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Prix Laurence 2017

Mahr Anouk - Eispfützen





Es war ein neuer Morgen.

Goldene Sonnenstrahlen tanzten lachend im Geäst der Bäume und kuschelten sich an die dünnen Zweige. Man hörte die Vögel zwitschern.

Die Welt sah so aus, als sei sie nach einer langen, kalten Nacht dabei, aufzuwachen.

Aufzutauen.

Wir gingen zum Park.

Ich konnte alle Abstufungen der Zeit, des ewigen Kreislaufs des Lebens, in diesem Tag sehen. Sie offenbarten sich mir in den leicht gefrorenen Pfützen, die den Weg säumten. Dabei schienen sie wie der abklingende Protest des Winters, der nach seiner langen Herrschzeit müde geworden war.

Ich sah darin nichts Weiteres als eine Möglichkeit, mich zu vergnügen. Ausgelassen liefen wir Hand in Hand von Pfütze zu Pfütze und traten darauf, begeistert über das leise, knirschende Brechen der dünnen Eisschicht. Wir dachten an gar nichts.

Dort hinten, unter den Bäumen, konnte ich sie sehen. Für mich waren sie die Könige. Sie waren von einer Wichtigkeit, die ich mir nicht gänzlich ausmalen konnte, die über alle meine Fähigkeiten, sie zu erfassen, hinausging.

Und ich sah sie.

Ich sah das warme Licht, das sich schmeichelnd um sie legte und ihnen ein fast überirdisches Aussehen verlieh.

Ich sah das Funkeln und Strahlen der Natur um sie herum.

Ich sah die Lachfältchen um ihre Augen, obwohl ich sie gar nicht sehen konnte.

Ich konnte nicht genug sehen.

„Träumst du immer noch davon?“, fragte sie neben mir und lachte.

Ich wandte ihr den Kopf zu. „Hm“, sagte ich. Dann ließ ich meinen Blick über die erwachende Natur um uns herum wandern. Wenn man den Horizont nicht sehen kann, heißt das dann auch, dass keiner da ist? Schließlich sagte ich, ohne sie anzusehen: „Da muss doch noch mehr sein.“

Sie lachte. „Noch mehr als was?“, fragte sie. „Was jetzt da ist? Ich glaube nämlich, es ist alles schon da. Du kannst nur nicht alles sehen.“ Sie blinzelte mich vergnügt an und legte dann den Kopf in den Nacken. „Ein schöner Tag, um philosophische Diskussionen zu führen, oder?“

Ich starrte ihr Lachen an, ihr Lächeln. Ein naiver Schimmer lag in ihren Augen.

Er machte mich wütend, reizte mich.

Sie schien so unwissend zu sein, so klein im Universum, eine Trivialität meines Lebens. Es schien sie zu umgeben wie ein grauer, ungreifbarer Nebel, der zu einer festen, uns voneinander trennenden Substanz wurde.

Meine Freude war schlagartig verflogen. Und ich wollte umso dringender zu den Leuten unter den Bäumen gehören. Ich wollte weg von ihr.

Warum wurde mir jetzt erst klar, wie wenig sie mich kannte und verstand?

Sie hatte von dem Krieg in meinem Inneren nichts mitbekommen und strahlte mich nichtsahnend an. „Oh! Ich habe eine Idee!“, rief sie. „Lass uns nachher zum Wäldchen gehen.“

Das Wäldchen. Sofort hörte ich das Gluckern des kleinen Bächleins, das hindurchfloss, und roch den frischen, würzigen Duft der Tannenbäume. Wie viele Stunden hatten wir schon gemeinsam an diesem kleinen Fleck Natur verbracht und einfach nur geredet! Er lag auf einem etwas längeren, versteckten Umweg vom Park zu mir nach Hause.

„Vielleicht ist der Bach auch gefroren“, fuhr sie fort. „Und weißt du, diese Stelle, an der er so ein bisschen flach wird, wo so viele Pfützen sind … was wäre das ein Spaß, sie zu zertreten!“

Ihr Blick wurde intensiver, zu intensiv, ich wand mich darunter. Plötzlich kamen mir die Stunden von damals viel länger vor.

Ich öffnete den Mund, eine schroffe Abweisung auf den Lippen. Doch das Flehen, das in ihren Augen versteckt lag, brachte meine unausgesprochenen Worte zum Schmelzen.

„Natürlich.“

Einem Impuls folgend, sprang ich auf. „Ähm“, stammelte ich, „ich bin gleich wieder da. Gehe zum anderen Ende des Parks, du weißt schon, da, wo dieser Automat steht.“

Sie bat mich, ihr eine Süßigkeit mitzunehmen, und ließ mich dann gehen.

Ich rannte aus ihrer Sichtweite, lief ziellos auf den Automaten zu. Verschränkte die Arme. Was sollte ich jetzt tun?

Da passierte es.

Wie zufällig drehte ich mich um, auf der Suche nach einem Halt in dem Bild vor meinen Augen, einem mentalen Griff, an dem ich mich festhalten konnte.

Und da stand er. Einer von ihnen. Seine blauen Augen funkelten. Plötzlich war alles bunter um mich herum.

Er lächelte. „Du auch hier?“

Atemlos nickte ich. Beobachtete, wie er einen Schritt an mir vorbei nach vorne machte, Münzen in den Automaten warf.

„Willst … ähm … bist“, stotterte ich. „Bist du auch hier wegen des Auto … wegen des Automaten, meine ich?“

Er grinste sein lässiges Grinsen und fischte eine kleine Packung Gummibärchen aus dem Schacht.

„Und du?“, fragte er. „Bist du auch hier wegen des Parks?“

Ich errötete. Das Herz pochte in meiner Brust, ich nahm zitternd Luft, Adrenalin strömte durch mich hindurch.

Kein grauer, ungreifbarer Nebel. Nein. Ich fühlte.

„Ähm …“, quetschte ich hervor, „ein … ein schöner Tag, um philosophische Diskussionen zu führen, oder?“

Er lachte daraufhin. Dann nahm er mich mit zu den Königen.

Ich saß in ihrer Runde, errötete, erblasste, errötete, und fühlte mich ganz und gar lebendig. In meinem Inneren erblühten tausend Blumen, der Winter war endgültig erfroren, das Eis in meiner Seele geschmolzen. Ich spürte, wie mich die goldenen Sonnenstrahlen liebkosten und mit ihren warmen Fingern durch meine Haare fuhren.

Sie sprachen mit mir.

Sie sprachen mit mir.

Ich war gerade dabei, hysterisch über den Witz des einen zu lachen – seine blauen Augen waren auf mich geheftet – da fiel ein Schatten über uns.

Sie stand in der Sonne und starrte auf mich herab.

„Wer ist das?“, fragten mich die Könige. „Ist das nicht deine Freundin?“  Ein unterdrücktes Kichern.

Sie sprach meinen Namen aus. Leise.

Ich starrte einen entfernten Punkt rechts neben ihrem Kopf an. „Nein“, sagte ich. „Das ist niemand. Niemand, den ich kenne.“ 

Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Dann war es so, als erstarrten sie, als zöge sich eine Eisschicht über sie, und sie drehte sich um und ging. Nahm die Sonne mit.

In mir zerbrach etwas. Ich wirbelte herum, starrte die Könige an, die Clique, die ich immer so bewundert hatte. Die Leute, die immer im Schulhof herumstanden und rauchten, über dreckige Witze lachten, im Unterricht dumme Bemerkungen machten und Leute beleidigten.

Es waren dieselben Personen als noch vor wenigen Augenblicken, doch etwas war anders. Es waren keine Könige mehr. Der Schatten, der auf sie fiel und durch die Falten ihrer Kleidung in sie hineinsackte, ließ sie bedrohlich wirken. Er kratze die schimmernde Oberfläche ab und brachte etwas Rohes, Hässliches zum Vorschein, das meine Augen dazu brachte, sich abzuwenden.

Was hatte ich nur je an ihnen gefunden? Hatte ich gehofft, alle Menschen würden mich so ansehen, wie ich sie immer angesehen hatte?

Verloren, verloren.

Alles verloren.

Ein wenig später ließen sie mich erstarrt dort sitzen.

Ich machte mich auf den Heimweg, die Arme verschränkt und an meinen Bauch gepresst. Mir war kalt.

Ich ging an den zerplatzen, gefroren Pfützen vorbei, meine Schritte tönten dumpf durch meinen hohlen Körper. Die letzten Sonnenstrahlen entschwanden und ließen die nackten Zweige der sterbenden Bäume viel dünner wirken als vorhin.

Der Winter hatte nicht aufgehört, er fing gerade erst an. Und die entschwundene Intensität des letzten hellen Tages ließ das Loch in meinem Inneren noch größer und schwärzer wirken, den Abgrund in meinem Herzen noch tiefer.

Ich wählte den langen Weg durch das Wäldchen, zertrat alle Pfützen, von denen sie so sehnlich gesprochen hatte, und mit jedem Bersten der Eisschicht wurde die Luft um meine Seele kälter. Sie fror.

Zu Hause begegnete ich meinem Spiegelbild. Ich erschrak.

Meine Augen, so leer.

Der Mensch, der in der kalten Glasschicht gefangen war und mich anstarrte, ängstigte mich.

Er war nicht ich.

Er war nicht mein Freund.

Er war niemand.

Niemand, den ich kannte. 




envoyé le: 07:55 Tue, 28 February 2017 par: Mahr Anouk

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