Prix Laurence - Bettembourg Prix Laurence 2018 - Luxembourg
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Prix Laurence 2018

Nicolas Anne - Utopia





Der Wecker hat bereits vor einer gefühlten Ewigkeit geklingelt, jedoch liege ich nach wie vor im Bett. Wie lange ich da wohl schon liege? Vielleicht zehn Minuten, eine Stunde könnte es aber auch sein. Die Zeit einschätzen kann ich echt nicht so gut. Man könnte meinen, ich wäre ein trotziges Kind, das nicht zur Schule gehen möchte. Tatsächlich sträubt sich mein ganzer Körper gegen das Aufstehen, was allerdings nichts mit Schule oder dergleichen zu tun hat. Ein von mir lange verdrängter Tag ist angebrochen: Umzugstag.

Warum wir umziehen müssen? Ich weiß es nicht, obwohl meine Eltern mir das bestimmt schon fünfzig Mal erklärt haben. Ich bin für das Thema bloß immer taub gewesen, teils aus Sturheit, teils aus tiefer Traurigkeit, die ich nicht zu bewältigen vermochte. Nun also ist der Moment gekommen: Ich habe soeben meine letzte Nacht hier verbracht; hier, in diesem Zimmer, in diesem Haus, in dieser Stadt. Eine Stadt, die von Geburt an mein wohlbehütetes und umsorgtes Zuhause war. Nostalgie und Wehmut breiten sich in mir aus. Ich fasse den Entschluss, Abschied von meiner zukünftigen Ex-Heimat zu nehmen. Wenigstens das bin ich ihr schuldig. Ich zwinge mich aus meiner Lethargie und ziehe mich um.

Draußen erwartet mich ein bilderbuchartiges Wetter: blauer Himmel mit strahlendem Sonnenschein, fast wie aus dem Reisekatalog herauskopiert. Seltsam, wie das Wetter manchmal perfekt die eigene Gefühlslage widerspiegeln kann, manchmal aber auch einfach nur das genaue Gegenteil vollbringt. Ich schaue die Einfahrt runter: Dort steht Papas neues Elektroauto. Einen Augenblick lang ist die Versuchung groß, die Stadt ein letztes Mal per Auto zu erkunden, schließlich kann ich das ohne schlechtes Gewissen tun. Die Zeiten, in denen die Wagen umwelt- und gesundheitsschädliche Abgase ausgestoßen haben, sind längst vorbei. Darüber liest man nur noch in den Geschichtsbüchern. Tatsächlich kann ich viele Geschichten, die in diesen Werken geschildert sind, nur sehr schwer glauben: Von Abgastests an Menschenaffen und Laborversuchen an Hunden ist die Rede. Eine solch lebensverachtende Einstellung und Skrupellosigkeit macht mich jedenfalls zutiefst traurig und ist Gott sei Dank kaum mehr vorstellbar.

Ich entscheide mich gegen das Auto. Ich will ein letztes Mal alles hautnah wahrnehmen, was ich die ganzen vergangenen Jahre wahrscheinlich als viel zu selbstverständlich erachtet habe. Ich gehe am Wagen vorbei und biege rechts die Straße runter. Es handelt sich hierbei um meinen alten Schulweg, der an wunderschön aufgearbeiteten Grünflächen vorbeiführt und von meterhohen Bäumen gesäumt ist. Das ist zwar bei jeder Straße in der Stadt der Fall, allerdings sind die Bäume hier auffallend hoch und die Baumkronen besonders dicht. Wie riesige Beschützer wachen sie über einen, wenn man unter ihnen daher läuft. Ich genieße es, die tiefenreine Luft einzuatmen.

Mein Weg führt mich am alten Polizeipräsidium vorbei. „Alt“ deshalb, weil es schon seit Jahren geschlossen ist. Die Kriminalitätsrate ist über Jahrzehnte hinweg so konstant bei 0% geblieben, dass es sich nicht mehr gelohnt hat, überhaupt Polizisten zu beschäftigen. Ich war bei der Schließung noch sehr klein, allerdings kann ich mich erinnern, wie stolz alle damals auf unsere gewaltfreie Stadt waren – und es immer noch sind. An der Anzahl der Gewalttaten hat sich derweil bis zum heutigen Tag nichts geändert. Das Präsidiumsgebäude selber ist zu einem Gemeinschaftsgarten umfunktioniert worden, aus dem der Großteil der Bewohner ihr frisches Gemüse bezieht. Bei dem Gedanken an das leckere Essen, das ich jahrelang zu mir nehmen durfte, verspüre ich ein leichtes Knurren im Magen und merke, dass ich Hunger habe. Ich frage mich, ob die Lebensmittel in der neuen Heimat genau so frisch sein werden. Ob die Karotten dort wohl gleich schmecken?

Ich gehe weiter und erreiche das Viertel, in dem einst eine sehr gute Freundin von mir gewohnt hat. Sabira Abdulwadud war ihr Name. Sie ist mit ihrer Familie aus einem Land gekommen, in dem Krieg und Verfolgung an der Tagesordnung standen. Ihnen ist nichts anderes übriggeblieben, als alles zurück zu lassen und ihrem Heimatland den Rücken zu kehren. Als die Menschen in meiner Stadt das erfuhren, boten sie den Neuankömmlingen sofort ihre Hilfe an. Wir sprachen nicht dieselbe Sprache, verstanden uns aber auf einer anderen, viel tieferen Ebene, umgehend – die der Menschlichkeit. Mein Papa hat mal erzählt, dass beim Einzug der Familie Abdulwadud so viele helfende Hände vor Ort waren, dass viele noch nicht mal mehr ins Haus gepasst haben. Sabira und ich haben sehr viel zusammen unternommen, so dass sie am Schluss nicht nur meine Sprache sprechen konnte, sondern ich auch ihre. Ich finde die Tatsache, dass Menschen sich gegenseitig so viel schenken und beibringen können, ungemein schön.

Wie lange ich jetzt wohl schon unterwegs bin? Wieder einmal kann ich es nicht einschätzen, denn ich habe nicht auf die Uhr geguckt, als ich losgegangen bin. Jetzt ist es 16:40 Uhr. Um 17:00 Uhr wollten meine Eltern los. Schweren Herzens mache ich mich auf den Rückweg. Ich laufe an einer Wiese vorbei, auf der Kühe richtig nahe an der Straße stehen und weiden. Da mittlerweile alle Kühe, Schweine, Hühner, und was sonst noch früher als „Mastvieh“ bezeichnet worden ist, freilebend sind, sind diese Tiere ein seltener Anblick geworden. Ich halte einen Moment inne und beobachte diese friedvollen Wesen, die mir, trotz meiner getrübten Stimmung, ein Lächeln auf die Lippen zaubern. Unvorstellbar, dass man diese Tiere früher gegessen hat. Das wäre ja fast so, als würde ich den Nachbarshund essen. Ich kenne niemanden in der Stadt, der sich nicht vegan ernährt. Alle haben verstanden, dass die eigene Ernährung sehr vielseitig, gesund und abwechslungsreich sein kann, ohne dass dafür andere Lebewesen leiden oder gar getötet werden müssen.

Da mir nicht mehr viel Zeit bleibt, laufe ich ohne weitere Umwege nach Hause. Dort warten bereits Mama und Papa mit dem vollgepackten Auto auf mich. Ohne viele Worte zu verlieren, setzte ich mich auf die Rückbank neben zwei große Kartons. Papa startet den Motor und wir fahren langsam los. Ich könnte weinen, allerdings würde mir das nichts bringen. Tatsächlich erlebe ich einen quasi sprunghaften Stimmungswechsel: In mir schürt sich plötzlich ein Optimismus, der von Minute zu Minute stärker wird. Meine Stirn lehnt an der Fensterscheibe, die langsam anfängt zu beschlagen. Mit jedem Baum der vorbeizieht, wird mir bewusster: Es handelt sich zwar hierbei um einen Abschied, aber der muss nicht endgültig sein. Wir nähern uns der Stadtgrenze. Ich entscheide, dass ich irgendwann zurückkommen werde. Vielleicht in einem Jahr, vielleicht in fünf Jahren, vielleicht aber auch erst in ein paar Jahrzehnten. Wie gesagt, im Einschätzen der Zeit bin ich echt nicht gut. Wir überqueren die Stadtgrenze. Durch das beschlagene Fenster blicke ich in den Seitenspiegel, in dem langsam das Orteingangsschild immer kleiner wird, bis man die Aufschrift irgendwann nur noch mit zusammengekniffenen Augen erkennen und lesen kann: „Welcome to Utopia“.
 




eingesendet am: 22:40 Thu, 8 February 2018 von: Nicolas Anne

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