Prix Laurence - Bettembourg Prix Laurence 2018 - Luxembourg
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Prix Laurence 2018

Dams Yana - Geruch von Blut und Kaffee






"Als Erstes ist da der Geruch von Blut und Kaffee. Wieso Kaffee? Ich bin doch gerade erst aufgestanden, wie kann dann bereits dieser Geruch das Zimmer erfüllen. Ich liebe den Geruch von Kaffee. Er wärmt auf und löst eine Art tiefste Entspannung in mir aus, so, als würde ich jede einzelne Duftwolke von ihm in mich aufsaugen. Nur diesmal nicht.  Diesmal verwirrt mich sein Geruch, der Duft ist anders als gewohnt, irgendwie schwerer.

Aber dann ist da noch dieses andere Aroma. Es riecht leicht süß, angenehm, nach mehr. Plötzlich gerät eine Welle von Gefühlen in mir Bewegung. Als sei ich süchtig, süchtig nach Blut, nach Macht. Ich bilde mir eine Mörderlust ein, wie ich meine Opfer foltere, quäle und ihnen all das antue, was sie mir auch angetan haben. Nur auf eine etwas andere Art. Wenn sie nach Hilfe schreien, dieses Betteln, Wimmern, Verzweifeln. Während ich mir das alles in meinen Gedanken bildlich vorstelle, bekomme ich vor Gier Gänsehaut.

Ich beschließe, aufzustehen. Langsam schiebe ich die Decke zur Seite, setze mich aufs Sofa und schaue mich um. Alles sieht ordentlich und aufgeräumt auf. So ungewohnt ordentlich. Anders, als es normalerweise ist, obwohl es normalerweise ja auch ordentlich ist. Verwirrung. Ich komme mit meinen Gedanken nicht mehr klar.  Vom Sofa aus werfe ich einen Blick in die nebenliegende Küche. Auch sie ist sauber, ordentlich aufgeräumt. Nur der Kaffee, der in der Kanne auf dem Herd vor sich hin köchelt. Ich stehe auf und gehe Richtung Kanne, als ich am Bad vorbeilaufe. Die Tür steht offen und ich blicke nur flüchtig hinein, geradewegs in den Spiegel, als mir plötzlich die Kinnlade runterklappt. Ich bleibe wie angewurzelt stehen, den Blick auf mein blutverschmiertes Hemd gerichtet. Von da auch dieser Geruch. Aber wieso ist er so angenehm? Was ist passiert letzte Nacht? Ich kann mich an gar nichts mehr erinnern. Ob ich getrunken habe? Ich bezweifle es, denn ich trinke nie. Aber was dann? Dann blicke ich mir geradewegs ins Gesicht. Kratzspuren! Wie kann das möglich sein? Haustiere besitze ich ja auch keine, also muss noch jemand hier gewesen sein. Selbst kann ich mir kaum diese Spuren im Gesicht verpasst haben.

Auf einmal steigt Panik in mir auf. Wieso ist mein graues Hemd auf einmal mehr rot als grau? Woher kommen diese Kratzspuren? Das ergibt alles keinen Sinn. Ich renne zur Haustür. Abgeschlossen! Man kann die Tür aber nur von innen schließen. Wie ist das alles möglich? Der Kaffee pfeift in der Küche. Ob sie hier ist? Oder er? Oder beide? Das kann nicht sein, sie können mir das nicht weiter antun. Ich muss endlich damit abschließen.

Die Erinnerungen steigen wieder in mir auf. Nur teilweise. Verschwommene Bilder von Blut, Spiegelbilder und zerbrochene Fotorahmen tauchen vor meinen Augen auf. Ein weiterer Gegenstand, undeutlich zu erkennen. Ein Messer? Zumindest etwas Scharfes. Das Klirren einer auf dem Boden aufprallenden Tasse erklingt in meinem Kopf. Langsam fällt mir jedes einzelne Bild wieder ein. Es war ein schrecklicher Abend gewesen. Einer, der mich tiefer sinken ließ denn je.  Ich gehe in die Küche, setze mich auf den Stuhl und lasse mir nochmal den gestrigen Abend durch den Kopf gehen.

Ich befand mich allein zu Hause, in meiner eigenen Wohnung. Ich wollte immer schon selbstständig werden. Doch dann dachte ich an sie. An sie und ihn. Mir fielen so viele wunderschöne Erinnerungen zu ihren Gesichtern ein. Wir waren ein Team, ein unzertrennliches Bündel. Doch das war alles nur Vorstellung gewesen. Sie schlugen auf meine Seele ein, spielten damit, zwang sie in die Knie, töteten sie. Nein. Töten ist falsch. Eher zu Tode gezwungen. Als hätte meine Seele keine Wahl gehabt.  Ich habe alles für die beiden getan, doch immer wieder habe ich hören müssen, wie undankbar und respektlos ich sei, dass ich endlich erwachsen werden sollte. Doch ihre Vorwürfe ergaben keinen Sinn. Plötzlich hieß es, ich sei zu erwachsen, mein Humor habe sich total verändert. Jede einzelne Veränderung in mir wurde unterdrückt, ich ließ mich anpassen, zurechtschneiden, sodass es jedem passte. Gestern Abend kam es dann in mir hoch. Diese jahrelange Unterdrückung von Emotionen, Veränderungen, Trauer- und Wutausbrüchen. Vorwürfe machte ich mir, während ich mir durch die Wohnung die Seele aus dem Leib schrie. Die Seele, die zu wenig Kraft zum Leben enthielt. Diese Seele, die erlöst werden wollte. Dessen Erlösung ich versuchte. Dessen Erlösung nicht klappte.

Ich lief in die Küche, nahm die Tasse mit ihrem Foto drauf. Meine beiden besten Freunde. Ich warf sie gegen die Theke, auf der Fotorahmen standen. Diese fielen mit der Tasse zu Boden, zerbrachen. Scherben jeglicher Größe lagen auf dem Boden. Ich fiel auf die Knie mitten hinein. Die Schnittwunden an meinen Knien interessierten mich nicht, sie waren mir egal. Vielleicht wollte ich sie auch nicht sehen. Ich heulte. Tränen rannen mir übers Gesicht. Ich suchte die schärfste Scherbe heraus, schnitt mir in den Arm. Immer und immer wieder, den gleichen Prozess. Links ansetzen, rechts aufhören. Bis meine Hand sich mir entzog. Sie führte sich selbst, ich hatte die Kontrolle verloren. Sie lief nicht von links nach rechts, sondern schlagartig vom Unterarm hoch zur Hand. Mein Arm brannte, aber ich genoss den Schmerz. Er war so angenehm, als helfe er mir, meine Seele zu entlasten. Ich gewann erneut die Überhand, hörte mit dem Schneiden auf und brach zusammen. Ich kippte nach vorne, in die Scherben.

Kurz darauf wachte ich wieder auf. Der Versuch war missglückt. Ich schaute auf meinen linken Arm. Das Blut war bereits am Trocknen, die Wunden waren verdreckt. Doch die größte Schnittwunde blutete immer noch. Ich spielte damit rum, sie sollte nicht aufhören zu bluten. Es war solch ein angenehmer Schmerz, er war so erlösend, und diese Farbe wärmte mich von innen. Ich fragte mich, wieso ich mir das antue. Wegen ihnen? Für sie? Sie würden dies doch eh nie erfahren. Ich schöpfte neuen Mut. Ich ärgerte mich über mich selbst, stand auf und blickte auf den blutverschmierten Boden. Ich griff mir Besen und Schaufel, räumte die Scherben weg und putzte den Küchenboden. Die Uhr zeigte 13 Minuten nach 3 Uhr morgens. Kurz darauf war alles wieder sauber. Aber ich hatte das Gefühl, etwas würde fehlen. Sie wollten mich doch heute besuchen. So gegen 8 Uhr. Ich musste Kaffee kochen. In totaler Verwirrung nahm Ich eine Kanne heraus, schüttete Kaffee hinein und bevor ich die Kanne auf den Herd und diesen auf klein aufstellte, lief ich mir wie eine Ewigkeit erscheinend in der Küche herum. Ich kreiste immer und immer wieder um den Esstisch, mit der Kanne in der Hand, bis ich schließlich zurück zum Herd schwankte und diese aufsetzte. Mein Arm brannte, die Wundern entzündeten sich. Der Schmerz wurde unangenehm. Ich wusch mir das Blut vom Arm, in der Hoffnung, der Schmerz würde mit abgewaschen werden. Aber ich täuschte mich. Eine Wandlung fand in mir statt. Ich rang mit meinen schlechten Gedanken, doch je länger ich kämpfte, desto schwächer wurde ich und desto stärker wurden sie. Ich schmiss mir die Hände vors Gesicht. Dieser Kampf würde endlos sein. Leib gegen Seele. Ein Kampf um Leben und Tod. Die Seele schien zu gewinnen, die zerstörerischen Gedanken kamen wieder hoch. Doch sie blieben nicht. Sie verschwanden immer wieder, doch ganz weg waren sie nie. Dann reichte es mir. Ich hatte es satt zu leiden. Immer wieder so tief zu fallen, dass es mich das Leben kosten könnte. Dann verschwimmen die Bilder wieder und das Letzte, was ich erkenne, ist, dass ich mir nochmal eine Scherbe aus dem Mülleimer angelte und mir noch etwas in den Arm ritzte, bevor ich mich aufs Sofa legte und einschlief. ‘‘

‘‘Zeigst du’s mir bitte? ‘‘

Ich ziehe mein Ärmel hoch, zeige ihm die Wörter, die ich noch mit Leidenschaft erschaffen hatte.

Er liest sie und sagt unerwartet: ‘‘Jey, ich bin stolz auf dich. ‘‘

Ich stehe auf, nicke ihm zu und verlasse seine Praxis.

Zuhause öffne ich meine Mails. Doktor Asch schreibt: ‘‘ Sie werden wiederkommen, das weißt du. Aber wenn sie da sind bin ich es auch. Ich unterstütze den Leib, nicht die Seele. Wirf dann einen Blick auf deinen Unterarm, auch das wird dir helfen. ‘‘

Ich schmunzele. Ich ziehe mein Ärmel hoch und lächele, bevor ich auf einmal vor Freude laut loslache. Auch wenn die Wunde niemals verheilen wird, mein Spruch wird immer zu sehen sein.

Dies behalte ich im Hinterkopf, werfe einen letzten Blick darauf, bevor ich den Arm wieder mit dem Pullover verdecke. Ich werde kämpfen, jedes Mal, wenn es nötig ist. Das schwöre ich mir.

Doch die Worte gehen mir nicht aus dem Kopf:

Man kann zwar nicht ewig die Luft anhalten. Aber doch ziemlich lange.

 




ageschéckt den: 21:42 Mon, 19 February 2018 vum: Dams Yana

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