Prix Laurence - Bettembourg Prix Laurence 2019 - Luxembourg
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Prix Laurence 2019

Roth Kiara - In Wahrheit bist doch Du nur ich





Ich versuche, an meinem falschen Lächeln nicht zu zerbrechen, während ich die Treppen inmitten der anonymen Massen herunterstolpere. Alle hechten der Monotonie ihres Alltags hinterher, die auch mich ummantelt wie eine unsichtbare Rüstung. Sie schottet mich ab von den Fragen, die ich mir nicht zu stellen wage, und den Antworten, die ich nicht zu hören ertrage. Es fühlt sich gut an, in dieser leeren Hülle fühle ich mich geborgen. Es fühlt sich gut an, aber falsch, doch das ist einfach zu verdrängen. Ich habe Übung darin.

Meine Gedanken rattern wie der einfahrende Zug. Zusammen mit den anderen Gesichtslosen steige ich ein, setze mich in ein Viererabteil, Dir gegenüber. Ich nehme Dich erst richtig wahr, als die Bahn sich in Bewegung setzt und zusammen mit meinen Gedanken davonrattert. Die Landschaft zerfließt in Grautönen. Nebelbrühe wabert zwischen farblosen Vorgärten und dichten Wäldern. Vierzehn Minuten benötigt die Bahn für die Strecke, die ich längst auswendig kenne, vierzehn Minuten, die mich jeden Tag neu mehr mit mir selbst konfrontieren, als mir lieb ist. Tick. Tack. In meinem Kopf dreht ein unsichtbarer Sekundenzeiger seine Runden.

Du siehst mich an. Ich weiche dem Blickkontakt aus, weil man das so macht. Es schützt. Ich wahre so viel Abstand zur Außenwelt wie möglich, um mir bloß nichts einzufangen, um mich bloß nicht verwundbar zu machen. Doch Du starrst weiter, ignorierst die ungeschriebenen Regeln dieser Gesellschaft. Erst verachte ich Dich dafür, dass Du mich in der Schusslinie deines Blicks gefangen hältst, dann bewundere ich Dich. Wie machst Du das? Was wäre, wenn ich es auch wage? Weg vom Dröhnen meines Hirns und hinein in die grellen Lichter der Realität. Es ist kein einfacher Weg, die Lichter blenden, aber nach einer kurzen Suche finde ich ihn. Richte den Blick auf Dich. Zucke weg. Neuer Versuch. Diesmal bleibe ich.

Zwölf Minuten noch. Tick. Tack.

Wer bist Du? Du trägst High Heels, eine weiße Bluse, ein selbstsicheres Lächeln und Deinen Aktenkoffer wie eine Trophäe. Ich hingegen versinke in meinem viel zu großen Wollpulli, meinen kniehohen Boots und meiner Bedeutungslosigkeit. Unterschiedlicher könnten wir nicht sein. Schnell schaue ich wieder zum Fenster hinaus, sehe das Gleiche wie vorhin. Oder? Die Brühe lichtet sich allmählich, schwache Sonnenstrahlen tunken die Gärten und Bäume in blasse Farben.

Zehn Minuten. Tick. Tack. So lange noch.

Ich riskiere einen zweiten Blick und auch in Dir sehe ich mehr. Ich erkenne Teilnahmslosigkeit, Melancholie und minzgrüne Ohrringe. Meine Lieblingsfarbe. Die Art, wie Du die Beine übereinanderschlägst – wie ich. Die Schultern angespannt, die Augen müde und der Blick schwer – wie mein Spiegelbild heute Morgen. Ähnlicher könnten wir nicht sein. Fremde sind wir, anders, und doch sehe ich in Dir einen Funken von mir.

Die Andeutung eines Lächelns flackert über Dein Gesicht, aber so sehr Du es auch versuchst, es erreicht Deine Augen nicht. Dennoch probierst du es weiter. Ausdauervermögen, auch das habe ich mir abtrainiert, als ich erkannt habe, dass es sich nicht lohnt. Glück und Pech interessieren sich nicht dafür, wie viel Mühe wir uns geben. Oder hast Du andere Erfahrungen gemacht?

Ohrenbetäubende Stille fällt über uns, während wir uns einfach nur anstarren und den anderen mit unseren Blicken abtasten, auf der Suche nach Ähnlichkeiten oder Gegensätzen, nach einer Definition von uns selbst in Abgrenzung zum anderen. Findest Du mich? Siehst Du mich? Oder siehst Du nur die Rolle, in die ich jeden Morgen schlüpfe für Menschen wie Dich, die Schönheit mit Makellosigkeit verwechseln?

Du musst nicht so sein, will ich Dir sagen, es ist okay. Doch ich bleibe stumm, denn es stimmt nicht. Haarfarbe, Hautfarbe, Herkunft, Persönlichkeit, Krankheit, Liebe. Wir kategorisieren. Wir urteilen. Wir stigmatisieren. Sei du selbst, aber bitte nicht so. Das Mantra der Frauenzeitschriften und Ratgeber, verankert in der Scheinheiligkeit unserer Gesellschaft. Wir kennen es beide, das weiß ich; diese Balance auf dem schmalen Grat der Akzeptanz. Eine falsche Bewegung und wir rutschen hinab zu den Ausgegrenzten, zu den Gestempelten, die wir belächeln, um uns überlegen zu fühlen. Das will niemand, also verstecken wir uns, unsere Narben und unsere Andersartigkeit hinter jeglicher Künstlichkeit, die wir aufkratzen können.

Noch sieben Minuten. Tick. Tack.

In Wahrheit sind wir doch alle gleich. Gleich gut und gleich schlecht. Gleich verletzlich und gleich wehrhaft. Wünsche. Träume. Anders und gleich. Wozu das Versteckspiel? Ich bin es genauso leid wie Du, und doch passe ich mich an, spiele mit, tauche lieber unter in meiner vertrauten Unscheinbarkeit, als etwas zu ändern.

Oder tue ich Dir Unrecht? Vielleicht ist das Dein wahrstes Selbst, das vor mir sitzt, vielleicht urteile gerade ich zu vorschnell. Wie sollen wir unterscheiden zwischen unserer Verkleidung und unserem Selbst, wenn die Grenzen so verwischen? Wenn wir von klein auf lernen uns zu verstellen, um zu gefallen, und dabei nicht mehr wissen, ob es die anderen sind oder wir selbst, denen dieses Bemühen gilt. Gefällst Du Dir?

Die Reise geht weiter. Der Zug überholt meine Gedanken. Draußen wird es bunter: Türkis, orange, lila. Die Farben kriechen über die Fassaden der Häuser, aber sie sind hässlich. Die Sonne zu hell, die Farben zu aufdringlich. Ungewohnt. Sie jagen mich zurück in meine Komfortzone, heraus aus der entblößenden Berührung unserer Blicke. Ich schließe die Augen, doch ich spüre Deine Gegenwart noch stärker als vorher.

Je länger Du mich anstarrst, desto mehr bröckelt meine Rüstung. Gibt es ihn etwa doch, den Sinn, den ich bisher nur nicht gefunden habe? Was ist Dein Geheimnis? Verrate es mir. Oder lieber nicht, vermutlich kann ich mit dem Wissen nicht umgehen. Was ich vorhin als Teilnahmslosigkeit gedeutet habe, könnte ebenso gut ein Ausdruck Deiner Eigenständigkeit sein, Deiner Unabhängigkeit von der Welt. Ich habe es nie für möglich gehalten, dass es Menschen gibt, die dem Druck des gesellschaftlichen Korsetts, das uns den Atem abschnürt, wirklich standhalten. Die wenigen, die so wirken, als schafften sie es, habe ich lediglich als gute Schauspieler abgetan. Vielleicht habe ich zu kurz gedacht. Was für eine beängstigende Vorstellung, dass das Unmögliche doch möglich sein könnte.

Drei Minuten. Nur noch drei Minuten? Tick. Tack. Die Zeit läuft und rennt und überschlägt sich.Du öffnest den Mund. Kurz erwarte ich, dass Du Dein Schweigen brichst, aber die Stille zwischen uns bleibt. Sie ist gar nicht so unangenehm, wie das Schweigen zwischen fremden Menschen sein sollte. Die Erkenntnis irritiert mich, dabei ist die Erklärung dafür denkbar einfach: Wir sind gar nicht so still, wie es sich anhört, schließlich kommunizieren wir die ganze Zeit miteinander. Oder spielt sich das alles in meinem Kopf ab? Es fühlt sich anders an als die inneren Monologe, mit denen mich meine Synapsen sonst überfluten. Irgendwie besser und weniger einsam. Beruhigend.

Und dann schaffst Du es. Dein Lächeln schwankt. Kurz befürchte ich, dass es Dir entgleitet, aber Du fängst es rechtzeitig wieder auf und schließt es in Deinen Augen ein. Freude sprüht. Du freust Dich, wirklich, auf so ein Leben? Aus Furcht, mich an den Freudenfunken zu verbrennen, presse ich mich tiefer in den Sitz. Nicht einmal mein eingeübtes Lächeln schafft es nach draußen.

Tick. Tack.

Das Rattern des Zugs wird leiser, der Wagen bremst ab. Die Wolkenkratzer der Großstadt verdrängen die Pseudoidylle der Vororte und spülen den optimalen Grauanteil zurück ins Fensterbild. Ich atme auf, spüre, wie meine Stirn sich glättet. Nur noch weniger als eine Minute. Nächste Station: Beschäftigungstherapie für meinen Verstand.

Als der Zug hält, stehen wir gleichzeitig auf. Kurz vor dem Ausstieg streifen sich unsere Oberteile. Einen Herzschlag lang stehen meine Gedanken still, zum ersten Mal an diesem Tag. Ein letzter Blick, ehe sich die Türen öffnen und uns in die Absurdität unseres unterschiedlichen gleichen Lebens entlassen. Ich sehe Dich und sehe mich und denke, eigentlich bist Du doch ich und wir sind wir. Oder nicht?

 




ageschéckt den: 13:57 Mon, 25 February 2019 vum: Roth Kiara

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