huschte mein Herrchen flink zur Seite. Der Schuss ging ins Leere. Mein Herrchen zückte nun plötzlich ebenfalls eine Waffe. Den Bruchteil einer Sekunde zögerte er, starrte auf die benommene Gestalt vor ihm, die noch nicht genau begriff, was vor sich ging. Dann schoss er.
Ich konnte es einfach nicht glauben. Mein Herrchen, der Mörder sämtlicher Toten! Er hatte völlig kaltblütig und ohne eine Miene zu verziehen drei Menschen getötet, er, der er keinen Schritt ohne seine Mutterhündin versetzte!
Wie in Trance betrachtete ich, wie er die Leiche zu einer Wiese brachte, dort ein Loch grub und den Toten hineinwarf. Er buddelte das Loch flüchtig zu, dann bewegte er sich wieder auf sein Haus zu. Als sei nie etwas geschehen lag er kurze Zeit später in seinem Bett und schlummerte friedsam, während ich auf meiner Fensterbank benommen die Geschehnisse zu verarbeiten versuchte.
Am folgenden Tag verließ ich mein Körbchen nicht. Ich schlief viel, fraß kaum und verbrachte den größten Teil des Tages damit, mich der verzweifelten Hilflosigkeit hinzugeben, die mich innerlich zerfraß. Warum musste bloß gerade mein Herrchen, das ich so innig geliebt hatte, sich als Mörder herausstellen? Was in aller Welt hatte ich getan, dass mir dieser Albtraum widerfuhr?
Am Abend legte ich mich absichtlich so, dass ich keinen Blick auf die Straße werfen konnte. Einen weiteren Mord würde ich nicht ertragen.
Punkt Mitternacht regte sich mein Herrchen plötzlich und riss mich somit aus dem Schlaf. Er stand aus seinem Bett auf, lief schweigend zur Zimmertür. Ich erhaschte einen Blick auf seine Augen; sie schimmerten ebenso glasig wie in der vergangenen Nacht. Ich hörte genau, wie sich seine Schritte allmählich entfernten. Die Haustür wurde kaum hörbar geöffnet, dann verschwand mein Herrchen lautlos in der rabenschwarzen Nacht. Er kehrte nie wieder zurück.
 




ageschéckt den: 18:06 Sat, 17 February 2018 vum: Klaassen Eline

Zeréck

Prix Laurence 2018

Klaassen Eline - Max im Märchen





Das Buch war ziemlich hoch und ziemlich dick. Es war in rissiges, altes Leder gebunden und es sah nicht danach aus, als hätte in den vergangenen 100 Jahren jemand es aufgeschlagen. Komisch sah es aus, so verstaubt und mit Spinnweben umzogen, inmitten eines Regals, das prall gefüllt war mit leuchtend bunten Abenteuerbüchern. Eigentlich war Max ja auch zur Bibliothek gekommen, um sich was Spannendes zu Lesen zu holen, damit er sich in den Ferien nicht langweilte. Er schüttelte verwundert den Kopf und ging in die Hocke, um den Buchtitel dieses merkwürdigen, alten Druckwerks zu entziffern. Die gesammelten Werke der Gebrüder Grimm. Aha, ein Märchenbuch also. Dabei war die Abteilung für Märchen doch viel weiter vorne… 

„Entschuldigen Sie bitte? Ich denke, dieses Buch steht nicht an seinem rechtmäßigen Platz“, teilte er einer Bibliothekarin mit. Diese bückte sich und zog das Märchenbuch mit dem Ledereinband aus dem Regal. Sie kniff die Augen zusammen, dann schüttelte sie den Kopf und entgegnete schlichtweg:  

„Doch, ich bin sicher, dieses Buch steht hier richtig“. Mit diesen Worten rauschte sie davon.  

Äußerst seltsam, dachte Max irritiert. Er kniete sich abermals vor dem alten Buch hin.  Er zögerte einen Moment, dann fasste er einen Entschluss. Er zog das Buch vorsichtig aus dem Regal und wischte sorgsam den ganzen Staub sowie die Spinnweben vom Einband. In schwungvoller, altmodischer Schrift waren die Worte „Die gesammelten Werke der Gebrüder Grimm“ erneut zu lesen. Max‘ Mut ließ nach. Sollte er es wirklich wagen? Doch die Neugier war größer als der Verstand und so siegte sie auch. Er schlug vorsichtig den Buchdeckel auf und sah in das Buch hinein.

Mit einem Mal wurde Max nach vorne gerissen. Er versuchte, zu schreien, doch seine Kehle war wie zugeschnürt. Eine unfassbar starke Kraft zerrte seinen Körper in wilde Verrenkungen. Nach einer schier unendlichen, kaum aushaltbaren Weile wurde er hoch in die Luft geschleudert, dann ließ die Kraft abrupt nach. Mit einer sanften Brise wurde Max schließlich niedergelassen auf einem überraschend sanften Bett aus Laub und Erde.

Überwältigt sah Max sich um. Er saß anscheinend mitten in einem ziemlich finsteren Wald, weit und breit war niemand außer ihm selbst zu sehen. Keine Bibliothek mehr. Keine Bibliothekarin mehr.

Als Max sich einigermaßen gefangen und sich vom harten Aufprall auf dem ziemlich kalten Waldboden erholt hatte, war er erst einmal völlig verwirrt und verstand die Welt nicht mehr. Er rappelte sich langsam auf und fegte eine Menge Laub sowie Erde von seiner Hose. Unsicher sah er sich um. Der Wald sah eigentlich ganz normal aus, nicht viel anders als der Wald in dem er seinen Hund immer spazieren führte. Und doch wusste Max, dass dem natürlich nicht so war. Ein Wald, in den man hineingeschleudert wird-nachdem man in ein Buch hinein- und wieder hinausgesogen wurde-konnte kein stinknormaler Wald sein. Immerhin das war ihm klar.

Es sah nach Frühling aus. Obwohl es vor ein paar Minuten noch Hochsommer gewesen war,  schien es nun Ende März zu sein. Es blühten zwar schon einige voreilige Blumen-bunte noch dazu-, doch das Wetter war bitterkalt. Max fröstelte in seinem kurzärmligen T-Shirt. Hätte er sich doch bloß was Wärmeres angezogen!

Sein Gehirn arbeitete währenddessen auf Hochtouren. Ihm musste doch eine Möglichkeit einfallen, wo er sein könnte! Oder, wenn das wirklich zu viel verlangt war, wenigstens, wie er wieder hinausfinden konnte! Ein Märchenbuch schnappen und hineinspringen wäre das Logischste gewesen, allerdings gab es hier weit und breit kein Buch, mit dem er dies ausprobieren könnte. Er beschloss, wenigstens ein wenig die Gegend zu erkunden. Vielleicht lag der Wald ja an einem Dorf, wo er ein Buch finden könnte.

Mit frischem Mut und nichts ahnend stapfte er durchs Laub und durchs Gestrüpp, immer seiner Nasenspitze nach (beziehungsweise in die Richtung, in der er Osten vermutete. Er hatte so eine Theorie, dass westlich von jedem Dorf ein Wald lag, daher musste er Richtung Osten. Für diejenigen, die alles ganz genau nehmen: Er lief in Wahrheit Richtung Süden)

Als er allerdings eine gute halbe Stunde gelaufen war, ohne aus dem Wald hinausgelangt zu sein, hockte er sich erschöpft neben einen der zahlreich vorhandenen Bäume. Stinkig brummte er: „Was zum Teufel ist das hier eigentlich für ein beknackter Wald?! Hier geht ja gar nix! Total bescheuert.“

„Entschuldigung? Guten Tag! Ich habe eine Frage, eventuell kennen Sie die Antwort darauf?“ erklang da eine glockenklare Kinderstimme,  sie schien gar nicht von so fern zu kommen.

Max fuhr verlegen zusammen, als er das Mädchen erblickte. Es schien jung zu sein, etwa neun, zehn Jahre alt, und trug ein niedliches, rotes Tuch auf dem Kopf. Ihre Haare glänzten goldig blond, und unterstrichen somit ihren märchenhaften Anblick.

„Öh, äh, hm, ja hallo, ich bin hier der Max!“ stotterte Max völlig verdutzt.

„Mein Name lautet Anna Margaretha Emilia Gertraud. Aber ach, wie unhöflich von mir! Wie konnte ich nur so einfältig sein,  so selbstverfallen, dass ich nicht nach Ihrer Bestimmung Erkundigung einzog!“, plauderte sie fröhlich drauflos.

Vollkommen überfordert von all den altertümlichen Ausdrücken brachte Max nicht mehr zustande als: „Das weiß ich selbst eigentlich auch nicht. Ich bin...nur so zufällig in diesen Wald hineingeraten…“

Was war das überhaupt für ein Mädchen? Es konnte doch nicht ernsthaft einen solch langen Namen besitzen! Und erst wie sie aussah-wie Rotkäppchen! Da hätte ihre Mutti sie ja gleich Rapunzel nennen können. Aber in so einem dämlichen Wald konnte man ja nie wissen...

„Fabelhaft! Ganz glänzend, wollen Sie die Bekanntschaft mit meiner Großmutter antreten? Eines sollten Sie allerdings wissen: Gott erbarmt sich ihrer Gesundheit zurzeit leider Gottes nicht, sie liegt, wenn das so weitergeht, baldig auf dem Sterbebett.“

„Hui, klingt ziemlich ernst. Ich hoffe, wir kommen zurzeit mit der Medizin. Du hast doch welche dabei, oder?“, hakte Max möglichst interessiert klingend (und zugegeben ziemlich geschockt) nach. Erst jetzt bemerkte er den großen geflochtenen Korb, den das komische Mädchen im Arm hatte. Sie war wohl wirklich eine Art Wiedergeburt Rotkäppchens. Vielleicht gab es das ja, hier, in dieser verfluchten verrückten Welt... Vielleicht gelangte er ja mithilfe dieses Mädchens ins Dorf. Ihre Omi wohnte doch bestimmt dort. Oder?

Das Mädchen, wie auch immer sie sich nannte, entgegnete halb vergnügt, halb verwirrt: „Wieso entfleuchte  Ihnen eben das Wort Medizin?  Ich bin weder beruflich noch in der freien Zeit des Lebens Arzneiheilmann oder Heilpraktiker, ein solcher wird die werte Frau Großmutter an einem der folgenden Tagen noch einen Besuch abstatten. Aber Himmel, ich drücke mich heute wirklich außerordentlich unhöflich aus, Verzeihen Sie meiner ein letztes Mal! Es war ein einmaliges Versehen, entspringend aus Sorge um meine werte Frau Großmutter. Ich bitte vielmals um Gnade, Herr Maximillian!“

Max stammelte ein wenig verlegen: „Ist schon gut, schon gut. Alles in Butter. Kein Stress. Lass uns endlich losgehen, sonst stehen wir hier morgen noch.“

„Oh, verzeihen Sie nochmals! Sie haben natürlich vollkommen Recht. Ich ersuche Sie höchst freundlich, meiner Wenigkeit zu folgen!“

Mit diesen Worten hüpfte das Mädchen fröhlich los, mit wippenden Zöpfen in den Haaren, den Korb sorglos am Arm baumelnd. Es sah absolut märchenhaft aus, und niemand hätte bei ihrem Anblick gedacht, dass ihre Oma am Sterben war. Max hastete hinterher, eher lump und stirnrunzelnd als frohgesinnt.

Als das ungleiche Paar eines schmächtigen, etwa elfjährigen Jungens und eines unglaublich munteren, etwa neunjährigen Mädchens mit einem roten Käppchen auf dem Kopf eine Weile gegangen war, blieb das Mädchen plötzlich ruckartig stehen. Irritiert drosselte auch Max das Tempo seiner Schritte und kam zum Stehen. „Äh, Annilietha?“

„Anna, Emilia, Margaretha und Gertraud, Verehrtester.“, erinnerte ihn...Anna, oder so.

„Okay, Gertraumarga, warum gehst du denn nicht weiter? Ist irgendwas passiert? Sind wir falsch gegangen?“, erkundigte er sich ein wenig besorgt.

„Anna Emilia Margaretha Gertraud. Ich verspüre trotz aller guten Dinge ein leichtes Unbehagen, wenn Sie der Vorsicht lieb sind, weichen Sie dem Wege ab und verfolgen Ihre Wege dort, wo die Bäume etwas dichter wachsen. Sie können Ihre Wege parallel des Pfades weiterführen. Ich werde, wenn die eventuell drohende Gefahr sich verzogen hat, Ihnen folgen. Ich werde hier verweilen und dem Pfade folgen. Nun gehen Sie, Gott möge Ihnen beistehen!“

Mit diesen Worten scheuchte sie Max mit dramatischen Gesten in den Wald hinein. Obwohl er ihr dramatisches Übertreiben natürlich für Schwachsinn hielt und auch ihrer Warnung kein Wort glaubte, dämmerte es ihm doch langsam, was dieses ganze Getue zu bedeuten hatte. Das alte Buch, durch das er hier hin gelangt war, war doch ein Märchenbuch gewesen, nicht? Das konnte doch kein Zufall sein, oder? Oder?

Da fiel Max etwas Schreckliches ein. Wenn er hier tatsächlich in einem Märchen gelangt war, würde doch bald auch der Wolf kommen! Und er war derjenige, der vom Pfad abgewichen war, nicht Rotkäppchen! Was sollte er bloß tun, wenn gleich hier der Wolf auftauchte? Einfach weglaufen? Wölfe waren doch schnell, oder? Okay, Max spielte Fußball und konnte recht schnell laufen, aber einen Leoparden zum Beispiel würde er nie schlagen, und falls Wölfe ebenso schnell wie Leoparden waren, hatte Max ein kleines Problem. Dann doch auf dem Pfad bleiben? Aber was, wenn das hier irgendeine Variation von Rotkäppchen war, in der ein Junge überlebte, Rotkäppchen jedoch mitten auf dem Pfad mit Haut und Haar gefressen wurde?

So fieberte Max weiter, während er mit zunehmend großen Schritten den Pfad entlangeilte. Selbst wenn er sich schlussendlich dafür entschieden hätte, den Pfad zu verlassen, hätte es im Endeffekt wahrscheinlich überhaupt keinen Zweck gehabt. Gerade als er nämlich schon fast in Panik geriet, tauchte am Horizont plötzlich ein kleines, nettes Häuschen auf. Dankbar wollte Max zuerst wie ein Verdurstender, der Wasser sieht, losspurten, dann jedoch fiel ihm ein, dass in dem Häuschen, wenn er tatsächlich in Rotkäppchen gelandet war, natürlich die Großmutter lebte, und die wurde zum Schluss, wenn er sich richtig erinnerte, gefressen. Keine guten Voraussetzungen also. Andererseits, vielleicht konnte er die Omi warnen und sich eine Falle ausdenken, worin der dumme Wolf sicher tappen würde. Dies wäre allerdings recht riskant, da er keinen blassen Schimmer hatte, wann der Wolf auftauchen würde.

Plötzlich hörte er ein leises Knurren, wie ein Donnergrollen, begleitet von dem Tappen vierer Tatzen. Es war nur sehr leise und sehr unscheinbar, doch es genügte, um bei Max die Alarmglocken auf höchster Stufe schrillen und ihn wie von der Tarantel gestochen aufspringen zu lassen. Mit einem Mal erinnerte er sich wieder an die Stimme seines Vaters, als er seinem kleinen Sohn Rotkäppchen vorgelesen hatte. Und er erinnerte sich, wie der Wolf Rotkäppchen darum bat, den Pfad zu verlassen. Er war in Gefahr!

„Wer mag dort sein?“, wunderte sich die Großmutter, als sie von einem lauten, eindringlichen Klopfen aus ihrem Schlaf aufgeschreckt wurde. Als das Klopfen immer energischer wurde und nicht aufhören wollte, ging sie seufzend zur Tür und öffnete sie mit schwachen, zitternden Knien. Ein Junge mit blonden  Wuschelhaaren sah sie mit großen, verschreckten Augen an. 

„Na, was ist denn dir geschehen, dass du so unaufhörlich an meine Türe klopfst, Lausbub? Ein Unheil mag dir doch nicht wiederfahren sein, ist's nicht?“, fragte die Großmutter den Max verwundert. Dieser hechelte erschöpft: 

„Würden... Sie mich bitte reinlassen? Ich... Rotkäppchen, also, der Wolf, er...“

„Nun komm erst einmal herein, Lausbub, du bist ja ganz erblasst vor Furcht! Hat dich die werte Anna Emilia hergeschickt, dass du von ihrem Spitznamen sprachst?“

Max betrat das kleine, ulkige Haus, das seiner Beurteilung nach eher einer Holzhütte glich. Der Schweiß tropfte ihm von der Stirn, als er keuchend hervorbrachte: „Anna-Rotkäppchen, sie wird bald von einem Wolf gefressen werden, und Sie später auch, wenn Sie jetzt nichts unternehmen! Ich-das Märchen, also- Nein, vergessen Sie es. Rufen Sie den Jäger rasch, es bleibt kaum noch Zeit!“

Er zitterte, als er sich bewusst wurde, was das bedeutete. Das Märchen würde verändert werden!

Die Großmutter starrte ihn ungläubig an.

„Bist du, ich meine...Sind Sie ein Bote Gottes?“

„Nein. Sagen Sie dem Jäger, er soll sich hinter dem Haus verstecken und Zeug zum Aufschneiden von Wölfen mitnehmen. Aber beeilen Sie sich, ebenso wie er!“

Die Großmutter war immer noch baff, schien ihm jedoch zu Max' großem Erstaunen zu glauben. 

„Nun denn, ich werde mich dir anvertrauen und deinen Warnungen gerecht werden. Des Jägers Haus befindet sich eine Viertelmeile in südöstlicher Richtung, wenn du deine jungen Beine anstrengst, solltest du es binnen einer Stunde abgelegt haben.“

Max wurde verlegen. 

„Welche Richtung ist das denn genau? Könnten Sie das bitte etwas näher beschreiben?“

„Du folgst immer dem Pfad und weichst niemals vom Weg ab, halte folgende Richtung an.“, erklärte die Großmutter und streckte zitternd ihren Arm gen Südosten aus.

„Gott möge mit dir sein!“, rief sie ihm mit ihrer alten, krächzenden Stimme nach, als er aus der Tür gehuscht und in die angegebene Richtung gerannt war. Er murmelte kopfschüttelnd: „Ebenfalls, ebenfalls. Dummer Aberglaube.“

Als er etwa eine halbe Stunde pausenlos gerannt war und schon ein gutes Stück seines Weges abgelegt hatte, ging ihm so langsam die Puste aus. Er verlangsamte mit beunruhigtem Gefühl seine Schritte. Hatte er denn auch wirklich die richtige Märchenversion im Kopf? Sonst würde er alle Märchen auf einmal verändern!

Seine Schritte beschleunigten sich wieder, und er rannte weiter durch den Wald, Puste hin, Puste her. Er musste tun, was er zu tun hatte, und er würde es tun, auch wenn es sicher einen einfacheren Weg gab.

Die Hütte war etwas baufällig und wimmelte nur so von Waffen und Schrotflinten, doch erschien es Max in dem Augenblick wie ein Palast im Himmel. Er war überglücklich, einen alten Mann mit sehr runzliger, ungesund gelblicher Haut zu erblicken. Ein miefender, ungewaschener Bart umrandete sein trotz allem freundlich, leicht überdreht aussehendes Gesicht. Sein Kopf war rot, und er schien ziemlich betrunken zu sein.

„Guten Tag, sind Sie hier der Jäger?“, stieß Max japsend hervor.

„Jawohl, der bin ich! Was kann ich für dich schießen, knapper Bursche?“, tönte seine laute, tiefe Stimme.

„Kommen Sie mit zum Haus der Großmutter, verstecken Sie sich dahinter, und sobald ein Wolf vor ihrer Tür erscheint, halten Sie Wache vor der Tür, nachdem der eingetreten ist. Sobald Sie ein lautes Schnarchen hören, treten Sie ein und schneiden Rotkäppchen und Großmutter aus seinem Bauch! Danach dürfen Sie den Wolf gern erschießen, nicht jedoch zuvor!“, erklärte Max aufgeregt. Er hoffte nur allzu sehr, dass sich der Jäger auch daran halten und es recht verstehen würde.

„Jawohl, zu Euren Diensten, knapper Bursche! Das erscheint mir als ein Fall für Messer und Flinte, wenn ich mich recht besinne. Recht so?“, fragte der Jäger mit seiner volltönenden Stimme.

„Ja, äh, wohl, Herr Jäger! Das scheint mir ein klarer Fall, äh, dafür...zu sein.“

Der Jäger hob Max auf die Schultern und stapfte breitbeinig in zügigem Tempo los. Der Kerl schien im Gehen schneller zu sein, als Max rennen konnte, und das faszinierte diesen.

Schon bald konnte Max das Haus der Großmutter am Horizont erkennen. 

„Was nun, knapper Bursche?“, fragte der Jäger geradeheraus.

„Verstecken Sie sich unbemerkt  hinter dem Haus, und seien Sie bitte leise!“, kommandierte Max selbstbewusster, als er je von sich selbst erwartet hätte.

„Wenn Gott es so will!“, lautete der barsche Kommentar des Jägers. Er huschte hinters Haus und hockte sich erstaunlich unauffällig hin.

Max kniete sich daneben. Vorerst geschah lange Zeit gar nichts. Das einzige, was zu hören war, war das leise, nervenzerreißende Gezwitscher  der Vögel.

Die erste, die erschien, war Rotkäppchen. Sie hüpfte unbesorgt und schien sich ihrer gefährdeten Situation nicht im Geringsten bewusst zu sein. Doch schon nach wenigen Sekunden erblickte Max den Wolf hinter ihr, es fiel ihm äußerst schwer, nicht laut loszuschreien und auf sie zu zu rennen. Doch er hielt sich zurück und wartete mit klopfendem Herzen ab, was geschehen würde.

Rotkäppchen schien nicht überrascht über die Präsenz des Wolfes zu sein, sie schien es sogar erwartet zu haben. Doch plötzlich riss der Wolf das Maul auf und verschlang Rotkäppchen ganz und gar.

Nun mögt ihr denken: Warum tut der verflixte Max nicht endlich etwas?! Doch Max blieb liegen und wartete seine Rolle, oder besser die des Jägers, im Märchen, das er kannte, ab. Er wartete, bis der Wolf an die Tür der Großmutter klopfte. Die erwartete wahrscheinlich Max, und öffnete ziemlich schnell die Tür.

Der Wolf hatte sich die Kleider Rotkäppchens angezogen und versuchte, ihre Stimme zu imitieren. Heraus kam allerdings bloß ein jämmerliches Quieken.

„Seid gegrüßt, werte Großmutter!“, quiekte er.

„Ah, du bist es, Kind! Ich bin so entzückt, gar gereizt, dass du deine jungen Beine angestrengt hast und ganz bis zu mir gekommen bist! Viel Mut muss es dich gekostet haben, dass du den dunklen, bösen Wald durchquert hast, um deiner kränkelnden Großmutter eine Freude zu bereiten, ist es nicht?“

Mehr bekam Max nicht mit, denn der Wolf schloss die Tür hinter sich. Max war allerdings sein sehr gewölbter Bauch aufgefallen, außerdem hatten blonde Haare aus seiner Schnauze hervorgeguckt. Rotkäppchen war also schon gefressen worden, und er konnte nur hoffen, dass seine Erinnerung ihn nicht täuschte. Und hatte nicht Sophie, aus seiner Klasse, einmal über verschiedene Versionen von Märchen gesprochen? Genau wusste er es nicht mehr, aber die Chance, dass sein Plan klappen würde, war eher klein. Der Jäger fing so langsam zu schnarchen an. So laut hatte Max noch nie jemanden schlafen gehört, was, wenn der Wolf das hörte?!

„Psst! Nicht einschlafen! Wenn der Wolf was hört!“, zischte er dem Jäger zu.

„Aber, das bin gar nicht ich! Das dringt aus dem Hause der Großmutter!“, entgegnete der Jäger. Nun erst fiel Max auf, dass das Schnarchen tatsächlich aus dem Haus der Großmutter kam. Laut seiner Erinnerung bedeutete das, dass der Wolf nun schlief und der Jäger den Bauch aufschneiden musste.

„Nun sind Sie dran, Jäger!“

„Möge die Macht Gottes mit mir sein!“, sprach der Jäger feierlich, dann schlich er sich mit seinen Sachen ins Haus der Großmutter hinein.

Max wäre ihm am liebsten nachgeschlichen, doch plötzlich erfasste eine kühle Brise ihn, er wunderte sich zuerst darüber, und ehe er sich's versah, wurde er von den Füßen gerissen und in die Luft geschleudert.

„Knusper, Knusper, Knäuschen, wer knuspert an meinem Häuschen?“, drang eine heiser krächzende Stimme aus der aus Lebkuchen bestehenden Hütte, die sich vor Max‘ Nase erhob.

„Nicht schon wieder!“, stöhnte er verzweifelt auf, dann sank er ohnmächtig zu Boden.
 




ageschéckt den: 20:47 Sun, 18 February 2018 vum: Klaassen Eline

Zeréck

Prix Laurence 2018

Klaassen Eline - Als wir noch Fußball spielten





Damals spielten wir noch Fußball, zusammen. Doch heute ist Fußball kein Spiel mehr. Es ist ein Kampf, ein Kampf um Leben und Tod.

Sechs Jahre zählten unsere jeweiligen Leben damals. Zwei kleine Jungen, beide mit einem schier unendlichen Überschuss an Energie, einem Ball und Langeweile. Wir waren allein auf dem Spielplatz, ich mit dem Ball, er mit dem Mut. Wenn man klein ist, erscheinen einem die Dinge so einfach. Man macht sie einfach, man denkt einfach nicht an das Komplizierte. Ich sah ihn, er sah mich. Ein paar wenige Worte sprach er, sie glitten ihm so leicht über die Lippen. Unser gemeinsamer Wunsch war banal, unkompliziert, doch in ihm mündete eine solch gewaltige Freundschaft, die wir zu dem Zeitpunkt unmöglich hätten vorhersehen können.

Eine angespannte Stimmung herrscht in der Umkleide. Niemand wünscht dem Anderen Glück, alle starren verzweifelt vor sich hin, ganz in ihre eigene Welt versunken. Diese neunzig Minuten werden entscheidend sein für unserer aller Leben. Alles hängt von diesem einen Spiel ab. Wenn wir es vermasseln, ist alles vorbei.

Der Trainer betritt den Raum. Einige heben ihren hoffnungslosen Blick ein Stück, andere machen sich gar nicht erst die Mühe. Das Schweigen, das über uns liegt, ist eindeutig: Versager. Wir alle, einschließlich dem Trainer, sind Versager, und wenn wir jetzt kein Wunder vollbringen, werden wir für immer Versager bleiben.

Zahllose weitere solcher Nachmittage folgten auf jenen. Anfangs sprach keiner von uns ein weiteres Wort als das unbedingt Nötige, aber nachdem wir gute vier Wochen lang jeden Nachmittag miteinander verbracht hatten, wurde er schließlich doch von der Redseligkeit heimgesucht.

„Hey, du, wie heißt du denn eigentlich?“, hatte er mir vom anderen Ende des Feldes zugerufen, während er den Ball mit einem geschickten Tritt in Richtung Tor kickte. Ich warf mich auf die Seite und hielt mit meiner linken Hand den Ball auf. Dann rief ich ihm meinen Namen zu, ein wenig überrumpelt, doch irgendwie von einem unbeschreiblichen Glücksgefühl erfasst. So entstand unsere erste Unterhaltung, ganz alltägliche Dinge, eben das, was sechsjährige Jungen so interessierte. Nach etwa einem Monat fanden wir heraus, dass wir beide dieselbe Schule besuchten, und irgendwann baten wir unsere Eltern, gemeinsam hingehen zu dürfen. Auf diese Weise wurde unser Band immer stärker, bald schon spürten alle, die uns sahen, instinktiv, dass diese beiden Jungen etwas ganz Besonderes verband, etwas, das niemand auf Erden zu zertrennen vermochte.

Von draußen dringt tosender Lärm herein. Brüllende Zuschauer, freundlicher sowie feindlicher Art, wölfische Aggression erfüllt ihre Seelen. Sie alle wollen etwas Spektakuläres sehen. Sie alle werden es uns nie verzeihen, wenn wir ihnen nicht die Sensation liefern, die wir brauchen, um zu überleben. Und am Ende, am Ende hängt alles doch von mir ab. Ich bin es, der in der letzten Zeit schlecht gespielt hat. Ich bin es, der es vermasselt hat. Und obwohl niemand sich traut, es mir wirklich zu sagen, weiß ich doch, dass auch ich es bin, der uns hier heute rauszuholen hat.

Der Trainer kommt auf mich zu. Man muss wirklich kein Hellseher sein, um zu erkennen, wie niedergeschlagen, wie verzweifelt ich bin. Er öffnet den Mund, spricht mich leise an.

„Hey, ich weiß, dass du dir Vorwürfe machst, das Schicksal war uns halt nicht so freundlich gesinnt in letzter Zeit…Aber ich bin überzeugt, dass du das heute hinkriegst. Kopf hoch, Kumpel!“

Freundschaftlich klopft er mir auf die Schulter. Ich versuche, ein Lächeln über die Lippen zu bringen, doch wenn ich es schon schaffe, dann muss es wirklich mehr als kläglich aussehen. Etwas ungeschickt erkundigt er sich bei mir, ob ich meiner Mannschaft als ihr Anführer noch ein paar aufmunternde Worte zusprechen möchte. Ganz kurz wäge ich ab, abzulehnen. Es ist ein sehr verlockender Gedanke, aber ich weiß, wie übel man mir das nehmen würde. Man würde mich bis zum Ende meiner Tage als Versager, als Feigling verspotten, besonders, wenn wir verlieren. Es ist meine Pflicht, ihnen Hoffnung zu geben, auch wenn die letzte Hoffnung längst versiegt ist und wir eigentlich kein Recht darauf haben.

Als wir acht waren, kam ein neues Mädchen in seine Klasse. Sie hieß Sofia, hatte glatte, blonde Haare und hellbraune, warme Augen. Er mochte sie sofort, und obwohl er es sich erst später eingestand, denke ich im Nachhinein betrachtet doch, dass er vom ersten Tag an bis über beide Ohren in ihn verliebt war. 

Erstmals erzählte er mir von ihr zu einem Zeitpunkt, an dem sie bereits seit einigen Monaten seine Klasse besuchte. Sie hatte einen Vogel gefunden, der auf mysteriösem Wege in das Schulgebäude gelangt sein musste, und der nun ganz hilflos gegen die Scheibe flatterte. Aufgeregt war sie zu ihm gelaufen, weil er der Erste gewesen war, der ihr über den Weg lief, und hatte ihm von dem Tier berichtet. Sie waren gemeinsam zur Lehrerin gerannt, doch da diese sehr beschäftigt war und ihnen eigentlich gar nicht zugehört hatte, hatten sie schließlich einfach abgewinkt und selbst einen Weg gesucht, den Vogel zu retten. In einem Pappkarton mit Luftlöchern hatten sie ihn am Ende nach draußen getragen, stolz übers ganze Gesicht strahlend und unter den Augen sämtlicher begeisterter Klassenkameraden. Das Glitzern und Funkeln seiner Augen, als er mir die Geschichte erzählte, hatte ich damals seiner Begeisterung oder seiner Tierliebe zugeschrieben…

„Okay, Leute, auf geht’s! Toi-toi-toi, ihr schafft das schon! Gebt alles!“, ruft der Trainer uns noch zu, dann verlassen wir die Umkleide und betreten das Spielfeld, um mit dem Aufwärmen zu beginnen. Ein Schwall noch lauteren Johlens und Grölens der Zuschauer als zuvor überspült uns, von solch ohrenbetäubender Lautstärke, dass es nicht möglich ist, ihre Botschaften voneinander zu unterscheiden, geschweige denn, herauszufinden, ob es Fans unserer Mannschaft oder der des Gegners sind. Irgendwie schaffe ich es, den Lärm auszublenden und mich voll auf meinen Körper zu konzentrieren, den es nun aufzuwärmen gilt. Für das wichtigste Spiel meines Lebens.
Der Gegner ist stark, richtig stark. Nicht stärker zwar, als wir es mal gewesen sind, aber bei dem Unglück, das uns in der vergangenen Zeit verfolgt hat, doch stark genug, um uns zertrümmern, vernichten und in den Untergang zu befördern. Eigentlich.

Aber heute nicht.

Das erste Paar in unserer Klasse tauchte auf, als wir zehn waren. Eigentlich hatte weder ich noch er großes Interesse daran, wir spielten einfach weiterhin Fußball mit all den Kindern, die mitspielen wollten, und machten uns um solche Dinge nicht die geringsten Gedanken. Unsere Mitschüler aber erfasste es zum Teil wie eine Epidemie, und ehe wir’s uns versahen, entstand ein Liebespärchen nach dem anderen. Doch so schnell sich diese Lieben bildeten und verbreiteten, so zügig traten auch die Trennungen ein. Noch bevor wir überhaupt wussten, dass beispielsweise Natascha mit Tom ging, erreichte das Gerücht schon unsere Ohren, Natascha habe Tom das Herz gebrochen… Ich und mein bester Freund, wir lachten immer über diese Albernheiten, vollkommen überzeugt von der Illusion, uns würde es sicher nie erfassen, wir würden unsere Leben ausschließlich dem Fußball widmen können. Wir lachten, doch im Kern unseres Wesens mündete dieses Lachen in einer Angst, die wir nicht verstanden.

Er war noch elf damals, es war die Woche vor seinem zwölften Geburtstag. Sofia hatte ich längst völlig vergessen, und eigentlich lebte ich in dem Glauben, dass sie für ihn nicht mehr als jede andere Klassenkameradin bedeutete. Wie jeden Nachmittag wartete ich auf dem Fußballfeld auf ihn, den Ball unter dem Arm geklemmt, in der Vorfreude auf ein spannendes Fußballspiel.

Ich bemerkte die Gestalt an seiner Seite erst, als er das Feld betrat. Sie begleitete ihn. Dass es Sofia war, wusste ich nicht. Ich sah in ihr nur ein gewöhnliches Mädchen, das mitspielen wollte, etwas, dem ich im Grunde zujubelte, denn es ist immer besser, mit mehr Leuten Fußball zu spielen, als mit wenigen. Sie spielte gut, weit besser gar als die meisten Kinder aus meiner Klasse, und über dem lebhaften Fußballspiel vergaß ich ganz, verlegen zu sein. Ich erinnere mich sogar, am Ende des Spiels auf sie zugegangen zu sein, und sie in meiner ganzen Euphorie des Fußballs gelobt zu haben: „Für ein Mädchen kannst du echt richtig gut schießen!“

Sie lächelte, schien meinen von Vorurteilen verdorbenen Geist nicht einmal in Frage zu stellen. Als ich zum anderen Ende des Feldes lief, um den Ball zu holen, bemerkte ich, wie sie meinem besten Freund etwas zuflüsterte. Er wurde auf der Stelle tomatenrot, und sogar ich merkte, dass das nicht an der Anstrengung des Fußballspieles lag. Unfähig, über das richtige Verhalten in diesem Moment nachzudenken, lief ich einfach auf sie zu, ich rannte, ohne jegliches Gefühl zu verspüren. Ich wusste nur eines: Ich wollte, dass sie so schnell wie möglich auseinanderkamen.

Hand in Hand mit einem völlig fremden, fußballbegeisterten Kind betritt unsere Mannschaft das Feld. Es ist nichts Neues mehr, dieses traditionsgemäße Ritual, die Hände der Gegner schütteln, die Nationalhymne singen. Die Mienen der Gegner sind weit gelassener als die unserer Spieler. Eine Woge der Entschlossenheit ballt sich wie eine eiserne Faust in uns zusammen, verzweifelte, beharrliche Entschlossenheit, die so dicht ist, dass sie erst dann weichen würde, wenn wir wirklich alles verloren hätten. Das angriffslustige, feurige Funkeln in unserer aller Augen macht einen fast kranken Eindruck, und doch treibt es uns an. Jegliche Kontrolle über uns selbst haben wir verloren, wie wilde Tiere auf der Jagd. Und gerade das ist es, was es mir ermöglicht, zum ersten Mal im Leben seinen Blick standzuhalten, als er meine Hand ergreift.

Als ich in meiner ganzen Hilflosigkeit einfach auf sie zugelaufen war, stoben die beiden erschrocken auseinander. In ihrem Blick fand ich nicht mehr als Verständnislosigkeit, doch der meines Freundes zeugte von einer solch wütenden Enttäuschung, dass ich es nicht schaffte, ihm in die Augen zu schauen. Eine Weile herrschte angespanntes Schweigen. Ich spürte, dass er sich einerseits ertappt fühlte, aber in gerade diesem Schuldgefühl mündete eine Wut von unerträglichem Gewicht, das durch seine Enttäuschung von mir ständig genährt wurde.

Irgendwann, nachdem wir eine gefühlte Ewigkeit lang schuldbewusst, unangenehm berührt und unendlich verletzt geschwiegen hatten, verließen wir in stummem Einvernehmen den Spielplatz, jeder für sich, ohne dem anderen auch nur einen letzten Blick zu schenken. Ich hatte alles zerstört, noch ehe es hatte anfangen können. Und das Schlimmste war, dass es ganz tief in meinem Wesen genau das gewesen war, was ich wollte.

Es kann nicht länger als ein Viertel einer Sekunde dauern, die wir uns ansehen. Er sucht meinen Blick, versucht, sich einen Weg in mein Herz zu bahnen, aber alles, was er zu finden vermag, ist Leere. Ich finde seinen Blick, seine Enttäuschung, seinen Wunsch, alles ungeschehen zu machen. Seine Lippen formen Worte.

„Warum hast du das gemacht?“ 

Ich überlege. 

Ich will antworten. 

Ich schüttele dem nächsten die Hand.

Etwa ein halbes Jahr später, als wir beide älter und klüger geworden waren, kamen wir durch irgendeinen belanglosen Umstand wieder auf diese Situation zu sprechen. Wir zelteten im Garten, und die rabenschwarze, sternengesprenkelte Nacht sowie die gleichmäßig zirpenden Grillen hatten uns sehr vertraulich gestimmt. Vielleicht war es die Müdigkeit, die mir die Fähigkeit, zu lügen, nahmen, oder mein Kinderherz war zu der Zeit noch rein genug, damit ich ehrlich zu sein vermochte. Wie dem auch sei, ich erzählte ihm jedenfalls die ganze Geschichte, und er hörte zu, ohne mich auch nur ein Mal zu unterbrechen. Er verstand mich, so, wie ich auch ihn verstand, und jetzt, da wir uns dessen beide bewusst geworden waren, sahen wir keinen Grund mehr, dem anderen böse zu sein. Der Unfrieden löste sich somit auf einfache, brüderliche Weise auf, so, als sei da nichts Großes gewesen. Das gegenseitige Verzeihen mochte jegliche Wut sofort ausgelöscht haben, im Keim erstickt, die Erinnerung aber konnte nichts auslöschen. Tief in ihm drin, das spürte ich, war etwas zerbrochen, das nie wieder zusammengeflickt werden konnte.

Die Hymne. Normalerweise der Zeitpunkt vor dem Spiel, an dem ich alles zu vergessen vermag, der ganze Belang mit einem Mal zu verfliegen scheint, lächerlich, albern, kindisch wirkt, der Moment, in dem ich voll und ganz in die Zeilen des Liedes eintauche und die gesamte Nation auf meinen Schultern spüre. Dann steigt plötzlich eine solch mächtige Woge des Stolzes auf mein Heimatsland in mir auf, dass es mir ganz kurz völlig egal ist, wie das Spiel ausgehen kann. Ein wunderschönes, befreiendes Gefühl. Eigentlich.

Aber heute nicht.

Das Einzige, was ich sehe, ist das Pappschild, mitten in dem gerührt das Volkslied schmetternden Meer aus Menschen. Sie ist die Einzige, die nicht singt. Wie in Trance lese ich die in schlichten Großbuchstaben angebrachte Botschaft, Buchstaben um Buchstaben entziffere ich. Noch ehe die Worte richtig zu mir durchgedrungen sind, tauchen in meinem Blickfeld plötzlich dunkle Flecken auf. Wie Tinte verbreiten sie sich, laufen langsam, bedrohlich aus, bis schließlich alles in eine ruhige, friedliche Schwärze getaucht wird. Ich hätte nie gedacht, dass der Tod so sanftmütig ist.

Sie kamen zusammen. Eigentlich stellte es kaum eine große Veränderung dar. Niemand wunderte sich darüber, es geschah einfach, ohne dass irgendjemand es in Frage stellte. Es wirkte ganz natürlich, so, als haben wir alle inständig schon immer gewusst, dass es so kommen würde. Er spielte immer noch Fußball mit mir. Manchmal nahm er sie mit, dann spielten wir zu dritt, einfach wie ganz normale Freunde, und sie unterließen während meiner Anwesenheit taktvoll jegliche Zärtlichkeiten einander gegenüber. Dennoch war eine gewisse Spannung anwesend. Was auch immer wir zueinander sagten wirkte unehrlich, gespielt, selbst, wenn es etwas vollkommen Banales war. Die Verbindung zwischen uns war einfach nicht mehr so eng, wie es gewesen war. Sofia bildete ohne jegliche Absicht eine Schlucht, eine Grenze zwischen uns, und mit jedem einzelnen Tag schien sie tiefer zu werden. Ich redete mir ein, es würde bestimmt vorübergehen, ich würde mich noch früh genug an sie gewöhnen.

Nasses Gras. Regentropfen prasseln auf mein Gesicht, auf eine seltsame Weise ein schönes und zugleich zerstörerisches Gefühl. Ich bin mir nicht sicher, ob ich lieber Regen oder Feuer auf meiner Haut brennen hätte.

An jenem Nachmittag kam er später als verabredet zum Fußballfeld. Ich wartete schon seit einiger Zeit auf ihn, da kam mir plötzlich Sofia entgegen. Wir kannten uns mittlerweile recht gut, und irgendwie hatte ich es geschafft, mich sogar ein bisschen mit ihr anzufreunden, obgleich sie es war, wegen der die Freundschaft zwischen mir und ihm nie wieder dieselbe sein würde. Sie hatte keinerlei böse Absichten gehabt, sie war nur im falschen Moment in die falsche Klasse gekommen.

Als ich meine Augen blinzelnd wieder aufschlage, sehe ich ihn. Er hat sich neben mich gekniet, sein Gesicht über meines gebeugt, und starrt mich nun unverwandt mit einem offensichtlich besorgten Blick an. Es verschlägt mir die Sprache. Das Einzige, was ich zustande bringe, ist, reglos liegen zu bleiben.

Er dachte, ich liebte sie. Er denkt es immer noch, denn ich habe in all den Jahren nie den Mut aufgebracht, ihm die Wahrheit zu sagen.

Er reicht mir die Hand. Ich mache Andeutungen, sie zu ergreifen, richte mich dann jedoch aus eigener Kraft auf. Schmerz verzieht sein Gesicht.

„Warum hast du das gemacht?“, flüstert er abermals. Ich bohre meinen Blick in den seinen, zwei verzweifelte, flehende Blicke. Wir werden auf das Feld gerufen, das Spiel beginnt. Jegliche Zuversicht, die mich zuvor noch beschlichen hatte, verlässt mich.

Nach der sechsten Klasse trennten wir uns. Ich habe nie wieder mit ihm geredet nach diesem letzten Schultag. Er stand in einer Ecke und gab Sofia einen Kuss auf die Lippen. Ich beobachtete ihn, und er wusste das. Für ihn muss es wie Neid ausgesehen haben, der meine Seele vergiftete. Aber es war kein Neid. In Wahrheit war es Angst. Die Angst, den besten Freund zu verlieren, den ich je gehabt hatte. Und durch gerade diese Angst habe ich ihn auch verloren.

Der Ball gelangt, noch ehe wir überhaupt die Andeutung einer Chance erkannt haben, ihn zu ergattern, in den Besitz der Gegenmannschaft. Hoffnungsvoll trotten die meisten hinterher, in der Hoffnung, er möge sich auf sie zu bewegen, doch niemand unternimmt etwas. Dass einer der Gegner den Ball ins Aus schießt, ist reines Glück. Für den Bruchteil einer Sekunde verfange ich mich im Blick dessen, der den Fehler begangen ist. Er ist es. Ohne zu überlegen hechte ich zum Ball. Meine Handlungen verlaufen vollkommen unterbewusst, das Einzige, woran ich denken kann, ist er. Ehe ich mich’s versehe, befinde ich mich in Reichweite des Tores. Neben mir steht er, sein Fuß schnellt nach vorne, um mir den Ball wegzunehmen, doch es missglückt ihm. Ich schaue ihm fest in die Augen. Die Worte, die schon so lange in meinem Herzen gefangen sind, entwischen, rutschen auf meine Zunge. Ich hole tief Luft, dann lasse ich sie fallen.

„Verzeih mir“, flüstere ich ihm zu. Eine Träne kullert über seine Wange, trifft in der Luft auf meine, verschmilzt mit ihr, ehe sie gemeinsam ins Gras fallen. Dann schieße ich das entscheidende Tor. Weil ich ihn liebe. 

 




ageschéckt den: 18:59 Wed, 7 March 2018 vum: Klaassen Eline

Zeréck

Matmaachen

Maach elo hei mat
beim PRIX LAURENCE 2018


bis den 19. Mäerz 2018. Fin du concours.
 

 

Mäin Text eraschécken

Recherche

Neiegkeeten

Wéi kann ech matmaachen?

 

 

LiteraTour 2018


vum 19. bis den 29. Abrëll 2018
zu Beetebuerg

De Lies-Festival fir Iech all!
11 Deeg BeeteBuerg - BicherBuerg


6. Editioun vum LiteraTour a
4. Editioun vum Prix Laurence


E schéine Succès!

Prix Laurence 2019
hei, vum nächste Juni un!

Elo do:
D'Anthologie mat de Finalisten a Laureaten vum Prix Laurence 2017.
Dir kritt se op der Gemeng Beetebuerg.

Och nach ze kréien:
D'Anthologie mat de Laureaten vun 2015 an 2016!

www.literatour.lu

*  *  *

Kleng Lecture, déi Iech vläicht weiderbréngt:


HELMUT BÖTTIGER

-  Wir sagen uns Dunkles
Die Liebesgeschichte zwischen
Ingeborg Bachmann und Paul Celan
DVA, 2017


LIZE SPIT

-  Und es schmilzt
Roman, S. Fischer, 2017


JÜRGEN BECKER

-  Graugänse über Toronto
Journalgedicht, Suhrkamp, 2017


LILY BRETT

-  Wenn wir bleiben könnten
Ausgewählte Gedichte, englisch & deutsch
insel verlag, 2014


CHARLES SIMIC

-  Picknick in der Nacht
Gedichte, Hanser, 2016


SERHIJ ZHADAN

-  Warum ich nicht im Netz bin
Gedichte und Prosa aus dem Krieg
Suhrkamp, 2016


HAIKU ANTHOLOGIE

-  Hrsgb. H. J. Balmes
Fischer TaschenBibliothek, 2016


KATE TEMPEST

-  Brand New Ancients
Gedichte, Suhrkamp, 2017

-  Hold Your Own
Gedichte, Suhrkamp, 2016

-  Worauf du dich verlassen kannst
Roman, Rowohlt, 2016

LUC SPADA

-  Fass mich an
Beats, Punchlines, Bitchmoves
éd. g. binsfeld, 2017


ISABEL SPIGARELLI

-  Nichts zu danken
Roman, éd. Saint-Paul, 2016


NICO HELMINGER

-  Autopsie
Roman (op lëtz.), Ultimomondo, 2014

-  Abrasch
Poesie, éd. phi, 2013

GEORGES HAUSEMER

-  Fuchs im Aufzug
Erzählungen, capybarabooks, 2017

KREMART

-  Déi 20 kleng Bicher am "Schuber"
aus der Collectioun smart
Erzielungen, éd. Kremart, 2017
 


Auteuren 2018

Archiv

Lescht Texter vum Concours

Carpe Nova Vita

Erageschéckt: 23:46 Mon, 19 March 2018


Wir schreiben das Jahr 2012 seit einem Monat. ...

méi liesen...

Es gibt kein Planet B

Erageschéckt: 23:19 Mon, 19 March 2018


Mutter Erde war grosszügig, man kann nicht klagen

méi liesen...

Unerwartete Begegnung

Erageschéckt: 23:04 Mon, 19 March 2018


"Eine neue Nachricht", meldet mein Handy. ...

méi liesen...