Prix Laurence - Bettembourg Prix Laurence 2020 - Luxembourg
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Prix Laurence 2020

Lagodny Elena - Verschwunden




 

Kapitel 1 : These 

In Wirklichkeit kannte niemand sie. Eines Tages war sie einfach von der Bildfläche verschwunden. Als hätte man ein altes Dekor, oder einen nostalgischen Werbeslogan einfach ersetzt. Weiterleben könne man sehr wohl, aber für einige Tage geringstenfalls, sollte diese Veränderung in den Gedanken prominent sein. Zumindest in meinem Fall, obwohl ihr Verschwinden bei mir meine Gedankenströme und gesamten kognitive Fähigkeiten zu beanspruchen, fehlt bei den meisten jegliches Interesse. 

Das Gesicht hinter der Facade blieb den meisten ein Geheimnis. Obwohl sie auffiel, wenn man sie im Alltag begegnete, hatte man sich nie mit ihrer Persönlichkeit auseinandergesetzt, die Relevanz fehlte. Sie war schlicht ausgedrückt einfach nur existent. Sogar ihre Klassenkameraden konnten bei der Befragung im Polizeipräsidium keine Informationen geben, welche in den Augen der Ermittler als hilfreich oder entscheidend angesehen wurden. Die Nachbarin gab lediglich unbedeutende Geschichten von sich, auch dem Lehrer schien die Schülerin komplett entfallen zu sein. Viola Ephemero war zwar in der Lage stundenlang über Pflanzen zu reden, andere manifeste Charaktereigenschaften hatte sie angeblich nicht. Ohne ihre Pflanzen könne sie nicht leben, als bestände eine gegenseitige Abhängigkeit zwischen ihr und der Schlichten, schweigsamen Zeitgenossen. Sie war abhängig, sie hatte niemanden und brauchte einen Weg, um das Gefühl zu erlangen, jemand bräuchte sie. Ein eher unauffälliger Hilfeschrei den keiner entgegennahm. Sie lachte, wenn immer die anderen lachten, redete über die Themen über die die anderen reden wollte und genoss alles was andere auch genießen würden. Verzweifelt versuchte sie zur Gruppe dazuzugehören, legte dabei sogar ihren eigenen Charakter ab und doch wurde sie ignoriert. Sie war wahrscheinlich zu normal, zu versessen, einfach zu unterworfen. Egal wie sehr sie es versuchte, es sollte ihr nie gelingen in irgendeiner Weise in den Augen der anderen bedeutend zu werden, denn sie war nicht verhasst oder das Opfer von Hänselei, sondern in diesem Falle noch viel schlimmer, sie wurde einfach nur gemieden. Es ist in dem Sinne also kein Wunder, wenn ihm Viola als nächstes zum Opfer fiel, denn die einfachste Beute ist immer die, deren Vermissen am wenigsten Aufmerksamkeit erregt. 

Zwar gibt es zahlreiche Vermisstenmeldungen und in der ganzen Stadt wurden von den gebrochenen Eltern Plakate aufgehängt, aber Hilfe gibt es bloß wenig. Es wird davon ausgegangen, sie sei ohnehin nur noch Körper ohne Geist, denn seitdem sich anhäufenden Kinder Leichnamen, welche in der Umgebung seit mehreren Monaten auftauchen, gibt der Rest der Stadt diesen Fall so langsam auf. 

Der „Killer K“, auch Katzenmörder genannt, ist dafür bekannt in der Umgebung lebende Mädchen zu entführen, und ihre Leichen, gleich einer Katze welche einen zerrissenen, reichlich entstellten Vogel als Tribut ausliefert, an die Hintertüren der Eltern zu liefern. Meist mit einer Nachricht, in der zusammengefasst ist, warum gerade ihre Tochter ermordet wurde, eine groteske Art und Weise einen Mord zu dokumentieren und dabei hilflosen Gestalten Schuld aufzudrängen. Der lokale Nachrichtenkanal berichtet, dass sich der Inhalt dieser Briefe immer wieder ähnelt, Genaueres können sie natürlich nicht preisgeben.  Die Medien hatten bereits mehrere Theorien entworfen, um diesen Skandal völlig ausschlachten zu können und somit möglichst viel Geld zu einzubringen. Eine besonders Populäre diese Woche, ist die des Ursprungs des krankhaften Verhaltens des Mörders. Sie geht davon aus, dass der Killer eine besonders traumatische Kindheit gehabt haben muss, seine Eltern hatten ihn wahrscheinlich vergessen. Er landete im Kinderheim und auch dort, wurde er ignoriert und von den meisten Kindern und Erwachsenen noch nicht einmal zur Kenntnis genommen. Dies ist wahrscheinlich auch der Grund warum er den Eltern immer wieder die Kinder vor die Tür legt, um die Aufmerksamkeit zu erlangen, die er nie bekam. Eine andere geht zwar auch davon aus, dass der „Killer K“ niemals die Beachtung bekam, die er sich wünschte, besagt aber, dass er den Eltern ihr Kind zurückbringt als eine Art Botschaft. So möchte er den Familienmitgliedern zeigen, dass ihre Kinder immer im Stillen gelitten haben und er sich selbst als eine Art Gott sieht, der die jungen Mädchen lediglich zur Erlösung geleitet.  

In jedem Falle geht man immer von einer besonders tragischen Kindheit aus, aber rational überlegt klingt es plausibler, habe er eine ganz normale Zeit als Jugendlicher gehabt. Ständig geht man von einem traumatischen Erlebnis aus, so muss es zu diesem jedoch nie gekommen sein. Im Wirrwarr der Gedankengänge gibt es erst zwei gefallene Vorhänge. 1.Nimmt man beispielsweise an er habe ein ganz normales Leben geführt, so wäre das Motiv für seine Morde doch viel klarer. Er tötete die Mädchen alleinig aus dem Grunde, dass er sich in sie hineinversetzten konnte und mit ihnen mitgefühlt hat. Auch unter guten familialen Verhältnissen kann es immer zu inneren Problemen kommen und genau diese Probleme erkennt der Killer der Altstadt Honigen und versucht weitere Fälle von Problemkindern zu vermeiden, in dem er die Bevölkerung vor den Konsequenzen warnt.2.  wäre die Verbindung unter den Mädchen auch viel klarer, denn alle kamen sie aus verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, hatten diverse Familienverhältnisse und besaßen verschiede Talente, doch etwas blieb immer gleich, sie vielen nicht auf. Als hätte jemand in einer Wüste, den allerkleinsten und allerfeinsten Sandkorn entfernt, ob er fehlt oder nicht macht weder in der Masse dem Volumen noch im Gesamtbild einen beachtlichen Unterschied. 

- „Michelle, Michelle. Was ist den Heute mit dir los, du tagträumst ja noch viel intensiver als sonst.“ 

- „Kein Wunder, dass dich jeder die „Stalkerin“ nennt. Ooh Michelle Halias die Stalkerin der Stadt, sie kennt jeden von innen wie von außen auswendig, so wie ihre Vokabeln. „ 

*Gelächter* 

- „Jedes Mal, wenn du wieder in deiner eigenen Welt vertiefst, blickst du weit in die Menschenmengen hinein. Du hast schon etwas Grusliges an dir. 

Ich nickte zustimmend, höre aber nicht weiter zu, mir ist es relativ egal, welche Spitznamen und Titel ich von meinen Schulkameraden bekomme. Zu einem, leg ich nur Wert darauf, was meine Freunde, Lynda, Jess, Dino und Helene sagen. Zum anderen interessiert mich dieser Fall eben. Dadurch, dass ich die Menschen immer nur beobachte und mich im Hintergrund aufhalte, fallen mir Kleinigkeiten bei den Verhaltensweisen auf und für mich ist es klar, dass die Polizei etwas übersieht. 

 Selbstjustiz ist keine Lösung, im Dunkeln tappen jedoch auch nicht. Sobald, der Unterricht vorbei ist gehe ich einigen Theorien auf den Grund. 

 

 

*Es klingelt* 

*Dionaea* Das muss der Postbote sein. Hoffentlich krieg ich heute das richtige Paket, man denkt ja fast die hätten nix besseres zu tun, als den Leuten die Pakete der Nachbarn in die Hand zu drücken. Obwohl es bereits zum Alltag gehört besucht zu werden, ist es doch immer wieder ein Schrecken, wenn ich gezwungen bin jemanden ins Haus herein zu bitten und unnötige soziale Kontakte zu nähren. Jeder hier in der Nachbarschaft ist so unerträglich aufdringlich. Geschenkkorb hier, Champagner dort, grässlich. Kann man nicht einmal seine Ruhe haben. Schon als Kind wurde ich mit Aufmerksamkeit überschüttet und doch wurde es sich nicht für mich interessiert, sondern dafür wie großartig meine sozialen Kompetenzen und wie hervorragend meine schulischen Zertifikate, ach und meine perfekten Wangen erst. Die wollen doch alle bloß was Neues zum Tratschen haben. Ihre Schleimspuren ruinieren mir noch den Teppich. 

- „Guten Morgen, Miss Dionaea. Meine Mutter schickt mich, um ihnen Lasagne vorbei zu bringen, sie sagt sie seien immer so in ihren Arbeiten vertieft, dass sie vergessen zu essen. 

*Dionaea*Diese Rotzgöre, immer so ehrlich. Wahrscheinlich wird sie durch diesen Charakterzug eher gemieden, niemand mag es die nackte Wahrheit so präsentiert zu bekommen, das sagte man mir auch immer*. 

-Ach, das ist ja aufmerksam liebe Michelle. Vielen Dank, du kannst sie dort auf den Tisch stellen. 

*Diese Tusse, immer so künstlich. Wahrscheinlich ist sie deswegen ständig alleine. Die ist mir nicht geheuer. Solchen Menschen kann man nicht vertrauen*. 

-Meiner Meinung nach, übertreibt es meine Mutter mit dem guten Willen, müssten sie nicht so langsam auch einmal selber etwas auf die Reihe bekommen? 

-Deine Mutter scheint sich sehr um mich zu sorgen. Sag ihr doch bitte, dass dies nicht nötig ist, obwohl ich ihren Lasagnen sehr mag. 

*Sie antwortet nicht auf meine Frage. Zudem trägt sie noch ein dermaßen falsches Lächeln auf. Jeder Blinde könnte doch erkennen, dass sie was im Schilde führt*. 

-Nun ja, ich geh dann mal wieder, Tschüss. 

Ihre Einrichtung scheint Miss Dionaea übernommen zu haben. Drinnen ist alles so verstaubt, obwohl sie bereits seit einem Jahr in der Nachbarschaft wohnt, scheint sie noch immer nicht ganz angekommen zu sein.  Das einzige was sie scheint mitgenommen zu haben, sind ihre Pflanzen: Monatlich kommt eine neue dazu. Seltsame Frau. 

 

Kapitel 2: Beobachtung 

Schweißgebadet, völlig entladen, irre und verwirrt. Ein Traum, der genau so schnell zum Horror wird, wie er begonnen hat. Fragmente, denen tausende Teile fehlen, diese aneinander zu kleben, würde lediglich in Durcheinander resultieren. Angeblich nützlich um Überbleibsel, kleine Beobachtungen aus entfernten Augenwinkeln des Alltages zu verarbeiten und aus ihnen eine Geschichte mit rotem Faden zu kreieren. Das klappt nur selten. Wieder ein fragwürdiger Traum, welcher nichts mehr als einige Minuten Bedenken im Morgen beansprucht, um schließlich dann im Laufe des Tages vergessen zu werden, was dann die 7 Stunden Schlaf am Tag und somit die 2492 Stunden im Jahr in rund 150000 verschwendete Minuten verwandelt. Bloß ein Zeitungsausschnitt “Ein weiterer Fall des Killer K” ging mir nicht aus dem Kopf. Wo? Wo hatte ich diesen Zeitungsauschnitt aufgenommen. Die meisten Medien erhalten von ihr nicht die geringste Aufmerksamkeit, warum stellt dann gerade ein Zeitungsartikel, welcher bereits mehrere Wochen zurück liegt und wahrscheinlich Teil einer tratschenden, klatschenden Zeitschrift ,die hauptsächlich von Hausmännern und Frauen in ihrer “Midlife-Crisis” aufgenommen werden, als seien sie trockene Schwämme, eine solch große Rolle, in meinen sonst doch so trüben Träumen dar. 

-Michelle!! Geh die Tischdecke holen. Es ist schon fast 12. 

Abgelenkt rüttele ich mich selbst aus meiner Trance. Welcher Sinn steckt hinter Nachbarschaftstreffen? Soll nicht das wertvolle an Nachbarn sein, dass man sie fast kaum kennt. Warum soziale Kontakte mit ihnen knüpfen, wenn man sonntags in Ruh gelassen werden will, anstatt unnötig über die Hecke belästigt zu werden und Auskunft über das Uni Leben der ältesten Tochter geben zu müssen? Nun muss ich den Tisch decken, so dass wir genau diese kuriosen Persönlichkeiten, auf freiwilliger Basis beim Mittagessen mit persönlichen Informationen füttern können, während die Mehrzahl der Väter und Söhne stereotypisch am Smoker hängen und über nichts anderes als Sport und Grillartikel reden können. Kein angenehmer Zeitvertreib für jemanden, der sich eigentlich noch auf eine Englisch Prüfung vorbereiten sollte, es ohnehin nicht getan hätte, aber trotzdem ein schlechtes Gewissen hat, da er es nun, auch wenn er wollte, nicht machen könnte. Die knarzenden, staubfreigebenden Treppen, welche mir meinen Weg zum Dachboden bahnen, scheinen nur beifällig meine Aufmerksamkeit zu beanspruchen, denn dieser Zeitungsartikel geht mir weiterhin nicht aus dem Kopf. Wo nur ist mir dieser erschienen? Nach weiteren Sekunden, in denen ich, ohne es erst gemerkt zu haben auf eine kahle Wand, welche Teil der letzten Etage des Steinhauses ist, gestarrt habe, such ich mir die seltsamste Tischdecke aus, die auf dem chaotischen Berg aus Textilwaren zu finden ist. Gelb, eine typische Warnfarbe bei Tieren, wiederzufinden bei beispielsweise Wespen, sollte abschreckend genug wirken. Noch ein schneller Blick aus dem Dachfenster sollte genügen, um diese scheinbare Vision aus meinem Traum verschwinden zu lassen, dann kann ich den Pflichten nachgehen. Die Sicht aus dem Fenster wirkt immer beruhigend aufs Gemüt. Widmet man sich den Wolken, scheinen irdische Gedanken so fern und vergessen, dass es fast schon beunruhigend ist. Sinkt der Blick wieder in Richtung Boden, kommt man dem Eigentlichen wieder näher und auch die penetrante rote Farbe von Frau Dionaeas Hütte macht da Ganze nicht angenehmer.  

Doch augenblicklich raubt ein Detail meine Aufmerksamkeit. Die Gestalt der schrillen, angeblichen Wissenschaftlerin ist klar und deutlich durch ihr Fenster beobachtbar. Eine Besonderheit. Sonst versperren die Fensterläden jegliche Möglichkeit sie beobachten zu können, was erstaunlich ist, wenn man betrachtet welche Anzahl an sonnenlicht-benötigenden Zimmerpflanzen ihr Dekor ausmachen. Doch darin besteht noch nicht einmal das Seltsamste. Es scheint als schlug sie mit der flachen Hand mehrfach auf die Wand ein, das Ohr fest an das Holz gepresst. Eine fremde, perverse Art und Weise seine Zeit zu verbringen. Was soll das nützen, die Wand abklatschen? 

-Michelle, beeil dich. Die Sphagnums sind schon hier! 

Ehe ich weiter das neu entdeckte Phänomen betrachten kann, muss ich mich schließlich mit dem Nebensächlichem auseinandersetzten. In der Küche angekommen, in der gerade der süße, doch saure Geruch der berüchtigten Zitronencreme meiner Mutter den Raum erfüllt, setze ich das gelbe Kunststofffasertuch ab und frage: 

-Bloß am Rande, kommt Frau Dionea auch rüber? 

-Zu meiner Überraschung, ja. Ist das nicht großartig, jetzt kommt die arme Frau endlich mal aus dem Hause, also ich sag ja immer, wenn man... 

 Wie bitte! Während das Gerede meiner Mutter im Hintergrund kaum hörbar weiter geht, konzentriere ich mich auf die Frage, warum sich Frau Dionea zu uns gesellt. Ich hatte mir klar das Gegenteil ausgemalt. Es war eine dieser Fragen, die man stellt, obwohl man ohnehin schon bescheid weiß, sich aber trotzdem aus irgendeinem Grund erkundigt. Ohne weiter zu zögern renne ich die Treppen hinauf, bis zum Dachboden, auf dem Weg nebenbei den Zeh an einer unebenen Treppe stoßend, voller Erwartung, noch einmal ihre seltsames Verhalten gegenüber ihrer eigenen vier Wände beobachten zu können. Außer Atem, streckte ich den Kopf weit aus dem Fenster und, ich gebe zu es hätte diskreter sein können, dass es bereits zu spät ist. Die Fensterläden sind bereits, wie gewohnt, auf Neues zugezogen, so dass kein Blick hindurchsickern kann. 

 Wieder einmal, hallt die Stimme meiner Mutter durchs Haus, nach mir rufend. Diesmal handelt es sich um einen eher genervten Befehl, welcher eine solch deutliche Tonlage besitzt, die ausdrückt, dass ich gefälligst Inne machen soll. Wieder einmal, nach einem gehetzten Sprint die Treppen herunter, stehe ich nun in der Küche, mit burgunderroten Wangen, welche meine Erschöpfung klar anzeigen.  

 

Kapitel 3: Nebenwirkung 

-Wenn du weiter so antisozial bist, wird jeder hier denken ich hätte einen Maulwurf großgezogen. 

Die Aussage ergibt noch nicht einmal Sinn. Sternmulle zum Beispiel halten sich gelegentlich in kleinen Gruppen auf und weisen kein aggressives Verhalten gegenüber Artgenossen auf. Aber das sage ich nicht. Wenn es etwas gibt, was in meiner Familie nicht geduldet wird, dann ist es widersprechen und dabei noch besserwisserische Verbesserungen einzusetzen. Zwar sind das fast die einzigen Interaktionen und Einwände, mit denen ich zu Dialogen beitrage, ich kann aber verstehen warum es vielleicht besser wäre ab und an einfach ruhig zu sein und den Fluss weiterfließen zu lassen. Die Konsequenzen einer Auseinandersetzung mit meiner Mutter während Besuch da ist könnten fatal sein. Also beschließe ich zu sagen: 

-Ich weiß, ich geh jetzt sofort raus.  

Stolz auf mein diszipliniertes Überdenken trete ich also in den Hof unseres Hauses, in dem ich von grellem Sonnenlichte begrüßt werde während das schrille Gelächter meiner Schwester, welches viel mehr danach klingt, als ob eine Hexe von einem Truck überfahren würde, als es einem Ausdruckverhalten und einer Reflexbewegung ähnlich sieht, meinen Weg in ihren Freundeskreis bahnt. Aufdringlich setzte ich mich neben sie und unterbreche dabei ihr Geläster über das taubenblaue Hemdblusenkleid der Nachbarfrau. Zwar dränge ich mich für gewöhnlich nicht in mir recht unbekannten Gruppen ein, so habe ich doch eine Rolle zu erfüllen. Die, der aufdringlichen, egozentrischen  kleinen Schwester, die nach Aufmerksamkeit sucht, denn genau diese Rolle wird hier am meisten ignoriert, so dass ich mich gewiss dem Beobachten Fremder widmen kann, ohne dabei in irgendeiner Weise auf Gespräche eingehen zu müssen. Erst gibt mir meine Schwester einen genervten, dann aber einen verstehenden Blick und sie rückt etwas zur Seite, so dass ich einen besseren Beobachtungswinkel haben kann. Zwar bin ich nicht abergläubig, ich bin mir aber sicher, dass zwischen uns eine gewisse Telepathie möglich ist. 

Während sich die einen Fotobücher der letzten Afrikareisen anschauen und dabei semi-interessante Geschichten über exotische Käfer Gerichte miteinander teilen, präsentieren die Podagraria ihren Wildfruchtsalat. Bevor ich abdösen kann, um mich mental mit anderen Dingen zu befassen, wird meine Ruhe von einem sehr unauffälligen, fast nicht existenten Schluchzen unterbrochen. Erschrocken hebe ich meinen Kopf, der sich mittlerweile auf dem Akazienholtisch niedergelassen hatte und schaue mich um. Keiner scheint wie ich etwas gehört zu haben, es wird weiter geschwatzt. Bei der Lautstärke ist es aber auch nicht verwunderlich. Auch meine Schwester, deren Mimik ich jetzt mustere, scheint nichts bemerkt zu haben. Aber ich höre es wieder. Ich kann mich nicht irren, denn ein solches gepeinigtes Wimmern tritt nicht aus dem nichts als Hirngespinst auf. Ich richte mich auf, um nach der geheimnisvollen unbekannten “Stimme” zu suchen. Es führt mich zu den Mülltonnen hinter dem Gartengerätschuppen, welcher der einzig wirkliche Ort ist, wo man bei einer Veranstaltung wie dieser seine Ruhe haben könnte. Naja fast, angesichts, dass ich die jetzt stören werde, um meine Neugierde zu besänftigen. Ich begebe mich dabei möglichst unauffällig hinter dem Schuppen, damit ich nicht noch mehr Unbehagen provoziere und tatsächlich, hier, im schattigen Plätzchen neben der Holzwand und der immergrünen Nadelholzhecke, hockt eine zusammengekauerte junge Frau, der Mascara, gleich wie Schokoguss auf Kuchen, den Wangen runterströmt. Ich klopfe mir möglichst unauffällig selbst auf die Schulter. 

-Ich will ja nicht stören...aber...ist bei Ihnen alles ok? 

-… 

-Also ich kann sie auch alleine lassen, aber ich schick später dann noch wen her, denn ich glaube die andern machen sich schon Sorgen um sie. 

Notlüge. Ich weiß noch nicht einmal wer die Frau ist und es hat sich vorhin keiner gerührt, als ich sie jammern hörte. 

-Nein, sag es nicht. Lass mich hier verrotten und eins mit dem modrigen Boden werden, sodass ich als Nahrung der Würmer enden kann. 

-eehh...klar 

Die Antwort hätte ich jetzt nicht erwartet. Warum möchte sie unbedingt von Würmern gefressen werden? Manche haben aber auch Vorlieben.  

-Also... wie wäre es, wenn sie mir einfach mal erzählen was los ist, damit ich sicher gehen kann, dass alles gut ist. Dann ruf ich auch keinen. 

Jetzt ist es bereits so weit gekommen, dass ich eine trauernde Frau erpresse. Na toll. Gut gemacht. Ach, meine Antworten sind wirklich immer die Besten. 

-Nein. 

-Sicher? 

-Ach. Naja, wenn du es unbedingt wissen möchtest.  

Das Ganze war leichter als gedacht. Ich hocke mich also neben die Unbekannte, ignoriere dabei, dass eine kurze Hose und Tang-Top keine wirklich gute Kombination mit hohem Gras und Ameisenhaufen sind und höre zu. 

-Alles hat damit angefangen, dass ich als junges Mädchen in der Grundschule wunderbare Geschichten schrieb, in denen ich über Fantasie Welten und meinen derzeitigen Freund schrieb. 

Oh, wir starten ganz vorne. 

-Ich liebte es Geschichten zu schreiben. Einfach eine andere Welt erforschen, dabei im Tunnel versinken und sich auf nichts anderes zu konzentrieren. Du schreibst und merkst dabei nicht wie die Zeit vergeht. Mit jedem Ticken der Uhr kommt ein neues Wort. Dein Umfeld verschwimmt mit deiner eigenen Welt, kleinste Staubkörner werden zu riesigen Städten, in denen tausende Menschen leben. Kratzer auf der Bank werden Krater in einer Steinwüste und obszöne Kommentare auf der Rückseite des Stuhles werden zu Nachrichten von Aliens in Maisfeldern. Ach, ich schmücke wieder zu viel aus. Einige Jahre später dachte ich es wäre interessant meinen Lebensunterhalt aus einer mir bekannten Freizeitbeschäftigung zu schöpfen. Ich könnte mein Geld mit dem verdienen das mir Spaß macht, aber so einfach ist das nicht. Meine Arbeiten waren gut, gar großartig. Ich gewann einige Literaturpreise in meiner Jugend, also nahm mich sofort ein Verlag auf. Ich musste tragischer Weise sehr schnell feststellen, dass man das was einem Spaß macht nicht forcieren sollte. Die Firma übte immer mehr Druck aus und mein Editor beschwerte sich immer über die mir wichtigsten Handlungsstränge. Es wurde mir alles zu viel, so dass es in einem sehr schweren Writers Block endete. Das war vor einigen Monaten. Ich fiel in ein Loch, aus dem ich nicht einmal mehr herauskriechen konnte und verlor sehr, sehr, sehr, viel Geld. Tja und nun sitzt ich hier hinter einem Schuppen, in meiner neuen, winzigen Nachbarschaft, in der es noch nicht einmal ein anständiges Restaurant gibt. Nichts für ungut, aber ich bin ein Großstadtkind, lebte für einige Jahre in New York und jetzt hier zu sitzen ist nicht gerade überwältigend. 

Wow. Einen Roman hätte ich jetzt nicht erwartet. Was soll denn drauf geantwortet werden? Soll ich einfach gehen? Nein, das wäre auch seltsam. Ich komme also mit dem einzig richtigen Kommentar entgegen, der mir jetzt einfällt.  

-Nun ja, ich bin jetzt wirklich kein Experte und kenn mich nur minimal mit der Arbeitswelt aus, wenn man betrachtet, dass meine einzige Erfahrung mit ihr auf einer Sandwichbar basiert, aber hier zu sein ist doch gar nicht so schlimm. Ich meine, wenn sie einen dieser “Writers Blocks” haben, der sie davon hindert weiter mit dem zu machen, was ihnen Spaß und vor allem Geld bringt, dann könnten sie ein neues Umfeld doch im Grunde ausnutzen. Manchmal sind wir selbst unsere Bürde, die Bürde wird dann so hoch, dass sie zur Mauer wird, die keiner übersteigen kann. Die Mauer formt dann eine Festung, die nicht bezwungen werden kann und eigentlich spielt sich alles nur in unserem Kopf ab. Wenn man dann mal woanders ist und etwas Neues, Unbekanntes sieht, dann kommt man selber auch auf andere Gedanken. 

Ihr verdutzter Blick sagt klar, was sie von meiner seltsamen Antwort hält. Woher kommt das?  Auch ich bemerke erst Mals, was ich gerade zu einer Fremden gesagt habe und wie kurios das Ganze gerade wirken muss. Sonst behalt ich doch alles für mich, was ist in mich gefahren? Erstaunlicher Weise folgt nach dem verzogenen Blick ein Weiterer. Sie senkt den Kopf und lächelt sanft den Boden an, fast als wollte sie es verstecken. 

-Haha. Eeh.. Wie wäre es, wenn wir jetzt zurück zu den Anderen gehen, denn obwohl es schwer ist zuzugeben, wir sind jetzt ihre neuen Nachbarn und Manchmal hilft es Außenstehenden was zu erzählen. Das ist wie zum Therapeuten gehen, bloß günstiger. 

Das nervöse Lachen und Am-Kopf-Kratzen scheint gewirkt zu haben, denn einen Moment später hebt sie sich und behält ihren sanften Blick ganz offen, welcher sich mit den geschwollenen, roten Augen streitet.  

Nachdem wir hinter dem Schuppen hervortreten, ziehen wir alle Augen auf uns. Ich kann mir denken, dass es ungebräuchlich aussieht, wenn eine Frau, welche sichtlich geweint hat zusammen mit einem Teenager hinter einem Gartenhaus hervortritt. Wir setzen uns allesignorierend auf eine Bank bevor Scharen von Müttern und Tanten uns umgeben. Die Frau, mit der ich vor einigen Minuten spontan philosophiert habe und deren Namen ich noch nicht einmal kenne, öffnet sich nun, ohne zu zögern und erzählt, was ihr auf dem Herzen liegt. Ab dem Teil mit den Kratern und Aliens, hebe ich mich ausgeglichen und mach mich auf den Weg zu meinem Vater, um mein Aufeinandertreffen verarbeiten zu können, aber auch um zu überprüfen ob meine Ananas-Karotten-Spieße nicht bereits verkohlt sind. Doch dann, als ich mich umdrehe sehe ich, dass er gerade mit einer Frau spricht, deren Silhouette sehr bekannt ist. Ich gehe direkt auf die beiden zu, um besser erkennen zu können wer seine Gesprächspartnerin ist. Die Frau dreht sich zu mir, setzt ein ermüdetes, falsches Lächeln auf, welches dem der abgemagerten Barbiepuppen ähnelt, die in vielen Haushalten auf dem Dachboden altern und mir bleibt der Atem in der Luftröhre hängen. 

-Oh Hallo liebe Michelle. Schön dich wiederzusehen. Danke noch mal für die Lasagne gestern. 

 




ageschéckt den: 12:22 Sun, 28 June 2020 vum: Lagodny Elena

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